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Goethe auf dem Goetheplatz. Foto: Monika Müller
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Goethe auf dem Goetheplatz.

Zum Schmunzeln

Weisheit des Wahnsinns

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Impfen oder nicht impfen, dass könnte die Frage sein. Ein Wandersmann im Zwiegespräch mit den großen Dichtern und Denkern, deren Denkmäler die Stadt Frankfurt zieren.

Auf seinem einsamen Gang durch den Anlagenring in Frankfurt passiert der Wanderer, von der sozialen Distanziererei leicht zerrüttet im Gemüte, den Rechneigrabenweiher. Da hüpft plötzlich Lessing von seinem Denkmalpodest und reicht ihm einen nagelneuen „BioNTech-Impfstoff“. Der Wanderer weicht erbleichend zurück.

Lessing (beruhigend): „Es ist Arznei, nicht Gift, was ich dir reiche.“

Wanderer: „Meine Güte, das kann ja wohl nicht wahr sein. Ich verliere offenbar den Verstand.“

Lessing: „Wer über gewisse Dinge seinen Verstand nicht verlieret, der hat keinen zu verlieren!“

Wanderer: „Nichts für ungut, Meister Lessing, aber ich wähnte Euch lange tot.“

Lessing: „Welche Freude, wenn es heißt: Alter, du bist alt an Jahren, blühend aber ist dein Geist.“

Wanderer (wird kalkweiß): „Ein Geist! Ahnte ich’s doch. Danke für den Impfstoff, aber ich weiß nicht so recht. Man hört ja immer wieder, dass dieser Bill Gates …“

Lessing (leicht unwirsch): „Der Aberglauben schlimmster ist, den seinen für den erträglicheren zu halten.“

Wanderer: „Mein Kopf sagt ja auch, dass da nichts dran ist. Aber mein Herz …“

Lessing: „Das Herz redet uns gewaltig gern nach dem Maule. Wenn das Maul eben so geneigt wäre, nach dem Herzen zu reden, so wäre die Mode längst aufgekommen, die Mäuler unter’m Schlosse zu tragen.“

Wanderer: „Nun ja, in gewisser Weise ist das ja gerade Mode, die Seuchenleugner nennen das Merkelmaulkorb oder Mundwindel.“

Lessing: „Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.“

Wanderer: „Ich bin ja grundsätzlich auch gar kein Impfgegner, aber …“

Lessing: „Still mit dem Aber! Die Aber kosten Überlegung.“

Wanderer: „Aber ich muss …“

Lessing: „Kein Mensch muss müssen.“

Wanderer (trotzig): „Aber ich will erst noch Kollegen Schopenhauer fragen, der soll ja so ein kritischer Querdenker sein.“

Lessing: „Thu, was du nicht lassen kannst!“

Wanderer (sich entfernend): „Typisch Dichter. Lässt einen nie ausreden.“

Lessing (stimmt im Hintergrund ein frohes Lied an): „Ob ich morgen leben werde, das weiß ich freilich nicht. Aber wenn ich morgen lebe, daß ich morgen einen hebe, das weiß ich ganz gewiß.“

Nur ein paar Meter weiter hockt Schopenhauer wie ein garstiger Gargoyle auf seinem Sockel, pfeift fremden Hunden hinterher und schnauzt Männer an, ihre Weiber gefälligst an die Leine zu nehmen.

Wanderer: „Grüß Gott, Gevatter, ich komme geradewegs von Herrn Lessing, der mir einen Impfstoff anbot, und da wollte ich fragen, ob …“

Schopenhauer (mürrisch): „Es gibt nur eine Heilkraft, und das ist die Natur; in Salben und Pillen steckt keine. Höchstens können sie der Heilkraft der Natur einen Wink geben, wo etwas für sie zu tun ist.“

Wanderer: „Aha, ach so, interessant, aber wissen Sie, ich hatte gehofft …“

Schopenhauer: „Hoffnung ist die Verwechselung des Wunsches einer Begebenheit mit ihrer Wahrscheinlichkeit.“

