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Erneut lagern Menschen, die vermutlich aus Osteuropa oder vom Balkan kommen, an der Weissfrauenkirche in der Gutleutstraße in Frankfurt am Main. 

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Frankfurt: Erneut Roma-Lager vor  Weißfrauenkirche

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Auf dem Platz vor der Weißfrauenkirche haben sich Roma ihr Nachtlager errichtet. Manchmal schlafen dort ein, manchmal drei Dutzend Rumänen.

Frankfurt - Die Roma sind wieder da. Vor dem Platz auf der Weißfrauenkirche haben sie ihr Nachtlager errichtet. Manchmal schlafen dort ein, manchmal drei Dutzend Rumänen. Das sei auch nicht weiter schlimm, sagt Jürgen Mühlfeld, Leiter des angrenzenden Diakoniezentrums Weser 5, die Roma seien friedlich, weitgehend ruhig und kooperativ, aber es gebe bereits erste Beschwerden von Anwohnern, und auch Ordnungsdezernent Markus Frank (CDU) berichtet von einer derzeit „sehr hohen Beschwerdelage“ und beobachtet die Situation mit wachsamen Augen.

Nun war genau dieser Übernachtungsort im Herbst 2016 Bühne eines bizarren Stadttheaters. Im Sommer hatten viele Roma dort übernachtet, nach Meinung einiger Anwohner zu viele. Die „Bild“-Zeitung berichtete von apokalyptischen Zuständen: „Anwohnerbeschwerden, die Bettler beschimpfen und bespucken sie dafür, Anwohner antworten mit Eierwürfen. In die Hauseingänge gegenüber der Kirche wird gepinkelt, hinter Glascontainer gekackt.“ Auch wenn das stark übertrieben war, war die Situation doch unschön, und Frank war sich denn auch bewusst, dass eine „nachhaltige Lösung“ hermüsse.

Das Angebot der Stadt, die B-Ebene der Hauptwache 2016 früher zu öffnen und so mehr Übernachtungsmöglichkeiten zu schaffen, stieß bei den Roma auf verhaltene bis gar keine Begeisterung. Schließlich wurde das Lager geräumt und ein Bauzaun rund um den Kircheneingang gezogen – für eine Sanierung der Außenfassade, sagten die Bauherren, zur Roma-Vergrämung, sagten Kritiker. Letzteres funktionierte immerhin knapp drei Jahre. Die Sanierungsarbeiten aber sind wohl noch nicht abgeschlossen, jedenfalls steht der Bauzaun noch da.

30 Roma in leerstehende sanierte Wohnungen

Aber wie durch ein Wunder konnte sich Weser-5-Chef Mühlfeld im Oktober 2016 „sehr erfreut“ über „eine möglicherweise nachhaltige Lösung“ ganz im Sinne Markus Franks zeigen. Die Lösung kam, wie in solchen Fällen fast schon üblich, in der Gestalt des Immobilienunternehmers Novak Petrovic, der mit der Zuverlässigkeit eines Flaschenteufels immer dort auftaucht, wo Roma unter Druck geraten. Petrovic redete nicht, sondern handelte und brachte mehr als 30 Roma in verschiedenen leerstehenden sanierten Wohnungen unter. Manche von ihnen wohnen noch heute dort. Diese Lösung schien allen Beteiligten nachhaltig genug.

Der Einzige aber, bei dem so etwas wie Nachhaltigkeit zu beobachten ist, ist allerdings Petrovic. Am Mittwochabend steht er vor der Weißfrauenkirche und ärgert sich angesichts des Anblicks der mehr als 30 Camper. „Es kann nicht sein. Frankfurt ist eine reiche und liberale Stadt. Für alles ist Geld da. In Frankfurt stehen etwa zwei Prozent der Immobilien leer, darunter auch einige, die der Stadt gehören. Außerdem stehen unzählige Wohncontainer, die man damals für die Flüchtlinge aufgestellt hat, leer. Nur für die Roma ist nie etwas da. Es wird nur geredet, aber es geschieht nichts.“ Seit Jahren fordert er von der Stadt die Errichtung eines Roma-Hauses, in dem die Menschen kurzfristig unterkommen und Situationen wie vor der Weißfrauenkirche vermieden werden könnten.

Allabendlich mehr Übernachter

Das sei gar nicht so einfach, sagt Michael Frase, Leiter des Diakonischen Werks Frankfurt/Offenbach, und verweist ebenso wie sein Kollege Mühlfeld darauf, dass es nicht die Aufgabe der Diakonie sein könne, die sich ja um obdachlose Menschen kümmern solle, diese zu verscheuchen. Vor allem nicht, wenn man ihnen keine Alternative bieten könne – und eine „politisch erkennbare Lösung“ sei derzeit nicht in Sicht. Er selbst habe freilich auch keine Patentlösung, plädiere aber nach wie vor für das „Dauerthema Verlängerung der Übernachtungszeiten in der B-Ebene“.

Markus Frank ist überzeugt, dass sich nach einer erfolgten Ansprache seitens der Stadtpolizei „die Situation auf dem Weg der Besserung“ befinde. Die Realität sieht anders aus. Derzeit werden es allabendlich mehr Übernachter.

Und auch Petrovic sieht die Lage anders. Den Dezernenten Frank halte er zwar für einen „erfahrenen und vernünftigen Politiker“, aber die seit Jahren gängige Praxis, Obdachlose in der B-Ebene unterzubringen, hält Petrovic für „menschenunwürdig“. „Ich weiß, dass die Stadt wenig Interesse hat, Hilfe für Roma anzubieten, weil sie Angst hat, dass immer mehr kommen. Man vergisst, dass das auch Menschen und EU-Bürger mit allen Rechten sind. Die Roma gehören seit 600 Jahren zu Frankfurt, im Stadtarchiv finden sich dafür ausreichend Quellen.“ Die Frage ist: Wie geht es weiter?

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