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Ortsvorsteherin Susanne Serke fordert, dass das Gewerbegebiet an der Wilhelm-Fay-Straße an die Autobahn angebunden wird. 

Frankfurt-West

Frankfurt-West: „Wir dürfen nicht alle Flächen versiegeln“

Die Vorsteherin im Ortsbeirat 6, Susanne Serke, fordert mehr Begeisterung in der Verkehrsplanung. Nach Ansicht der Christdemokratin kann nicht nur neu gebaut werden, ohne die Menschen im Blick zu behalten, die bereits in der Stadt leben.

Frau Serke, vor einem Jahr haben Sie Alarm geschlagen. Statt nur auf große Bau- und Sanierungsprojekte zu schauen, sollte die Stadt Probleme des alltäglichen Lebens stärker in den Blick nehmen. Wie ist die Lage heute?

Die Alltagsthemen stehen unverändert obenan. Zwei Drittel der E-Mails oder Anrufe, die ich erhalte, drehen sich um Müll- oder Verkehrsprobleme. Ich habe den Eindruck, die Stadt hat kapituliert.

Inwiefern?

Ein Beispiel sind die wilden Sperrmüllhaufen. Etwa im Sossenheimer Unterfeld oder in den Wohnblocksiedlungen in Griesheim oder Zeilsheim. Früher haben wir bei der Stabsstelle Sauberes Frankfurt angerufen. Die hat den Unrat weggeräumt. Nun gibt es aber die Angst, das könnte die Müllsünder in ihrem Tun bestärken. Also lässt man den Abfall liegen. Das kommt einer Kapitulation gleich. Früher war die Stabsstelle direkt bei der Oberbürgermeisterin Petra Roth angesiedelt, war ein Aushängeschild und hatte damit auch einen höheren Stellenwert als heute.

Die Stadt hat immerhin die Imagekampagne „Clean-FFM“ ins Leben gerufen. Die war sogar Partner des Höchster Schlossfests.

Das ist auch gut so. Prävention ist wichtig, vorbeugend in die Schulen gehen und die Kinder sensibilisieren. Aber das kann nur ein Baustein sein. Einen Teil der Bevölkerung erreichen wir nicht mit Kampagnen. Wer ohnehin schon an Aufräumaktionen teilnimmt, den müssen wir nicht davon überzeugen, seinen Müll nicht rumliegen zu lassen.

Was wäre denn nötig?

Es wird nicht gehen ohne verstärkte Kontrollen und Strafen. Dafür muss die Stadt investieren, mehr Personal einstellen. Vielleicht könnte sie die Kontrollen auch fremdvergeben, zumindest könnte sie prüfen, ob das eine Möglichkeit wäre.

Mehr Kontrollen hat sich der Ortsbeirat auch für den ruhenden Verkehr gewünscht.

Da bin ich zwiegespalten. Es sind zu viele Autos unterwegs. Einerseits muss man natürlich dafür sorgen, dass die nur dort parken, wo sie dürfen. Sonst kommen die Müllfahrzeuge nicht durch, die Rettungswege sind verstellt. Sanitäter und Feuerwehr bleiben stecken. Andererseits parken nicht alle Autofahrer mutwillig falsch. Zum Teil ist das Verzweiflung. Es hilft nicht, das nur zu ahnden. Wir müssen Alternativen bieten.

Die Planungen für die Regionaltangente West gehen voran.

Wir machen kleine Fortschritte, die Planungsmittel aufzubringen, das stimmt. Es ist aber nicht abzusehen, wann die RTW tatsächlich mal fahren wird. Wenn sie irgendwann mal kommt, ist sie sicher ein Anreiz, das Auto stehen zu lassen. Aber kurz- oder mittelfristig wird sie die Lage nicht entspannen.

Das klingt auch ein bisschen nach Kapitulation.

Das Gegenteil ist der Fall. Ich vermisse vielmehr die Begeisterung der Verkehrsplaner. Wenn man einen Vorschlag macht, wird man relativ schnell abgebügelt.

Sie haben prüfen lassen, ob eine dauerhafte S-Bahnverbindung vom Westen in den Süden Frankfurts möglich wäre, um den Innenstadttunnel zu umfahren. Wenn der dicht ist, stockt der S-Bahnverkehr im ganzen Rhein-Main-Gebiet.

Das wurde abgelehnt. Die Strecke müsste ertüchtigt werden, sagt der RMV. Was jetzt nicht danach klingt, als sei es gar nicht möglich. Die Bahn leitet ja in Ausnahmefällen selber ihre Züge so um. Da wünsche ich mir Ideen, wie denn die Strecke umzubauen wäre. Stattdessen verweist der RMV auf Überlegungen, die U 5 in den Westen zu verlängern. Das ist Augenwischerei. Das kann sich noch über Jahrzehnte hinziehen. Wir brauchen schnell Angebote.

Wie die Verlängerung der Tramlinie 11 von der Zuckschwerdtstraße zum Höchster Bahnhof?

Die fährt frühestens 2028. Es wird auch keine spürbare Veränderung sein. Man kommt heute schon gut zum Bahnhof, mit dem Bus. Vielleicht sollte man mal auf schnell umsetzbare Dinge setzen.

Zur Person

Susanne Serkesteht seit Mai 2016 dem Ortsbeirat 6 vor. Seit 2011 ist die 40-jährige Sossenheimerin für die CDU im Gremium tätig.

Der Ortsbezirk 6ist mit neun Stadtteilen und rund 130 000 Bürgern der bevölkerungsreichste der Stadt. Der Ortsbeirat vertritt die Interessen der Menschen aus Goldstein, Griesheim, Höchst, Nied, Schwanheim, Sindlingen, Sossenheim, Unterliederbach und Zeilsheim.

