1. Startseite
  2. Frankfurt

Frankfurt: Wenn die Dinge tanzen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Andreas Hartmann

Kommentare

Der Tänzer und Choreograph Fabrice Mazliah, hier vor dem Frankfurter Mousonturm, wo er aktuelle Choreographien zeigt.
Der Tänzer und Choreograph Fabrice Mazliah, hier vor dem Frankfurter Mousonturm, wo er aktuelle Choreographien zeigt. © Peter Jülich

Der Frankfurter Choreograph Fabrice Mazliah haucht Tassen, Angelruten und Sexpuppen Leben ein - zu sehen bei einem Festival Anfang Februar.

Literarisch formuliert, mögen auch Sterne, Blätter oder Schneeflocken tanzen können, in der Regel ist der Tanz aber etwas zutiefst Menschliches. Trotzdem sind die sechs Duette, die der Frankfurter Choreograf Fabrice Mazliah gemeinsam mit sechs Tänzerinnen und Tänzern erarbeitet hat und die nun in einem kleinen Festival Anfang Februar im Mousonturm sowie im Kunstverein Familie Montez zu sehen sind, nicht nur für jeweils einen Tanzprofi gedacht. Partner und Gegenüber ist jeweils ein Gegenstand, tote Materie, der für die Dauer einer Vorführung Leben einhaucht werden soll.

Hier tanzt also vom 3. bis zum 6. Februar Mensch mit Buch, Radio, Porzellantasse oder auch Sexpuppe – und das ist nicht so absurd, wie es klingt, sondern nachdenklich und auch liebevoll. Inzwischen sind wir umgeben von einer Unmenge an meist industriell gefertigten Produkten und vergessen gerne, wie kostbar eigentlich so ein Material wie Porzellan ist oder welche technischen Wunder hinter einem Radioapparat stecken,

Dass Dinge ein Eigenleben haben, ist eine archaische Idee, dass alles göttlich beseelt ist, daran glaubten die Menschen jahrtausendelang. Aber mal ehrlich - hat Ihr Auto einen Namen? Sprechen Sie im Jahr 2022 manchmal mit Ihrem Staubsauger oder reden dem Computer gut zu, wenn er mal wieder hängt?

Mazliah berichtet sogar von passionierten Fliegenfischern (wahrscheinlich sind das wohl wirklich nur Männer), die ihren besonderen Angelruten Namen geben. Krönung jeder Sammlung dürften die in den Schweizer Alpen handgefertigten Ruten einer dortigen Manufaktur sein, so eine, wie sie nun im Mousonturm auftritt, eben als Partnerin, nicht als Requisit.

Fabrice Mazliahs kleines, feines Tanzfestival

Die große Werkschau „The Manufactured Series Symposium: Duets #1 – #6“ zeigt vom 3. bis zum 6. Februar sechs Choreographien von Fabrice Mazliah. Duett 1 bis 5 sind im Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm, Waldschmidtstraße 4, zu sehen, Duett 6 als Uraufführung im Kunstverein Familie Montez, Honsellstraße 7.

Alle Duette dauern je eine Stunde und können einzeln gebucht werden. Katja Cheraneva (Duet #1) tanzt mit einem hölzernen Cathedral Radio aus den 1980er Jahren, Tilman O’Donnell (#2) mit einer Porzellantasse; Elpida Orfanidou (#3) mit einer pontischen Lyra, einem Musikinstrument, Émilia Giudicelli (#4) mit einer Angelrute und Claire Vivianne-Sobottke (#6) mit der Sexpuppe „Dolores“. Michele Di Stefanos Performance mit einem Buch (#5) dauert zwar nur 20 bis 30 Minuten, dafür ist man allein mit dem Künstler und den Memoiren Andy Warhols.

Am Samstag, 5. Februar, können alle sechs Duette auch en suite gesehen werden, beginnend um 14 Uhr und endend um etwa 23 Uhr, mit einem Abendessen um 18 Uhr. Weitere Einzelaufführungen sind zu finden unter www.mousonturm.de.

Zum Festival gibt es nach derzeitiger Planung ein Symposium, unter anderem mit Vorträgen von Martina Ruhsam und Ines Moreno. Zu Fabrice Mazliahs Workshop können Teilnehmer:innen ein eigenes Objekt mitbringen. Am 6. Februar, 12 Uhr, diskutieren die Künstler:innen mit der Dramaturgin Anna Wagner über ihre Erfahrungen bei der Entwicklung der Duette.

Karten bekommt man beim Frankfurter AD-Ticket-Shop, Kaiserstraße 67, montags bis freitags von 9 bis 19 Uhr, samstags von 10 bis 18 Uhr oder rund um die Uhr unter Tel. 0180/60 50 400. Online kann man Karten unter www.mousonturm.de oder https://www.reservix.net bestellen.

Die Kasse im Mousonturm öffnet an Veranstaltungstagen jeweils zwei Stunden vor Veranstaltungsbeginn, außer bei Veranstaltungen mit freiem Eintritt und Pay as you wish. Bei ausverkauften Veranstaltungen gibt es eventuell Restkarten an der Abendkasse. Die Warteliste dafür öffnet zeitgleich mit der Kasse. Die meisten Veranstaltungen im Mousonturm folgen einem solidarischen Preissystem, das heißt, Tickets für das Festival kosten zwischen 5 und 30 Euro. aph

Die Tänzerin, die sich die Angel ausgewählt hat, war fasziniert davon, und auch Mazliah berichtet begeistert von der aufwendigen Herstellung einer solchen Angel aus Bambus, von Wurftechniken, Wind, Wasser und Natur, die beim Fischen auch eine Rolle spielen. Der Choreograf nimmt die Dinge ernst, hat die einzelnen Teile seiner Choreografie sorgfältig mit den Tanzenden erarbeitet.

Eine andere Tänzerin wählte eine pontische Lyra, ein uraltes Streichinstrument, hoch komplex und traditionsreich. Ihr Großvater baute einst selbst solche Lyren. Genau zugeschnitten auf die Persönlichkeit des jeweiligen Tänzers, der jeweiligen Tänzerin sind diese sechs Duette, deren erstes 2018 entstand,

Neu hinzugekommen ist nun ein verstörender Gegenstand. Ausgerechnet das menschenähnlichste dieser Dinge, die Sexpuppe „Dolores“, made in China, zusammengesetzt nach Kundenwünschen in Deutschland, ist die wohl unmenschlichste Tanzpartnerin.

„Erschreckend“, sagt Mazliah. „Das ist ein sehr problematisches Objekt. Sie hat so gar nichts von einem echten Körper.“ Wobei das nicht mehr so ganz stimmt: Die Tänzerin hat der Puppe Abgüsse ihrer eigenen Hände und Füße geliehen, erstmals jetzt zu sehen.

Fabrice Mazliah, 49, gebürtiger Schweizer, dem das Festival gewidmet ist, lebt seit 1997 in Frankfurt und schätzt die Stadt sehr – auch wenn er die Alpen vermisst. Hierher kam der Tänzer als Mitglied der legendären Balletttruppe von William Forsythe. Seither ist er in der Stadt künstlerisch aktiv und sicher einer der Bekanntesten seines Fachs. Soeben wurde er mit seiner Choreografie „Telling Stories – A Version for Three“ zu der alle zwei Jahre stattfindenden „Tanzplattform Deutschland“ nach Berlin eingeladen, die das dortige Theater Hebbel am Ufer (HAU) Mitte März ausrichtet. Eine Teilnahme gilt als große Auszeichnung.

Auch interessant

Kommentare