Schwule in Frankfurt

Frankfurt: „Die Welt in den Altenclub holen“

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Seit zehn Jahren ist das „Café Karussell“ ein offener Treff für schwule Männer ab 60 Jahren. Es geht um Austausch und Debatten, nicht nur um Kaffee und Kuchen.

Die Stimmung ist fast vorweihnachtlich. Es dämmert schon an diesem Dienstagabend, im Café Switchboard in der Alten Gasse ist das Licht gedimmt. Zwölf ältere Männer sitzen vor Getränken und Teelichten und lauschen einer Lesung über Probleme in lesbischen Beziehungen. Es wird zugehört und munter diskutiert, zwischendurch wird es auch mal laut: Einem Gast ist es nämlich viel zu pauschal, was da vorne vorgetragen wird.

Seit mittlerweile zehn Jahren gibt es diesen Austausch alle zwei Wochen, mal nur mit ein paar Gästen, mal vor vollem Haus: Das „Café Karussell“ im Switchboard ist ein offener Treff für schwule Männer ab 60. Zweimal im Monat gibt es Diskussionen, Lesungen, Tanz und Musik oder biografische Abende, an denen ein Gast aus seinem Leben erzählt.

Der Treff Das Café Karussellfindet jeden ersten und dritten Dienstag im Monat im „Switchboard“, Alte Gasse 36, statt. Das Treffen beginnt immer um 14.30 Uhr mit einem lockeren Austausch, von 15.30 bis 17 Uhr gibt es ein wechselndes Programm.

Bei den Treffen werden Filme gezeigt, es gibt Diskussionen, Lesungen, Erzählungen oder auch Musik und Tanz. Neue Gäste, auch jüngere, sind jederzeit willkommen.

Bereits 1996 habe sich in Frankfurt eine „Gruppe 40 plus“ für Austausch und gemeinsame Aktivitäten gegründet, erinnert sich Hans-Peter Hoogen, der den Treff mit initiiert hat. Seine Generation habe viele Männer an Aids verloren, sagt der 72-Jährige. „Und weil wir im Alter nicht alleine sein wollten, haben wir diese Gruppe gegründet“. Von 2002 bis 2004 habe es dann einen runden Tisch zur Situation von Schwulen und Lesben gegeben, wo das Thema Leben im Alter ebenfalls präsent war. Mit der Frankfurter Aidshilfe, dem Frankfurter Verband für Alten- und Behindertenhilfe und finanzieller Starthilfe von der Marschner Stiftung wurde dann das „Café Karussell“ aus der Taufe gehoben – benannt nach dem legendären „Café Karussell“ in der Porzellanhofstraße, in dem sich bis in die 90er Jahre ältere Schwule trafen.

Für das Programm ist seit nunmehr zehn Jahren Michael Holy zuständig. Der Rentner und frühere IT-Berater hatte von Anfang an den Anspruch, älter werdende Menschen nicht nur mit Kaffee, Kuchen und belangloser Unterhaltung abzuspeisen. „Ich bin der Meinung, dass Altenarbeit viel höher angesiedelt werden müsste“, sagt der 69-Jährige. „Diese schwulen Männer hier brauchen nicht betüdelt zu werden, die sind interessiert an allem, was auf der Welt geschieht.“ Er habe bereits die Aktivisten von Occupy, einen argentinischen Tenor und Daniel Cohn-Bendit ins „Café Karussell“ eingeladen, sagt Holy, einmal sei es einen ganzen Abend um schwule japanische Mangas gegangen. „Es geht darum, die Welt in den Altenclub zu holen“, sagt Holy. Nebenher geht es außerdem um altersspezifische Themen wie Vorsorge oder Wohnen und Liebe im Alter. Die Besucher, darunter viele Stammgäste, kommen aus Frankfurt, Offenbach, Neu-Isenburg und dem ganzen Rhein-Main-Gebiet.

Rainer Legorreta, der seit Beginn hinterm Tresen des „Café Karussell“ steht, sagt, der Treff sei inzwischen „eine feste Institution geworden“. Unter den Gästen seien Freundschaften und viel Unterstützung untereinander entstanden, Liebesbeziehungen allerdings weniger. Der Austausch sei immer lebendig, wirft Hans-Peter Hoogen ein und lacht. „Aber das ist hier keine Flirtbörse.“

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