Die Halle 11 auf der Messe war weit genug entfernt und wurde in ein Übergangswohnzimmer verwandelt.  
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Die Halle 11 auf der Messe war weit genug entfernt und wurde in ein Übergangswohnzimmer verwandelt.  

Evakuierung

Frankfurt: Windeln, Bücher und eine Matte zum Beten im Gepäck

  • vonClara Gehrunger
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Tausende müssen die Sperrzone verlassen. Doch alles verläuft ohne Verzögerung.

Mike sitzt auf einer Parkbank am Rande des evakuierten Gebiets und wartet. „Wie lange dauert das Ganze denn?“, fragt der ältere Mann, der nur seinen Vornamen nennen möchte. Als er erfährt, dass die Fliegerbombe bis 18 Uhr entschärft sein soll, erschrickt er. Zu dem Zeitpunkt ist es gerade einmal 8.30 Uhr, und es ist kalt. Mike hat keine Tasche dabei, eine Unterkunft für den Tag will er sich nicht suchen. „Dann gehe ich in die Stadt“, beschließt er. Und bleibt sitzen.

Aus der Straße, in deren Richtung er schaut, kommen in einigen Abständen immer wieder Menschen mit mehr oder weniger großen Taschen. Eine Frau hat einen Wanderrucksack und eine Stofftasche dabei und geht zu einer Freundin. „Ich konnte mich nicht für ein Buch entscheiden“, sagt sie und schmunzelt. Deswegen habe sie gleich mehrere mitgenommen. Bereits am Mittwoch habe sie von der Evakuierung erfahren und daraufhin Freunde in der Umgebung angeschrieben, ob sie bei ihnen unterkommen könne. „Die Freundin, zu der ich gehe, war während der vorigen Entschärfung bei mir.“

Nicht alle, die an diesem Freitagmorgen ihre Wohnung verlassen, hatten so viel Zeit zur Vorbereitung. „Von der Räumung habe ich erst gestern Abend erfahren, als ich die Mitteilung im Briefkasten gesehen habe“, berichtet eine Frau, die trotzdem noch ein Hotelzimmer gefunden hat. Sie trägt eine weiße Burka, hat einen Koffer und eine Isomatte dabei. „Die Isomatte nehme ich immer mit, wenn ich länger unterwegs bin“, erzählt sie. „Zum Beten.“

Unterdessen ist im Sperrgebiet, das einen Radius von 500 Metern um die Fliegerbombe umfasst, auffällig wenig los. Die Polizei steht zunächst nur passiv bereit. Mehrere Krankenwagen sind im Einsatz; der Rettungsdienst bereitet sich darauf vor, Bewohner einer Pflegeunterkunft abzuholen, die nicht in der Lage sind, das Gelände selbstständig zu verlassen.

Die Straßen leeren sich

Die meisten der Anwohner rund um das Messegelände erleben nicht zum ersten Mal eine Evakuierung wegen der Entschärfung einer Fliegerbombe. Für die Töchter von Abdul Issa ist die Erfahrung hingegen neu. Kaum auf das Thema angesprochen, ruft die Ältere der beiden: „Ich finde es doof, dass man überhaupt Kriege anfängt!“

Abdul Issa verlässt die Wohnung mit seinen Töchtern; die beiden sollen zu seiner Schwägerin nach Würzburg. Normalerweise würde er sie zu den Großeltern bringen, wegen Corona sei das Risiko aber noch zu hoch. Die ältere Tochter hat ihren Schulranzen dabei, obwohl die Schule ausfällt. „Dabei hatte der Unterricht gerade erst wieder angefangen“, seufzt Issa. Deswegen habe seine Tochter aber immerhin Aufgaben für unterwegs dabei. „Im Auto kann ich die Aufgaben nicht machen“, unterbricht ihn die Achtjährige, und wenn sie schon bei den Verwandten sei, würde sie dort lieber spielen. „Am liebsten wärst du aber zur Schule gegangen, oder?“, hakt ihr Vater nach. Das Mädchen nickt entschieden.

Issa ist Mitglied des Schulelternbeirats. Er erzählt, der Schulleiter habe selbst erst kurzfristig erfahren, dass die Schule während der Bombenentschärfung geschlossen bleiben müsse. Auch sein Vermieter, ein 90 Jahre alter Mann, habe von der Evakuierung nichts erfahren: Er habe nachmittags nicht den Briefkasten geleert. „Die Informationspolitik ist eine Katastrophe“, findet Issa.

Spielzeug und Windeln

Seine Töchter haben Helme dabei, Laufrad und Inlineskates kommen mit nach Würzburg. „Damit sie im Freien etwas unternehmen können“, erklärt ihr Vater. Sofern das Wetter mitspiele.

Auch Jakob hat hauptsächlich für seine Tochter gepackt. Der junge Mann, der auch nur seinen Vornamen preisgibt, schiebt einen Kinderwagen mit zwei Taschen und zieht einen Rollkoffer hinter sich her. „Ich habe vor allem Spielzeug für sie mitgenommen und Windeln“, sagt er und deutet auf seine Tochter und die Taschen.

Wenig später verstellt die Polizei mit ihren Autos die Zugänge zu den evakuierten Straßen. Inzwischen sind die meisten Straßen komplett leer, nur einige wenige S-Bahnen durchqueren noch das Gebiet. Ab 10.30 Uhr fahren auch sie einen Umweg. Die Ansagen aus einem Polizeiwagen hallen in kurzen Abständen durch die Straßen: „Auf diesem Gelände wird heute eine Fliegerbombe entschärft. Verlassen Sie das Gelände zu Ihrer eigenen Sicherheit.“

Einige Fenster sind noch offen, hinter einem davon niest jemand. Kurz danach lugen zwei Köpfe vom Balkon nebenan auf die Straße heraus – vollständig geräumt sind die Wohnungen zu dem Zeitpunkt, bis zu dem die Anwohner die Sperrzone verlassen sollten, wohl nicht.

Eine Stunde später kreist ein Polizeihubschrauber über dem Gebiet, um sicherzustellen, dass sich niemand mehr dort aufhält. Nach Angaben einer Polizeisprecherin hat es bei der Evakuierung der Gefahrenzone keine Probleme gegeben.

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