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Frankfurt: „Wegen uns ist der Wald noch da“

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Von: Thomas Stillbauer

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In eisiger Höhe. Leben im Baum.
In eisiger Höhe. Leben im Baum. © Michael Schick

Ein Tag auf den Spuren der Leute, die ein großes Herz und ein klares Ziel haben: „Fecher bleibt“. Wo Klimaschutz und solidarisches Zusammenleben zählen.

In den Wald gehen, das stellt man sich anders vor. Anders als: beim Möbelhaus über die stark befahrene Industriestraße rüber und drauf auf die Baustelle. Da wüten Bagger auf tiefgefrorenem Grund, und ein Baggerfahrer fragt, freundlich durchaus, wohin man denn wolle. Ob hier nicht irgendwo ein Protestcamp sei, fragt der Ortsunkundige zurück. Doch, da hinten irgendwo, sagt der Baggerfahrer, aber hier sei Baustelle, nichts für Unbefugte. Außenherum, bitte. Er rät zur Vorsicht, der Boden ist glatt. „Fallen Sie nicht!“

Höllisch glatt im Teufelsbruch am Vormittag. Der Grünzug zwischen Borsigallee und Wächtersbacher Straße, Richtung Fechenheimer Wald, beherbergt eine Kleingartenkolonie (schon lang), eine Baustelle (neuerdings) und ein Protestcamp gegen den Bau des Riederwaldtunnels (eben drum). Aber wo? „Protest, there“, sagt eine Frau auf Englisch und deutet ins Unbestimmte. „Ich hab andere Sorgen“, sagt ein Mann und grinst. Der dritte Passant auf dem erstaunlich belebten Waldweg weiß es präzise. „Hier, zwanzig Meter da rein“, sagt er.

Höllisch glatt im Teufelsbruch

Zwanzig Meter später: Faszination. Hütten. Transparente. Zeltdächer. Baumhäuser – und zwar Baumhäuser in unglaublicher Höhe. Hält das denn? Wie hält das? Wie kommt man da hoch? Und wie wieder runter?

„Beschütze deine Lebensbäume“, steht auf einem Plakat, „beschütze dich – zusammen sind wir stark“. Ein Transparent fordert „Wald statt Asphalt“, eines stellt klar: „Wir brauchen jeden Baum“. Auf gelbem Grund haben die Waldbesetzerinnen und -besetzer ironisch eine Boulevardblatt-Titelseite stilisiert: „Baum-Chaoten, Autohasser, Berufsbesetzer, Klima-Terroristen, Zecken, Öko-Diktatoren, Hobby-Arbeitslose, Störenfriede, Wald-Vandalisten.“ Ungeschriebener Subtext: und stolz darauf.

Solidarisch im besetzten Haus

Ortswechsel. Am Nachmittag, 14 Uhr, ist ein Vortrag angekündigt, und zwar im besetzten Haus Günderrodestraße 5, gegenüber der S-Bahnstation Galluswarte. 14 Uhr, ein potenzieller Zuhörer ist da (der FR-Reporter), sonst niemand, der einen Vortrag halten wollen würde. Aber das macht nichts. Man kann sich von den Leuten im Haus einen Tee anbieten lassen, ein wenig herumlaufen in den Räumen, die mal Menschen bewohnt haben, ehe sie für den Strukturwandel raus mussten, ehe wiederum andere Leute kamen und sagten: So nicht, wir lassen doch hier nicht sinnlos Wohnraum leerstehen, wir nutzen ihn lieber, um Ausstellungen zu ermöglichen, soziales Leben. Und Vorträge, zum Beispiel über den Fechenheimer Wald.

Schon sind auch die Vortragenden da, Malek und Tonks. Sie heißen nicht wirklich so und sind auch keine Zauberwesen aus der Harry-Potter-Reihe, sondern junge Leute mit einem Standpunkt, der lautet: Es wird kein Wald vernichtet, schon gar nicht für den Autobahnbau.

