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Frankfurt: Wildes Rennen zum Wohl der Natur

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Von: Thomas Stillbauer

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Überholvorgang.
Überholvorgang. © Boris Roessler/dpa

Die „1. Hessische Schneckenweltmeisterschaft“ lockt in den Frankfurter Nordpark. Es geht um Geschwindigkeit – und um viel mehr.

Große Ereignisse werfen ihre Schleimspuren voraus. Überall in Hessen sollen bereits Trainingskilometer absolviert worden sein. Vielleicht waren es aber auch nur Trainingszentimeter rund um den Bonameser Nordpark im Norden Frankfurts. Dort steigt am nächsten Wochenende die „1. Hessische Schneckenweltmeisterschaft“. Sportfreundinnen und -freunde sind schon ganz aus dem Häuschen.

„Sie sind langsam“, sagt Frieder Leuthold, „und doch über Nacht oft fix.“ Dann fräßen sie in atemberaubenden Tempo Erdbeeren, Salat und alles weg, was ihnen nicht gehört. Leuthold kennt seine Pappenheimer. Er arbeitet beim Frankfurter Umweltamt, hat jahrelang das Projekt „Städte wagen Wildnis“ aufgebaut und ist also der richtige Mann, dieses wilde Rennen zu organisieren.

Die Idee hatte er, als die Sportschau einen nur einminütigen Beitrag sendete: Da lieferten sich Schnecken bei der Weltmeisterschaft im britischen Congham ein rasantes Rennen („Ready, steady, slow!“) – so wie in jedem Jahr seit 1960. Weltrekordhalter ist Schneckerich Archie, der 1995 die 33 Zentimeter in blitzartigen 2:20 Minuten lief.

„Die haben das in England herrlich ernstgenommen“, amüsiert sich Leuthold. „Es gibt harte Regeln, was erlaubt ist, auch bei der Ernährung – wegen Doping und so.“ Das könnte sich doch auch mit hiesigen Athleten organisieren lassen, sagte er sich. Und musste den Plan seither wegen Corona zweimal verschieben. Nun aber soll es wahrwerden, das Spektakel. Zugelassen sind alle Arten von Schnecken, allerdings unter strenger Wahrung des Tierwohls sowie des Natur- und Artenschutzes. „Wir haben eine Ausnahmegenehmigung bei der Unteren Naturschutzbehörde eingeholt“, sagt Leuthold und zitiert aus dem Titel: „über das Fangen (und vor Ort wieder freilassen) von Weinbergschnecken zum Ziele der Umweltbildung“. Die Schnecken aus dem Nordpark werden nach dem Wettkampf exakt dort wieder ausgesetzt, wo sie herstammen, und während der Wartezeit auf ihren Start bei bester Versorgung komfortabel untergebracht. Eigene Schnecken dürfen ebenfalls angemeldet und dann natürlich auch wieder mitgenommen werden.

Dem/der siegreichen Athlet:in – Schnecken sind ja Vorbilder im Gendern und vereinen alle Geschlechter in einer Person – winkt ein Pokal (Bembel) gefüllt mit ökologisch-knackfrischem Grünzeug der Solidarischen Landwirtschaft Maingrün in Oberrad. Und wer die Gewinnerschnecke trainiert hat, erhält als Hauptpreis das Original-Grüngürtel-Stofftier.

Über die Frankfurter WM-Pläne hat Leuthold bereits die Sportschau informiert, für den Fall, dass sie wieder berichten will. Er weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass der Termin mit Bedacht gewählt wurde: Die Eintracht spielt an jenem Samstag auswärts. „Sonst hätten wir den Fußballern wahrscheinlich zu viel Publikum weggenommen“, betont Leuthold mit einem Stielaugenzwinkern. Wer beides genießen will, das Bundesligafinale und die Schnecken-WM auf Hessisch, hat auch dazu die Chance. Die Eintracht spielt ja in Mainz, der Weg ist nicht weit. Ein Schneckensprung sozusagen.

DAS RENNEN

Am kommenden Samstag, 14. Mai, steigt die „1. Hessische Schneckenweltmeisterschaft“ im Frankfurter Nordpark (Bonames, am Rande der Homburger Landstraße). Die Arena befindet sich dann im „wilden Klassenzimmer“, erreichbar, wenn man am Grill- und Sportplatz vorbeigeht bis zur Sondermann-Statue, dann links.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer können ihre Schnecken-Athlet:innen per E-Mail an info@staedte-wagen-wildnis.de anmelden. Darin bitte angeben: den Rennstallnamen (also die Familie oder Person, die die Schnecke ins Rennen schickt), den Namen der Schnecke und eine Wunsch-Startnummer.

Wer keine eigene Schnecke hat, kann vor Ort eine coachen – oder einfach nur zuschauen, anfeuern und auf die Sieger wetten.

