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Bewegung ist für Kinder und Jugendliche wichtig. Das kommt aber derzeit zu kurz.
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Bewegung ist für Kinder und Jugendliche wichtig. Das kommt aber derzeit zu kurz.

Frankfurt

Frankfurt: „Wir haben die Kinder aus dem Blick verloren“

  • Steven Micksch
    vonSteven Micksch
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Stefan Schäfer, Geschäftsführer des Kinderschutzbunds Frankfurt, spricht im Interview über die Sorgen und Ängste der Jugend in der Corona-Zeit.

Der 30. April ist der Tag der gewaltfreien Erziehung. Er bildet auch den Auftakt der Kampagne des Frankfurter Bündnisses „Stark durch Erziehung“. Die Initiatoren möchten deutlich machen, dass Kinderrechte auch in Pandemiezeiten gelten. Die Frankfurter Rundschau sprach mit dem Geschäftsführer des Frankfurter Kinderschutzbundes über die aktuelle Situation in Familien.

Herr Schäfer, wie geht es den Kindern und Jugendlichen in der Pandemie?

Diverse Studien über das Wohlergehen von Kindern in der Pandemie zeigen, dass sich mehr als ein Drittel der Kinder einsam fühlen. Sieben von zehn Kindern sind seelisch belastet und entwickeln Ängste. Das betrifft insbesondere die Jüngeren. Die Älteren fühlen sich nicht gesehen und nicht gehört. Sie beklagen, dass sie nicht gefragt werden, was sie eigentlich brauchen. Und sie haben Recht – wir haben die Kinder und Jugendlichen aus dem Blick verloren.

Gibt es noch weitere negative Auswirkungen?

Ja. Wenn man noch eine Altersgruppe höher geht, erlebt man große Zukunftsängste bei vielen Jugendlichen. Gerade die Jugendlichen mit geringeren Bildungsabschlüssen haben es schwer, in Ausbildungsberufe zu kommen. Dazu stellen wir bei Kindern und Jugendlichen einen Bewegungsmangel und erhöhten Medienkonsum fest. Das wird auch mittel- und langfristig Auswirkungen haben. Kinder und Jugendliche sind in ihrer Entwicklung unbedingt auf soziale Kontakte angewiesen, auch außerhalb der Familie. Erziehungsberatungsstellen nehmen schon jetzt vermehrt Ängste oder auch Schulverweigerungen wahr.

Was kann man jetzt tun, um den jungen Menschen zu helfen?

Soweit es geht, sollten Kitas und Schulen offen bleiben. Natürlich braucht es ein gutes Hygienekonzept, aber es sollte nicht vom Beruf der Eltern abhängig sein, ob Kinder Zugang zu einer Notbetreuung haben. Viele Eltern stehen seit mehr als einem Jahr unter Dauerstress, Familien in beengten Wohnverhältnissen, Alleinerziehende und solche mit geringem Einkommen ganz besonders. Wenn für drei Kinder nur der Küchentisch und ein Laptop für den Onlineunterricht zur Verfügung steht, ist das ein handfestes Problem. Das macht die Situation für Familien zu Hause nicht leichter. Des Weiteren müssen wir auch weiterhin den Kindern die Möglichkeit bieten, ihren Sport auszuüben.

Hilfsangebote für Familien

Eltern , die wegen der familiären Situation Rat benötigen können sich in Frankfurt an mehrere Institutionen wenden.

Kinderschutzbund Frankfurt, Tel. 069/970 901 10, dksb@kinderschutzbund-frankfurt.de

Erziehungsberatung Frankfurt, 14 Beratungsstellen helfen telefonisch oder online, alle Kontaktdaten unter www.ebffm.de

Familienbildungsstätten Frankfurt, alle Kontaktdaten unter www.familienbildung-in-frankfurt.de, Tel. Tel. 069/43 96 45

Frankfurter Kinder- und Jugendschutztelefon , Tel. 0800/20 10 111 (täglich bis 23 Uhr), Kinder-jugendschutz@stadt-frankfurt.de

Elterntelefon „Nummer gegen Kummer“, Tel. 0800/111 0 550

Was braucht es noch?

Im Anschluss an diese Pandemie – wann auch immer das ist – brauchen wir Unterstützungsleistungen und Angebote für die Kinder und Jugendlichen, um die Defizite, die jetzt aufgebaut wurden, abzubauen. Das betrifft sicherlich schulische Defizite, aber vor allem braucht es soziale Kontakte. Es muss Freizeitangebote, Kinderkultur- und Bildungsangebote und verstärkte Sozialarbeit geben. Im Vordergrund sollte der Kontakt zu Gleichaltrigen und anderen Personen außerhalb der Familie stehen. Ich würde mir wünschen, dass man vielleicht schon die Sommerferien für solche Angebote nutzt.

Wie kann man die Kinder aktuell mit einbeziehen?

Eine Möglichkeit wäre die Schule. Wenn es dort eine Präsenzöffnung gibt, könnte man Jugendliche an den Hygienekonzepten beteiligen. Was erachten sie für sinnvoll, wo ist das Konzept schon gut? Und dann schaut man, ob das den Vorgaben entspricht. Es muss nicht alles eins zu eins umgesetzt werden, aber man muss die Jugendlichen anhören. Ihre Gedanken, Gefühle und Meinungen müssen ernstgenommen werden.

Es gab Befürchtungen, dass der Lockdown zu mehr Gewalt in den Familien führen würde. Gibt es diese Sorge immer noch?

Ja, diese Sorge ist bei uns immer noch da. Besonders beim Thema häusliche Gewalt haben wir es schon immer mit einem großen Dunkelfeld zu tun. Wir wissen also nicht, wie die realen Auswirkungen sind, das können viele Statistiken gar nicht erfassen. Das Dunkelfeld wird noch größer, Erzieherinnen und Lehrerinnen sehen die Kinder nicht mehr regelmäßig, da fällt dann auch der blaue Fleck oder das veränderte Verhalten des Kindes nicht auf. Wir merken es aber auch an deutlichen Zunahmen beispielsweise am Elterntelefon. Bundesweit hat es 2020 eine Zunahme bei den Beratungen von 64 Prozent im Vergleich zu 2019 gegeben. Und es hält an.

Was wird dort berichtet?

Eltern erzählen uns, dass sie immer häufiger mit den Kindern schimpfen oder sie anschreien. Aber auch, dass schon mal die Hand ausrutscht und es Ohrfeigen gibt. Und das sind Familien, die über gute soziale und finanzielle Ressourcen verfügen, aber jetzt überfordert sind. Aber sie erkennen das Problem und melden sich. Wir würden uns wünschen, dass sich noch viel mehr Eltern Hilfe suchen. Das ist keine Schande, sondern in vielen Familien Normalität, weil der Druck so groß ist. Kinder haben aber das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung, auch in einer solchen Pandemie-Situation.

Interview: Steven Micksch

Stefan Schäfer ist Geschäftsführer des Kinderschutzbund Frankfurt.

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