„Fecher bleibt“

Seit September 2021 halten Aktivistinnen und Aktivisten einen Teil des Fechenheimer Waldes besetzt. Sie möchten unter dem Titel „Fecher bleibt“ verhindern, dass dort Bäume gefällt werden, um den Riederwald-Tunnel zu bauen, eine Verbindung der Autobahnen 66 und 661. 

An diesem Wochenende, 17. und 18. Dezember, bieten die Besetzerinnen und Besetzer Workshops an – sie nennen es Skillshare, was auf Deutsch so viel bedeutet wie: Kompetenzen teilen. Am heutigen Samstag um 12 Uhr steht (wie schon am Freitag) ein Basis-Kletterkurs auf dem Programm, um 14 Uhr dann Klettern für Fortgeschrittene und Hüttenbau.

Am Sonntag ist um 12 Uhr Swingforce-Training; da geht es darum, wie sich eine Schaukel anbringen und benutzen lässt, um im Ernstfall einen Baum vor der Fällung zu beschützen. Ebenfalls am Sonntag beginnt wie gewohnt eine Führung um 14 Uhr und als Besonderheit ein Wintermarkt mit Tee und Kuchen. „Außerdem wird es Raum zum Finden von Bezugsgruppen und Kennenlernen der Strukturen geben“, kündigt „Fecher bleibt“ an.

Wer mehr erfahren oder die Gruppe unterstützen möchte, findet online unter teufelsbruch.blackblogs.org Informationen, ein Spendenkonto sowie Listen mit Dingen, die im Wald helfen und dringend benötigt werden.

Tonks und Malek tragen FFP2-Masken, die Zuhörerinnen und Zuhörer auch, die nach und nach eintrudeln. Sie halten Abstand. Sie sind freundlich und behutsam im Umgang. Und den Besucher durchfährt eine grundlegende Erkenntnis: Diese jungen Leute, und es sind teils sehr junge Leute – die übernehmen wirklich Verantwortung in diesem Land. Die sind verlässlich, was den klaren Willen angeht, eine Zukunft für alle gemeinsam zu gestalten. Auch wenn sie ein paar Minuten zu spät kommen. Die Jungen bauen eine Welt. Und die Alten bauen weiterhin Straßen.

„Das Schlimmste ist: morgens aus dem Schlafsack raus“

Zurück in den Fechenheimer Wald. Unterm Zeltdach sprechen eine Frau und ein Mann miteinander. Ob sich der Reporter dazusetzen darf? Darf er. Ein zutrauliches Rotkehlchen gesellt sich auch dazu. Minus vier Grad. Ihr habt nicht wirklich hier geschlafen, oder? Doch, haben sie. „Das Schlimmste ist: morgens aus dem Schlafsack raus“, sagt sie. „Man muss sich halt bewegen“, sagt er. „Sobald man was macht, sobald man was baut, geht das schon.“ Im Hochsommer sei es übrigens auch nicht gerade angenehm gewesen.

Seit September 2021 ist der Ort im Wald besetzt. Ein gutes Dutzend Hütten und Baumhäuser ist seither entstanden, mit Platz für durchschnittlich zweieinhalb Personen, schätzen die Beiden unterm Zeltdach. Es gebe Leute, die ganz regelmäßig hier seien, sogar vom Camp zur Arbeit gingen und abends zurückkämen, andere seien nach dem On/Off-Prinzip vor Ort; mal eine Weile hier, mal eine Weile weg. Eigentlich sei immer jemand da. „Wir machen keine Schichtpläne.“

Romantiker:innen stellen sich das bei milder Witterung großartig vor. Und die Motivation bei minus vier, nachts auch gern mal minus zwölf Grad? „Dass der Wald bleibt“, sagt sie trocken. „Dass nicht noch mehr Autobahnen gebaut werden“, sagt er. Eine solidarische Form des Zusammenlebens ausprobieren, das sei auch ein wichtiger Punkt, sagen beide.

