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Am Hilgenfeld im Norden Frankfurts entwickelt die ABG ein Viertel, in dem in größerem Umfang gemeinschaftliches und genossenschaftliches Wohnen entsteht.

Interview

Frankfurt: „Wir halten die Mieten über Jahre konstant“

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Ulrich Tokarsi vom Volks- Bau- und Sparverein Frankfurt über die Pläne der Genossenschaften im Frankfurter Norden, bezahlbare Wohnungen zu bauen und die hohen Erwartungen der Stadtpolitik.

Herr Tokarski, Frankfurter Wohnungsgenossenschaften haben den Zuschlag bekommen, drei Grundstücke im Neubaugebiet Hilgenfeld bebauen zu dürfen. Das klingt nach einer großen Herausforderung.
Es ist zumindest ein sehr wichtiges Projekt für uns. Wir haben als Frankfurter Wohnungsgenossenschaften die Chance, zu zeigen, dass wir ein verlässlicher Partner sind und so ein innovatives Vorhaben wie am Hilgenfeld umsetzen können.

Lange haben die Genossenschaften vorwiegend ihre Wohnungen instand gehalten, höchstens mal Siedlungen etwas nachverdichtet. Ein so großes Neubauprojekt haben Sie lange nicht gestemmt.
Ja, damit betreten wir in gewisser Weise Neuland. Einzelne Projekte realisieren alle unsere Genossenschaften. Dabei geht es aber hauptsächlich um Nachverdichtung.

Am Hilgenfeld wird es auch um ganz andere Investitionssummen gehen.
Das stimmt. Da wir als Volks-, Bau- und Sparverein das Projekt „Kooperation Frankfurt“ mit drei anderen Wohnungsgenossenschaften zusammen angehen, werden das Risiko und die Aufwendungen aber auf mehrere Schultern verteilt. Gemeinsam mit einem Projekt der Wohnbaugenossenschaft Frankfurt, die mit einer Wohngruppe kooperiert, werden wir mit Hilfe der ABG auf drei Baugrundstücken rund 60 Wohnungen schaffen.

Sie wollen am Hilgenfeld eine Azubi-WG schaffen, Co-Working-Spaces, werben mit gegenseitiger Hilfe zwischen den Nachbarn. Klingt mehr nach gemeinschaftlichem Wohnprojekt als nach Traditionsgenossenschaft. Wollen Sie die Genossenschaften inhaltlich neu ausrichten?
Wir müssen das Rad nicht neu erfinden. Wir haben uns als Kooperation der Frankfurter Wohnungsgenossenschaften ja das Thema Gemeinschaft und Solidarität auf die Fahnen geschrieben. Aber natürlich klingt das anders, als man sich eine Traditionsgenossenschaft früher vorstellte. Vor 20, 30 Jahren waren die meisten Mitglieder froh, wenn sie in Ruhe in ihren vier Wänden lebten. Heute hat das Miteinander einen anderen Stellenwert. Für unser Konzept haben wir in erster Linie Dienstleistungen zusammengebracht, die die einzelnen Genossenschaften bereits jetzt anbieten. Dienstleistungen wie Carsharing etwa werden schon in den bestehenden Siedlungen immer stärker nachgefragt.

Die Stadtpolitik hofft, dass die gemeinschaftlichen Wohngruppen und die Genossenschaft die neue Nachbarschaft am Hilgenfeld zusammenhalten.
Da bauen wir auf einen sehr großen Erfahrungsschatz. Schauen Sie sich mal unsere Siedlungen an. Da gibt es keine Brennpunkte, da funktionieren die Hausgemeinschaften. Die Mieter sind alle auch Anteilseigner, ihnen gehören die Genossenschaften. Da ist das Miteinander anders ausgeprägt.

Planungsdezernent Mike Josef (SPD) preist die Genossenschaften gerne als Garanten für bezahlbare Mieten. Zu welchen Preisen werden Sie die Wohnungen am Hilgenfeld denn anbieten?

Ulrich Tokarsk i (54) ist seit 2006 Vorstandsvorsitzender des Volks- Bau- und Sparvereins Frankfurt.

Der Diplom-Mathematiker und Diplom-Physiker ist zudem Sprecher der Kooperation der Frankfurter Wohnungsgenossenschaften.

