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Frankfurts Planungsdezernent Mike Josef sieht einen großen Nachholbedarf beim bezahlbaren Wohnraum. Innenentwicklung allein werde daher nicht reichen. Foto: Renate Hoyer
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Frankfurts Planungsdezernent Mike Josef sieht einen großen Nachholbedarf beim bezahlbaren Wohnraum. Innenentwicklung allein werde daher nicht reichen.

Interview

Frankfurter Planungsdezernent: „Wir müssen antizyklisch handeln“

  • Christoph Manus
    VonChristoph Manus
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Frankfurts Planungsdezernent Mike Josef (SPD) hält trotz sinkender Bevölkerungszahl neue Wohngebiete auf dem Acker für nötig. Es gelte Vorsorge zu betreiben für die nächsten Jahrzehnte.

Herr Josef, erstmals seit dem Jahr 2002 ist die Bevölkerungszahl in Frankfurt gesunken. Wird das die Wohnungssituation in der Stadt etwas entspannen?

Sicherlich. Wenn sich die Einwohnerzahl in den nächsten Jahren nicht entwickelt wie lange angenommen, sinkt die Nachfrage nach Wohnraum in der Stadt. Zur Wahrheit gehört aber auch: Frankfurt wächst schon seit 2015 nicht mehr so stark wie in den Jahren zuvor. Schon 2019 stieg die Zahl nur noch um gut 2000 Menschen an, 2020 stagnierte sie. Corona hat diese Entwicklung der vergangenen Jahre noch verstärkt. Zurzeit ziehen deutlich weniger Menschen von außerhalb zu. Die weltweite Mobilität ist zum Erliegen gekommen, das hat natürlich Auswirkungen auf eine internationale Dienstleistungsstadt wie Frankfurt.

Im Integrierten Stadtentwicklungskonzept ging die Stadt noch davon aus, dass bald die Marke von 800 000 Einwohner:innen geknackt wird. 2040 sollten bereits etwa 830 000 Menschen im Stadtgebiet leben. Halten Sie das noch für möglich?

Das sehe ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Wir sollten uns aber nicht zu stark an solchen Zahlen orientieren. Corona zeigt, wie schwierig solche Prognosen zum Wachstum sind.

Viele Menschen haben sich in der Corona-Krise ans Homeoffice gewöhnt, würden gern auch künftig nicht jeden Werktag ins Büro fahren. Das könnte den Wegzug ins Umland noch weiter verstärken.

Ja. Die Entwicklung hat aber auch mit dem hohen Preisniveau in Frankfurt zu tun. Menschen überlegen sich natürlich schon, ob sie lieber ins Umland ziehen, wo sie für denselben Preis oder dieselbe Miete mehr Fläche bekommen. Homeoffice kann eben auch bedeuten, dass ein zusätzliches Arbeitszimmer benötigt wird. Dass die Region wieder stärker nachgefragt wird und dass dort mehr Wohnungen als vor einigen Jahren entstehen, ist aber durchaus positiv. Denn das entlastet den Frankfurter Wohnungsmarkt. Wir sind von der Fläche her so klein, dass wir das Wohnungsproblem gar nicht allein lösen können. Wir sind auf eine regionale Zusammenarbeit angewiesen.

Was heißt die neue Entwicklung bei der Bevölkerungszahl für den Bedarf an neuem Wohnraum? Gehen Sie weiterhin davon aus, dass bis zu 90 000 Wohnungen in Frankfurt entstehen müssten, um die Nachfrage zu decken?

Die Debatte über Zahlen ist mir zu technokratisch. Klar ist, dass wir gerade beim bezahlbaren Wohnraum noch einen hohen Nachholbedarf haben. In keiner deutschen Großstadt sind in den vergangenen fünf Jahren prozentual so viele Wohnungen errichtet worden wie in Frankfurt. Erstmals gibt es mehr als 400 000 Wohnungen in der Stadt. Wir werden aber auch weiterhin neue Quartiere brauchen. Dazu bringen wir neue Bebauungspläne auf den Weg. Je mehr bezahlbare Wohnungen entstehen, desto eher entspannt sich die Situation auf dem Wohnungsmarkt.