Kampf dem Moloch

„Wegen uns ist der Wald überhaupt noch da“, sagt die junge Frau. Auch wegen des Aktionsbündnisses Unmenschliche Autobahn und der Bürgerinitiative Riederwald, die seit 40 Jahren unverdrossen gegen die Fernstraßenbauten kämpfen, selbst wenn der Kampf gegen die Ostumgehung, den „Moloch Autobahn“ schon in den 80ern verloren ging. Kein Grund aufzugeben. „Ohne uns wäre das alles hier schon weg“, sagt die junge Frau. Es ist ein „uns“, das spürbar so viele einschließt. Sogar den Heldbock, jenen geschützten Käfer, der zumindest für ein Innehalten und für Aufmerksamkeit gesorgt hat. Wertvoller Naturheld, nur deshalb entdeckt, weil es Menschen gibt, die mit ihm den Wald teilen.

Auch die Bechsteinfledermaus, der Salamander und andere Amphibien spielen eine Rolle in der Mainaue von einst. Aber die seien schon eingepreist, sagt Tonks beim Vortrag in der Günderrodestraße. Die Umsiedlungsversuche für diese Tierarten im alten Auenwald: „kläglich“. Auenwald? „Eine irre Vorstellung, vor 150 Jahren ist da der Main geflossen“, sagt Malek. „Jetzt Betonwüste.“ Der wertvolle Boden werde entfernt, um den Riederwaldtunnel zu bauen, sagt Tonks, die U-Bahnlinie versetzt, der Wald durchschnitten. Zehn Jahre Bau, sagt Malek, um Anwohner:innen vom Verkehr zu entlasten. „Zehn Jahre lang Lärm gegen den Lärm. Und danach eine zusätzliche Autobahn, die zusätzlichen Verkehr, zusätzlichen Lärm verursacht.“

Autobahnen ohne Ende

Die Leute schütteln die Köpfe. Auch über die Grünen. Die hätten sich in Frankfurt gegen den Bau gewandt, wohl wissend, dass sie ohnehin nichts ausrichten könnten. In der Landes- und Bundesregierung hätten sie leicht reden, sie hätten ihr Bestes gegeben, aber leider, die FDP. „Volker Wissing“, der Bundesverkehrsminister, „plant Autobahnen ohne Ende“, sagt einer der Vortragsgäste.

Im Wald sprechen sie über Verluste, eine Eiche sei schon gefällt worden, drüben auf der Baustelle, für Vorarbeiten. „Es ist superwichtig, dauerhaft hier zu sein“, sagt die junge Frau unterm Zeltdach. Wichtiger als zu studieren, wichtiger als arbeiten zu gehen. „Die Klimakrise macht die Kämpfe akuter“, sagt der Mann. „Wir brauchen jetzt die Mobilitätswende. Autobahnen müssen zurückgebaut werden.“

Gibt es genug Unterstützung? „Nein.“

Und die absehbare Räumung durch die Polizei? Im Januar könnte geräumt und gerodet werden, vielleicht früher. „Wir rechnen jederzeit damit, dass etwas passiert.“ Gibt es genug Unterstützung? „Nein.“ Es gebe solidarische Menschen, die helfen und Essen bringen. „Aber im Prinzip sollte die ganze Stadt auf der Straße sein. Es braucht noch viel mehr Solidarität, damit sich was ändert. Für die Lage, in der wir sind, würde man annehmen, dass es viel mehr Protest gibt.“ Was wünschen sich die Besetzerinnen und Besetzer? „Menschen, die anderen Menschen erzählen, die anderen Menschen erzählen“, sagt sie. „Und Menschen, die herkommen“, sagt er.

„Viele im Wald sind vermummt“, sagt Tonks beim Vortrag im Gallus, „aber das ist nur Schutz. Wir begrüßen euch mit offenen Armen.“ – „Kommt vorbei und besetzt den Wald mit uns!“, sagt Malek. „Kommt vorbei, wenn Räumung ist, und demonstriert!“, sagt Tonks. „Ihr könnt einfach vorbeikommen, wir haben einen Schlafplatz für euch.“ Wo man Wärme findet in eiskalten Zeiten, paradox genug: bei minus vier Grad im Fechenheimer Wald.

Für Bäume, gegen Autobahnen.
Für Bäume, gegen Autobahnen. © Michael Schick

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