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Sternfahrt Frankfurt-Wiesbaden: Ein Meer von Fahrrädern auf der A66

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Von: Florian Leclerc

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Etwa 8500 Menschen radeln am Sonntag über die Autobahn von Frankfurt nach Wiesbaden. Gefordert werden bei der Sternfahrt bessere Radwege für die Verkehrswende.

Frankfurt – Als die Polizei den Fahrradverkehr auf der Autobahn 66 am Sonntagnachmittag kurz stoppt, damit der Zeitplan für die Straßensperrungen eingehalten werden kann, bietet sich ein außergewöhnliches Bild: Soweit das Auge reicht, und das Auge hätte 4,5 Kilometer weit blicken müssen, steht ein Meer von Menschen mit Fahrrädern.

8500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind am Sonntag nach Polizeiangaben über die A648 und die A66 von Frankfurt nach Wiesbaden gefahren. Für die gut 36 Kilometer lange Strecke brauchten sie drei Stunden, von etwa 13 bis 16 Uhr.

Sternfahrt Frankfurt: Verkehrswende sei nur mit mehr Platz für Fuß- und Radverkehr möglich

Schon am Vormittag waren zahlreiche Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei einer Sternfahrt von Friedberg, Hanau und Darmstadt nach Frankfurt gekommen. Der 45-jährige Tom kam mit seiner Familie aus Dreieich, der 54-jährige Markus mit Familie aus Neu-Isenburg. Für seine beiden Kinder, fünf und neun Jahre alt, stehe der Spaß im Vordergrund, einmal auf der Autobahn Fahrrad fahren zu dürfen, sagte Tom. Markus betonte, auch verkehrspolitisch müsse sich etwas ändern. So gebe es keine gescheite Radverbindung zwischen Frankfurt und Neu-Isenburg.

Mehr als zehntausend Fahrradfahrer radeln im Rahmen einer Demonstration über die A66 zwischen Frankfurt und Wiesbaden.
Mehr als zehntausend Fahrradfahrer radeln im Rahmen einer Demonstration über die A66 zwischen Frankfurt und Wiesbaden. © Boris Roessler

An der Messe sorgte Dirk Friedrichs vom Bündnis Verkehrswende Frankfurt auf einer Bühne für die nötige Motivation. Der geplante Ausbau der Autobahnen A3, A5, A66 und A661 sei kontraproduktiv für eine Verkehrswende. Stattdessen müsse es mehr Platz für den Fuß- und Radverkehr und die öffentlichen Verkehrsmittel geben.

Volksentscheid

Mit einem Volksentscheid können Bürger selbst Gesetze erlassen. Dazu müssen allerdings mehrere Hürden überwunden werden. Am Anfang steht die Sammlung von knapp 44 000 Unterschriften (ein Prozent der Wahlberechtigten) unter einem Zulassungsantrag auf ein Volksbegehren, enthalten sein muss ein verfassungsgemäßer Gesetzentwurf.

Entscheidet der Landeswahlleiter, dass das Begehren zugelassen wird, und gibt die Landesregierung dem Antrag statt, folgt die nächste Unterschriftensammlung zum eigentlichen Volksbegehren.

Beim Volksbegehren müssen sich fünf Prozent der Stimmberechtigten in Hessen (derzeit rund 218 600) innerhalb einer Frist von sechs Monaten in den Bürgerämtern in Listen eintragen.

Der Landtag muss sich mit dem Gesetzentwurf beschäftigen, wenn dies gelingt. Lehnt das Parlament den Entwurf ab, kann ein Volksentscheid folgen, dem ähnlich wie bei einer Wahl an einem festgelegten Sonn- oder Feiertag die Mehrheit, die mindestens ein Viertel der Stimmberechtigten ausmachen muss, zustimmt.

Bisher ist in Hessen kein Gesetz im Wege der Volksgesetzgebung zustande gekommen, „weil die erforderlichen Volksbegehren entweder nicht zugelassen wurden oder nicht von genügend Stimmberechtigten unterstützt worden sind“, erklärt dazu der Landeswahlleiter. dpa

VCD Frankfurt Rhein/Main sammelte Unterschriften für Vekehrswendegesetz

Dem stimmte die 49-jährige Christine aus Wiesbaden grundsätzlich zu. Sie war mit ihrem 17-jährigen Sohn Jasper aus Wiesbaden gekommen, um bei der Sternfahrt mitzumachen. Man dürfe nicht nur meckern, sagte Christine. In Wiesbaden seien zuletzt einige Radwege hinzugekommen. Andere Radwege endeten aber im Nichts, sagte Jasper. Es gebe also noch einiges zu tun.

Mathias Biemann vom VCD Frankfurt Rhein-Main verriet derweil, dass mehr als 70 000 Unterschriften für ein hessisches Verkehrswendegesetz zusammengekommen seien. Gesammelt hatte das Bündnis Verkehrswende Hessen. Nötig gewesen wären etwa 44 000 Unterschriften. Nach der Übergabe der Unterschriften an den hessischen Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) hoffe er auf gute Verhandlungen mit allen Fraktionen im hessischen Landtag, allen voran der Regierungskoalition aus CDU und Grünen. Werner Buthe, der die Sternfahrt organisiert hatte, sah blass aus. Die vergangenen 14 Tage hätten ihn mitgenommen, sagte er. Zuletzt hatte die bundeseigene Autobahn GmbH gegen die Sternfahrt geklagt. Das Verwaltungsgericht Wiesbaden und der Verwaltungsgerichtshof in Kassel wiesen die Klagen ab.

Gemütliches Tempo mit dem Fahrrad bei Sternfahrt Frankfurt

Die Fahrt ging um Viertel nach eins mit leichter Verzögerung los. Gefahren wurde in gemütlichem Tempo. Viele Kinder waren dabei, teils auf Kindersitzen, teils auf eigenen Rädern. Auch Inline-Skater waren unterwegs. Sie hatten kein Problem, das Tempo zu halten. „Ich wollte eigentlich irgendwann mal in Wiesbaden ankommen“, beschwerte sich eine Frau auf dem Rad, der es nicht schnell genug ging. Hinter Eschborn, wo sich die Autobahn mehrspurig auffächert, kam Geschwindigkeit auf. Mit mehr als 30 Stundenkilometer rasten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer das breite Asphaltband herab. Bei der Papageiensiedlung ging es dann merklich bergauf. „Das bemerkt man mit dem Auto gar nicht“, sagte ein Teilnehmer später in der Bahn auf dem Weg zurück.

Von Brücken fotografierten viele Menschen und winkten den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Sternfahrt zu. Rolf Oeser
Von Brücken fotografierten viele Menschen und winkten den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Sternfahrt zu. © Rolf Oeser

Von den Brücken und am Straßenrand standen Menschen, machten Fotos und winkten den Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu. Mit Musikboxen beschallten einige Radfahrerinnen und Radfahrer ihre Nachbarschaft. Beim Lied „Y..M.C.A.“ von Village People sangen und wippten viele mit. Um kurz vor vier Uhr kamen Tausende in der Reisinger-Anlage am Wiesbadener Hauptbahnhof an. Schnell stürmten einige zum Zug nach Frankfurt. Wer wusste schon, ob es später noch Platz für so viele Fahrräder geben würde. (Florian Leclerc)

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