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Frankfurt: „Wir hüten diesen Garten wie unseren Augapfel“

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Von: Thomas Stillbauer

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Rosemarie Heilig (Grüne), die Frankfurter Klima- und Umweltdezernentin.
Rosemarie Heilig (Grüne), die Frankfurter Klima- und Umweltdezernentin. © Joscha Brueck

Die Frankfurter Klimadezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) über den Botanischen Garten und seine Einzigartigkeit.

Frau Heilig, wie oft haben Sie Gelegenheit, durch den Botanischen Garten zu spazieren?

Oh, leider viel zu selten. Dabei war er während des Studiums sozusagen mein Wohnzimmer. Im Biologiestudium verbringen Sie eine Menge Zeit dort – und wir haben praktisch die ganze Welt darin beheimatet: einen Buchen-, Eichen-, Hainbuchenwald, dann das Alpinum, eine Pflanzengesellschaft, die eigentlich in den Alpen zu Hause ist, einen feuchten Auenwald mit einem kleinen Bach, dann wieder einen Magerrasen. Zehn Meter weiter sind Sie in der Steppe, wieder zehn Meter weiter sind Sie in der Wüste. Das ist das Fantastische an diesem Ort.

Der Garten ist jetzt seit zehn Jahren unter städtischer Regie – was hat sich durch den Wechsel geändert?

Ich glaube, die Besucherinnen und Besucher bemerken die Veränderung am ehesten daran, dass wir uns immer mal etwas Aktuelles überlegen. Wir haben ein Leitsystem für den Kräutergarten entwickelt, das Menschen mit Sehbehinderung den Besuch erleichtert. Die Menschen werden mit ihrem Langstock zu dem Garten geleitet und können mit einer App hören, was es mit den einzelnen Pflanzen auf sich hat. Außerdem schauen wir immer, welche Kulturpflanzen wir den Gästen nahebringen können. Wir haben etwa Brombeer- und Weinsorten angebaut, damit man mal die Verschiedenartigkeit der Pflanzen sehen kann.

Und hinter den Kulissen? So ein Botanischer Garten in städtischer Regie kostet ja auch Geld.

Wir sind im Moment 23 Mitarbeiter:innen, die Personalkosten liegen bei 1,3 Millionen Euro im Jahr. Das ist ein finanzieller Aufwand für die Stadt, aber wir bekommen einen Landeszuschuss von 600 000 Euro. Fürs Personal hat sich nicht viel verändert, für die Pflanzen auch nicht.

Den Pflanzen ist es ja egal, ob sie vom Land oder von der Stadt gegossen werden. Aber der Herr Senckenberg – der wollte doch mit „Stadtsachen“ nichts zu tun haben, als er seinen Kräutergarten anlegte.

Der Herr Senckenberg wollte ja einen Arzneipflanzengarten. Das haben wir realisiert. Dass es nun ein Lehrgarten für Studierende geworden ist, war nicht unbedingt, was er im Sinn hatte.

Der Lehrgarten der Universität ist inzwischen auf den Riedberg weitergezogen.

Bis er so schön ist wie der Botanische Garten, braucht er aber noch einige Jahre. Wir Frankfurterinnen und Frankfurter können uns glücklich schätzen, dass es der Stadt gelungen ist, diesen Garten in den Verhandlungen mit dem Land Hessen zu bewahren. Darauf dürfen wir stolz sein. Wir werden diesen Garten weiterhin hüten wie unseren Augapfel.

Frankfurt hat ja im Prinzip zwei Botanische Gärten nebeneinander. Brauchen wir das?

Sie meinen den Palmengarten? Das ist ja kein Botanischer Garten, sondern eher ein Schaugarten, ein Garten für eine große Zahl von Besucherinnen und Besuchern. Ein Botanischer Garten hat dagegen eine viel größere Artenvielfalt – er ist ein Ort der Bildung, dazu geschaffen, die verschiedenen Vegetationsformen der Erde zu zeigen. Und so soll er auch bleiben. Deswegen nehmen wir dort auch keinen Eintritt.

So wie es Senckenberg wollte. Palmengarten-Direktorin Katja Heubach legt aber auch großen Wert auf Artenschutz und Ökologie im Schaugarten.

Das ist ja auch richtig und wichtig. Aber in der Unterscheidung ist der Palmengarten eher ein Publikumsort, wunderschön anzusehen, während der Botanische Garten ohne Publikum auch sehr gut zurechtkommt.

Wozu müssen wir vom Aussterben bedrohte Pflanzenarten im Botanischen Garten zeigen?

Nehmen wir den Sandmagerrasen. So etwas konnte sich früher an vielen Orten entwickeln, auch beispielsweise am Rande der Pferderennbahn in Niederrad. Dafür gibt es aber wegen der intensiven Flächennutzung, auch durch die Landwirtschaft, immer weniger Orte. Im Botanischen Garten weisen wir auf den Wert solcher Vegetationsformen für die Artenvielfalt hin, die anderswo ausgerottet sind. Und: Wir haben dadurch seltene Insektenarten hier, die auf solche Flächen angewiesen sind.

Es gibt mehrere Hundert Insektenarten im Botanischen Garten. Wenn Sie die bitte kurz für unsere Leserinnen und Leser alle aufzählen könnten.

Natürlich. Wo fange ich an … (lacht)

Na gut, andere Frage: Warum ist der Botanische Garten eigentlich im Winter zu?

Solch ein Kleinod soll sich erholen können. Die Intensität der Pflege ist unheimlich hoch. Im Sommer sieht man, was da wächst. Im Winter zieht sich alles zurück – da ist die Gefahr, dass jemand auf eine solche Fläche tritt, viel größer. Und wir gestalten in dieser Zeit alles neu, der Teich wird saubergemacht, kälteempfindliche Pflanzen werden abgedeckt. Lassen wir ihnen diese Zeit der Ruhe.

Interview: Thomas Stillbauer

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