Wanderer: „Schon recht, Meister, aber diese Dauerisolation macht einen ganz meschugge im Kopf, und vielleicht kann so eine Impfung ja wieder für etwas Geselligkeit sorgen.“

Schopenhauer: „Ein Mann kann nur er selbst sein, solange er allein ist; und wenn er die Einsamkeit nicht liebt, wird er die Freiheit nicht lieben; denn nur wenn er allein ist, ist er wirklich frei. Dem intellektuell hochstehenden Menschen gewährt nämlich die Einsamkeit einen zweifachen Vortheil: erstlich den, mit sich selber zu seyn, und zweitens den, nicht mit Anderen zu seyn.“

Wanderer (skeptisch): „Wenn Sie das so sagen. Aber bei so einer wichtigen Frage würde ich gerne noch eine Drittmeinung einholen. Hätten Sie da eine Empfehlung?“

Schopenhauer (denkt kurz nach): „Unter den Dichtern unserer Zeit ist Göthe der objektivste.“

Wanderer (erfreut): „Ja, den kenn’ ich. Wir sind auch quasi Kollegen. Ich schreibe nämlich auch, und zwar für die ,Frankfurter Rundschau‘, und da …“

Schopenhauer (hässlich keckernd): „Die Person, die für Narren schreibt, ist sich immer eines großen Publikums sicher.“

Wanderer (aufbrausend): „Dummschwätzer! Sexist! Misanthrop!“ (stapft wütend von dannen)

Schopenhauer (höhnt ihm hintendrein): „Wenn man merkt, daß der Gegner überlegen ist und man Unrecht behalten wird, so werde man persönlich, beleidigend, grob.“

Wanderer (murmelt): „Arschloch, arrogantes. Großes Publikum … Wenn der unsere Auflage kennen würde … Ich frag’ mal Goethe. Goethe war gut.“

Goethe fläzt sich am Goetheplatz in Spitzweg-Pose auf seinem Podest, pfeift fremden Frauen hinterher und ermahnt Hundebesitzer, die Tölen bloß nicht mit nach Hause zu nehmen, weil das böse enden könnte.

Wanderer: „Heil Euch, Dichterfürst! Ich erflehe Euren Rat.“

Goethe (jovial): „Besonders lernt die Weiber führen; es ist ihr ewig Weh und Ach so tausendfach aus einem Punkte zu kurieren.“

Wanderer: „Das ist nicht der Punkt, auf den ich hinauswill. Es geht eher um eine Kur für die Seuche.“

Goethe (hat gar nicht zugehört): „Heut ist mir alles herrlich; wenn’s nur bliebe! Ich sehe heut durchs Augenglas der Liebe.“

Wanderer: „Meinen herzlichen Glückwunsch! Aber ich bin nicht der Liebe wegen hier, sondern …“

Goethe: „Wenn dir’s in Kopf und Herzen schwirrt, was willst du Bessres haben! Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, der lasse sich begraben.“

Wanderer: „Ebendas will ich ja vermeiden. Dieser Lessing hat da einen Impfstoff zu verschenken, aber …“

Goethe: „Der Liebe Freuden lass dir schenken, wenn du sie wahr empfinden willst.“

Wanderer (wütend): „Ich bin nicht wegen Kalendersprüchen gekommen, hier geht es um Leben und Tod!“

Goethe (ist schon wieder woanders): „Denn das Leben ist die Liebe und des Lebens Leben Geist.“

Wanderer (resigniert): „Meinethalben. Schönen Dank auch. Danke für nichts.“ (dreht sich um und wandert heimwärts)

Goethe (brabbelt larmoyant vor sich hin): „Gerne der Zeiten gedenk’ ich, da alle Glieder gelenkig – bis auf eins. Doch die Zeiten sind vorüber, steif geworden alle Glieder – bis auf eins.“

Wanderer (seufzt): „Mit der Seuche werd’ ich wohl noch weiter leben müssen. Aber immerhin – von Dichtern und Denkern bin ich geheilt!“

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