Zur Person

Mike Josef (SPD) ist seit 2016 Dezernent für Planen und Wohnen der Stadt Frankfurt. Seit kurzem ist der Diplom-Politologe zudem für Sport zuständig.

Der 38-Jährige, der mit seinen Eltern als Kind aus Syrien flüchtete, hat vor seiner Zeit als hauptamtlicher Stadtrat als Organisationssekretär für den DGB in Südosthessen gearbeitet.

Politisch hat sich Josef bereits als Student engagiert. Als Asta-Vorstand der Frankfurter Goethe-Uni kämpfte er gegen die vom Land eingeführten Studiengebühren. cm

Wäre es angesichts der Bevölkerungsentwicklung und der Klimakrise nicht sinnvoll, dass sich die Stadt zunächst auf die Innenentwicklung beschränkt?

Wir betreiben in erster Linie Innenentwicklung. Sehr viele Wohnungen entstehen per Konversion, auf früheren Gewerbeflächen, etwa am Römerhof, an der Sandelmühle in Heddernheim, auf dem Lurgi-Areal im Mertonviertel. Das FAZ-Areal im Gallus wird ein Wohnquartier werden. Zudem wird nachverdichtet, etwa in der Sachsenhäuser Fritz-Kissel-Siedlung. Dabei müssen wir allerdings aufpassen, dass die Dichte in den Gründerzeitquartieren, aber auch den Siedlungen nicht zu hoch wird. Eine zu hohe städtebauliche Dichte kann negative Auswirkungen auf die Qualitäten wie Freiflächen haben, aber auch auf die Wohn- und Lebenssituation der Menschen.

Konversion und Nachverdichtung reichen nicht, um den Wohnungsbedarf zu decken?

Wir brauchen auch die Außenentwicklung. Sicherlich wird hier der Schwerpunkt auf den laufenden Projekten liegen. In der Planungspolitik gilt es, sehr langfristig zu denken und antizyklisch zu handeln. Schon weil wir Vorsorge betreiben müssen für die nächsten Jahrzehnte. Wir sehen das an den Baugebieten, die wie am Rebstock und auf dem früheren Siemens-Areal in Bockenheim vor 15 bis 20 Jahren auf den Weg gebracht wurden. Es gab in Frankfurt immer Schwankungen bei der Einwohnerzahl. Auf lange Sicht ist die Stadt aber stets bei den Einwohnerzahlen gewachsen. Darauf müssen wir vorbereitet sein. Ob man am Ende Flächen tatsächlich entwickelt oder nicht, kann man immer noch entscheiden. Fragen zu Qualität, Nachhaltigkeit, Bezahlbarkeit und Klimaanpassung werden dabei entscheidend für die Realisierung sein.

Sie halten es für sinnvoll, die Flächen im Nordwesten der Stadt, beidseits der A5, zu entwickeln, auch wenn man sie angesichts der Bevölkerungsentwicklung vielleicht nie braucht?

Bei den Quartieren, die östlich der Autobahn entstehen könnten, handelt es sich letztlich um eine Arrondierung bestehender Stadtteile, die auch unabhängig voneinander gebaut werden können. So können wir flexibel auf die Entwicklung reagieren. Wenn sich zeigen sollte, dass die Nachfrage nach Wohnraum in Frankfurt dauerhaft nachlässt, müssen wir nicht alle vier Viertel entwickeln. Davon gehe ich aber nicht aus.

Interview: Christoph Manus

Auf diesen Äckern an der Autobahn 5 im Nordwesten Frankfurts könnten einmal neue Wohnungen entstehen.
Nachverdichtung wie hier im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen stößt an Grenzen.

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