Die stärkste Fraktionim Ortsbeirat 6 ist die CDU mit sechs Vertretern, die SPD folgt mit fünf. Grüne, Linke und BFF stellen je zwei Mitglieder. Einen Vertreter entsendet die FDP, dazu gesellt sich noch ein fraktionsloses Ortsbeiratsmitglied.

Die nächste Sitzungist am Dienstag, 21. Januar, 17 Uhr, in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Höchst, Bolongarostraße 110. 

Auf Busse?

Das ist zumindest einfacher zu haben als eine Schienenverbindung. Man könnte mehr Linien anbieten, vorhandene öfter fahren lassen, die Anbindungen an den Bahnhöfen optimieren. Man könnte Minibusse durch die Wohnsiedlungen fahren lassen, damit auch ältere Menschen Zugang zum Nahverkehr haben.

Setzt der Ortsbeirat Hoffnungen auf den Höchster Bahnhof? Verkehrsdezernent Oesterling sagt, die Bahn beginne bald mit der Sanierung des Gebäudes.

Schönere Gebäude ziehen nicht unbedingt mehr Leute in den Nahverkehr. Wichtiger ist die Funktionalität. Da wären wir bei den Aufzügen, ein Dauerthema. Die sind oft kaputt. Der Bahnhof ist nur in der Theorie barrierefrei.

Die Station in Griesheim ist es auch noch nicht.

Der Umbau verzögert sich. Die Stadt müsste sich mehr einsetzen.

Die Sanierung ist doch Sache der Bahn.

Aber wir Bürger haben ein großes Interesse an einem funktionierenden Verkehrsangebot. Das ist bei manchen Themen ein Problem. Zum Beispiel beim Gewerbegebiet Wilhelm-Fay-Straße zwischen Rödelheim und Sossenheim. Das müsste man an die Autobahn anbinden, das würde die Stadtteile ungemein entlasten. Natürlich ist da der Bund zuständig, aber die Stadt müsste sich dafür mehr einsetzen, müsste für die Interessen ihrer Bürger kämpfen.

Herr Feldmann kämpft doch. Der Oberbürgermeister hat mehrfach betont, er wolle bei der Sanierung des Bolongaropalasts notfalls selber Hand anlegen.

Da fühlen wir uns offen gestanden veräppelt. Es ist doch gar nicht entscheidend, wie schnell die Arbeiten fertig werden. Außer für Michael Quast, der wegen seines Barock-am-Main-Festivals bangt. Für uns anderen wäre es wichtiger, dass man uns ernst nimmt.

Was meinen Sie?

Bei einem Umbau in dieser Größenordnung kann es immer Verzögerungen geben. Das könnte man doch von Anfang an einplanen. Im besten Fall werden die Arbeiten zu früh fertig. Das wäre eine Jubelmeldung wert. Aber im Vorfeld große Versprechungen machen und die nicht einhalten, das führt bei den Bürgern nicht zu einem gesteigerten Vertrauen in die Politik. Und dann wird die Verzögerung nicht einmal offen kommuniziert. Da mussten wir mehrfach nachhaken.

Nachgehakt hat der Ortsbeirat auch beim sogenannten Bildungscampus Unterliederbach. Eigentlich freut sich das Gremium über die Berufsschulbauten. Andererseits gibt es die Sorge vor mehr Autos und klimatischen Veränderungen im Stadtteil.

Gerade für die Schülerinnen und Schüler der Paul-Ehrlich-Schule freue ich mich, das endlich eine Lösung gefunden wurde. Aber die Anlieger leiden bereits unter viel Verkehr, finden kaum einen Parkplatz. Jetzt sollen noch 3000 erwachsene Schüler täglich Platz finden, darunter eben auch die Schüler der Paul-Ehrlich-Schule, die bisher nach Höchst fahren, wo sie eine direkte S-Bahn-Anbindung haben. Da müssen Wunsch und Wirklichkeit getrennt werden. Die Schüler kommen nicht aus Unterliederbach, die reisen an. Dafür braucht es entweder Parkplätze oder attraktive Nahverkehrsangebote. Zu hoffen, wenn es keinen Parkplatz gibt, fahren die automatisch mit der Bahn, finden wir blauäugig. Die Erfahrung zeigt, dass Parkplatzsucher ihr Auto irgendwo abstellen, wo es nicht hin soll.

Dort entstehen dringend benötigte Wohnungen.

Das freut uns. Allerdings müssen wir auch da vorsichtig sein. Es gibt Grenzen, wir können nicht alles mit Wohnungen zubauen. Die Bewohner brauchen Infrastruktur, Schulen, Verkehrsanbindung, Parkplätze, Nahversorger. Wir können auch den ökologischen Gesichtspunkt nicht vergessen und alle Flächen versiegeln. Oder den Menschen die frische Luft abschneiden.

Aber wo sollen die Menschen wohnen? Der Zuzug ist groß, die Mieten werden immer teurer.

Wir dürfen nicht nur auf potenzielle Neubürger schielen. Sondern auch die Leute im Blick haben, die bereits hier wohnen. Die einen Kitaplatz für ihre Kinder suchen. Oder das Auto stehen lassen wollen und auf den Bus umsteigen. Vielleicht müssen wir das Umland mehr einbeziehen für den Wohnungsbau. Und Arbeitsplätze außerhalb Frankfurts schaffen. Oder das Umland wenigstens besser anbinden.

Interview: George Grodensky

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