Wenn die Weichtiere kommendes Wochenende um die Wette rennen, geht es auch darum, den Menschen die Natur ans Herz zu legen. Ein niedrigschwelliges Angebot an jene, die nicht ohnehin schon umweltbegeistert und engagiert sind. Schnecken leisten große Dienste fürs Ökosystem, Geschwindigkeit hin, Geschwindigkeit her. Für jede einzelne, die uns den Kopfsalat wegfuttert, gibt es Millionen, die draußen helfen, die Welt am Laufen zu halten. „Schnecken sind der Gesundheitsdienst im Garten“, lobt etwa der Naturschutzbund (Nabu). „Sie fressen auch verwesende Pflanzenteile und tote Tiere und sind damit ein nützlicher Bestandteil der Lebensgemeinschaft. Zudem zersetzen sie Pflanzenreste und helfen so bei der Humusbildung mit.“

Darauf werden die Veranstalter am Samstag, das Frankfurter Umweltamt und die Wildnislotsen, bei Erkundungstouren durch den Nordpark hinweisen, Lebensweise und Strategien der Weichtiere vorstellen – und erlebbar machen. Beispielsweise beim Schneckenrennen.

Ein Teil des Nordparks ist seit 2016 erklärtermaßen wild. Da geht es nicht um die Ereignisse an Wochenenden in der Grillsaison, sondern es begann seinerzeit das Projekt „Städte wagen Wildnis“: Zwei Gebiete, außer dem Bonameser Nordpark noch der Monte Scherbelino im Stadtwald, werden weitgehend sich selbst überlassen. Inzwischen ist das Bundesprojekt in Frankfurt nach fünf Jahren offiziell abgelaufen, aber die Stadt hat beschlossen, auf eigene Faust dranzubleiben. „Wir haben es geschafft, fast alles weiterlaufen zu lassen“, sagt Leuthold und meint damit etwa die Wildnislotsen, die inzwischen sogar in einem weiteren Gebiet Spaziergänger informieren: im Fechenheimer Mainbogen, dem großen Renaturierungsprojekt im Frankfurter Osten.

„Ich könnte zehn Stadtteile aufzählen, in denen es sich lohnt, ebenfalls die Wildnis zu fördern“, sagt der Projektleiter und nennt beispielhaft das Sossenheimer Unterfeld, die Schwanheimer Dünen, den Heiligenstock. Das Thema ist jedoch sensibel. Wie sehr die menschliche Kultur sich aus der Stadtnatur zurückziehen soll, „darüber lässt sich trefflich streiten“, sagt Leuthold.

Das völlige Sich-selbst-Überlassen der Vegetation könne durchaus dazu führen, dass sich Arten verabschieden, wenn etwa die Armenische Brombeere, wie es ihre liebste Gewohnheit ist, einfach alles andere überwuchert. Manchmal brauche die Stadtnatur den behutsamen Eingriff, um erwünschte Wildnis zu sein. „Aber was wir im Nordpark sicher nicht mehr wollen, ist eine Möblierung der Landschaft, eine Kultur des Waldlehrpfads wie in den 80er Jahren.“ Ein Beispiel für die Konflikte, die auftreten können, ist das Höchster Streichwehr, 2013 zum Wohle der Fische renaturiert, die dort seither wieder flussaufwärts in Richtung ihrer Laichgründe ziehen können. Zunächst standen dort, sehr angetan von der Entwicklung, Reiher und Eisvogel. Und dann lagen dort, ebenfalls vom zurückgewonnenen Paradies begeistert, Menschen. „Der Ort war im heißen Sommer geflutet von Badegästen“, sagt Leuthold. „Es war wie im Freibad, auch mit dem Müll danach.“

Also, die Stadtnatur braucht Wildnis, aber auch Regulierung. Am Alten Flugplatz Kalbach/Bonames etwa häufen sich die Anfragen, dort würden gern Autofirmen ihre Fahrzeuge präsentieren oder Drohnenfans ihre Objekte fliegen lassen – „ist doch ein Flugplatz!“ Es war mal ein Flugplatz. Jetzt ist es eine Oase, die zum Wohle der Umwelt ausgebaut werden soll, im Dreiklang aus Naturschutz, Naherholung und Umweltbildung. Drohnen gehören nicht dazu. „Den Spirit des Ortes bewahren“ sei das Ziel.

Dass soll auch am Samstag im nahen Nordpark gelten. Dann werden die Schnecken in einer Arena, die die Wildnislotsen selbst zimmern, vom Mittelpunkt nach außen rasen, wahrscheinlich in mehreren Vorläufen und in drei verschiedenen Wettkampfkategorieren: „Weinberg“, „Bänder“ und „Homeless“. Auch Trainingsplätze sowie Relaxzonen für Schnecken wird es geben. Als Favorit gehe „der/die einäugige Lokalmatador:in Störtebeker“ ins Rennen, hört man aus Fachkreisen, aber die Konkurrenz schlafe nicht. Jedenfalls nicht nachts. Da frisst sie ja Erdbeeren.

Die Wildnis im Nordpark, an einigen Stellen ist sie überwältigend schön.
Die Wildnis im Nordpark, an einigen Stellen ist sie überwältigend schön. © christoph boeckheler*
Der Pokal für die Siegerschnecke.
Der Pokal für die Siegerschnecke. © Umweltamt/Stefan Cop
Jetzt aber schnell, Emmanuelle.
Jetzt aber schnell, Emmanuelle. © Renate Hoyer

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