Den neun Genossenschaften gehören zusammen knapp 11.000 Wohnungen, dem Volks- Bau- und Sparverein etwa 4300. cm

Wir haben keine Renditeorientierung. Alle Überschüsse verbleiben in den Genossenschaften. Dadurch halten wir die Mieten über viele Jahre konstant. Aber die hohen Grundstücks- und Baukosten treffen uns wie alle anderen. Wir kalkulieren bei Neubauprojekten mit zehn Euro pro Quadratmeter, wenn uns die Grundstücke schon gehören, also etwa bei Nachverdichtungen. Am Hilgenfeld entstehen aber noch Grundstückskosten, die nicht zu knapp sind.

Das heißt, die Mieten am Hilgenfeld liegen dann etwa bei 12,50 Euro pro Quadratmeter?
Wenn man realistisch ist, muss man sagen: Am Hilgenfeld wird man kein frei finanziertes Neubauprojekt unter zwölf Euro pro Quadratmeter realisieren können. Wir bieten sehr viel, etwa Gemeinschaftsräume, Betreuung, Sozialstrukturen. Die Wohnungen entstehen im Passivhausstandard. Das muss auch bezahlt werden. 30 Prozent der Wohnungen werden wir gefördert anbieten,

Die Stadt will 15 Prozent der Flächen in Neubaugebieten an gemeinschaftliche Wohngruppen und Wohnprojekte vergeben. Da geht es um große Areale. Sind die Genossenschaften logistisch und finanziell überhaupt in der Lage, in solch großem Umfang Wohnungsbau zu betreiben?
Die Rahmenbedingungen sind komplex. Die Baubranche ist komplett ausgelastet. Das treibt auch die Kosten. Noch solch ein Vorhaben gleichzeitig könnten wir personell und finanziell wohl nicht stemmen. Die Projekte kommen aber in einer bestimmten Taktung. Als Nächstes stehen die Entwicklung der Günthersburghöfe im Nordend und des Rebstocks an. Bis das große Gebiet an der A5 bebaut werden könnte, wird es noch dauern. Und das wird bestimmt nicht auf einen Schlag entwickelt, sondern nach und nach. Das heißt, wir werden immer wieder Zeit haben, etwas durchzuschnaufen.

Wie viele Wohnungen könnten die in der Kooperation zusammengeschlossenen Genossenschaften denn in den nächsten Jahren bauen?
Über den groben Daumen gepeilt können wir, wenn alles optimal läuft, durch Nachverdichtung und Neubauten 500 Wohnungen in fünf Jahren errichten. Das ist, glaube ich, nicht schlecht. Die ABG will 10 000 Wohnungen in fünf Jahren bauen. Ihr gehören aber auch fünfmal so viele Wohnungen. Dort liegen zudem die Durchschnittsmieten höher. Wir würden gerne noch deutlich mehr machen. Wir haben viele Mitglieder, die auf eine frei werdende Wohnung warten.

Was halten Sie eigentlich vom Vorstoß von OB Peter Feldmann (SPD) und Planungsdezernent Josef für einen allgemeinen Mietendeckel in Frankfurt?
Ich warne davor, das pauschal zu fordern. Das könnte unsere Geschäftspolitik sehr einschränken. Wir als Genossenschaften vermieten deutlich unter Mietspiegel, im Schnitt für gut 6,50 Euro pro Quadratmeter. Damit sind unsere Mieten kostendeckend. Für uns wäre es schwierig, wenn die Mieten prinzipiell nur um ein Prozent im Jahr steigen dürften. Denn wer garantiert mir, dass die Kosten nicht stärker wachsen? Darauf muss ich reagieren können.

Was könnte die Stadt tun, um ihnen den Wohnungsbau zu erleichtern?
Auflagen reduzieren. Vor 15 Jahren war es noch viel weniger Aufwand, eine Baugenehmigung einzuholen als heute. Teilweise leiden wir als Genossenschaften unter einer Regulierung wie den Milieuschutzsatzungen, die eigentlich gemacht wurden, um Luxussanierungen zu vermeiden. Doch diese erschweren nun auch uns die Nachverdichtung.

Interview: Christoph Manus

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