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Frankfurt: Wege zur Kunst

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Von: George Grodensky

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Nackt ist sie, die Nymphe von Fritz Klimsch, womöglich propagiert sie auch ein dubioses Frauenbild. Klimsch ist umstritten, gilt als NS-Günstling.
Nackt ist sie, die Nymphe von Fritz Klimsch, womöglich propagiert sie auch ein dubioses Frauenbild. Klimsch ist umstritten, gilt als NS-Günstling. © Monika Müller

Kann sie weg? Oder sollte man sich eher gemeinsam darüber austauschen? Bei den dialogischen Spaziergängen der Frankfurter Bürger-Uni.

Kunst schafft ein Terrain, auf dem man miteinander ins Gespräch kommen kann. Etwa, weil sie nicht sofort verständlich ist. Weil sie keine offensichtliche Funktionalität besitzt. Zuweilen schlicht stört. All das kann Menschen, die den entsprechenden Raum betreten (oder die Wiese oder den Straßenabschnitt, der Begriff Raum ist hier groß gefasst), zueinanderführen. Das ist vielleicht die wichtigste Rolle der Kunst. Findet Verena Kuni, Professorin für Visuelle Kultur an der Goethe-Universität. Sie hat einen Rundgang dafür konzipiert: „Denk-Mal-Demokratie. Dialogische Spaziergänge zur Kunst“.

Und nun steht sie da, an einem bitterkalten Mittwoch Mittag im Januar auf dem Campus Westend der Goethe-Uni in Frankfurt, und sucht das Gespräch zur Kunst. Natürlich findet sie es auch, immerhin haben sich 14 Bürgerinnen und Bürger angemeldet, die Gruppe ist sogar größer, weil sich spontan Hochschulmitarbeitende anschließen. Alles Kunstfreunde, Menschen aus der Nachbarschaft oder einfach neugierig. Der Spaziergang gehört zu einer Diskussionsreihe der Frankfurter Bürger-Uni. Der erste Kunstgang führte durch Gallusanlage und Taunusanlage. Heute ist der Campus Westend an der Reihe.

Unterstützung hat sich Kuni am Geografischen Institut geholt. Antje Schlottmann, Professorin und Expertin dafür, wie Menschen sich Räume aneignen. „Das hier ist keine Campus-Führung“, warnt Kuni noch vorsorglich. Die Menschen sollen miteinander sprechen, Ideen und Fragen entwickeln. Inspiriert ist das von der Spaziergangsforschung, der Promenadologie.

Der Austausch ist dann erstaunlich fruchtbar. Alle Anwesenden haben eine persönliche Beziehung zu dem Areal. Manche berichten, wie sie in der Coronazeit den einfachen Spaziergang über die weitläufige Fläche genossen haben. Andere schwärmen von der integrativen Kraft des Parks, äh, Campus. Im Sommer tollen die Kinder umher, planschen in Becken, die Eltern sitzen entspannt in der Nähe und müssen nicht fürchten, dass ihre Sprösslinge vom Auto überfahren werden. Dazwischen die Scharen von Studierenden.

Manche erinnern sich an die Zeit, in der die Amerikaner das IG-Farben-Gebäude als Hauptquartier nutzten. „Ich habe mir immer das AFN-Programm abgeholt“, sagt eine Frau. Das Radio des „American Forces Network“ spielte Musik, die der Jugend zusagte. Anderen fällt ein, wie nach dem RAF-Anschlag 1972 alles verriegelt war. Eine Frau schwärmt regelrecht von den bunten Musical- und Theateraufführungen im Casino, zu denen die Nachbarschaft hochwillkommen gewesen sei.

Verena Kuni schwärmt von der Architektur, vom Gebäude, das Hans Poelzig erschaffen hat. Vorne, zur Straße hin, wirke es imposant, herrschaftlich, einschüchternd gar. Ganz anders der Eindruck vom Rücken, von der Parkseite. Da grüße der Bau fast freundlich die Mitarbeitenden auf dem Weg zum Casino. Es wirke niedriger, offener.

Antje Schlottmann findet das ganze Ensemble beeindruckend, die Anordnung der Gebäude auf dem ganzen Campus, die unterschwellig einen Eindruck von Macht transportierten. Auch die Blickachsen – hochinteressant. Etwa, dass zwischen House of Finance und dem Präsidiumsgebäude, in dem die Hochschulleitung residiert, unverbaute Aussicht ist.

Es soll aber bei diesem Spaziergang nicht einfach nur darum gehen, Kunst zu erklären, sie für schön zu halten oder das Gegenteil. Es geht auch um die Umstände, wie das Werk entstanden ist, und ob es heuer noch stehen bleiben sollte. Also um „Denkmäler, deren Widmungen sich aus der Gegenwartsperspektive als problematisch, wenn nicht gar untragbar erweisen“, wie es in der Einladung heißt.

Clever spazieren

Die Diskussionsreihe „Dialogische Spaziergänge zur Kunst“ ist ein Angebot der Bürger-Universität der Frankfurter Goethe-Uni. Sie endet vorerst am Donnerstag, 2. Februar, 19 Uhr, mit der Podiumsdiskussion „Unsichtbarer Widerstand. Vertrauen und Protest in der Demokratie“. Normative-Orders-Gebäude, Campus Westend, Max-Horkheimer-Straße 2.

Die Spaziergänge zu Kunst und Demokratie sollen im Sommersemester weitergehen. Ergänzt durch ein weiteres Format: Campus wandeln. Das sind Spaziergänge und Ortstermine zur Nachhaltigkeit. sky

Info und Anmeldung unter E-Mail:

buergeruni@uni-frankfurt.de

Dabei sei Protest gegen aus der Zeit gefallene Kunst oft berechtigt. Zugleich stelle sich aber die Frage, ob das Entfernen allein als Lösung der Probleme tauge. So sehr all die Spaziergängerinnen und Spaziergänger vom Poelzig-Bau und Park schwärmen, ist er doch auch das Hauptgebäude der IG Farben gewesen. Deren Verstrickung in den Terror der NS-Zeit lastet noch auf dem Areal. Manche hatten gar gefordert, das Gebäude abzureißen.

Stadt und Uni haben sich für die Umnutzung entschieden. Beim Rundgang herrscht dazu große Einigkeit: Ein Abriss wäre sehr schade ums Ensemble gewesen. Die Neubelebung als Universitätsstandort dagegen genau der richtige Weg. „Wir müssen mit dieser Kultur leben“, sagt Antje Schottmann. „Nicht sie ausradieren.“ Dabei soll die Geschichte nicht vergessen werden, im Gegenteil. Sie soll erlebbar gemacht werden, sagt Kuni. Dafür stünden die mahnenden Tafeln am Eingang. Auch das Norbert-Wollheim-Memorial, in dem das Thema Zwangsarbeit für die IG Farben dokumentiert ist.

Kleinere Streitigkeiten gibt es noch. Etwa um die Nymphe, die am Brunnen vor dem Casino hockt, der bronzene Frauenakt „Am Wasser“ von Fritz Klimsch. Dass die Dame nackt ist, stört dabei wohl weniger. Ernsthafter diskutieren Kunstfreundinnen und -freunde, dass Klimsch ein Günstling des NS-Regimes gewesen ist. Seine künstlerischen Vorstellungen seien gleichwohl nicht von rassistischen Ideologien geprägt, sagt er zumindest, sondern von Körperdarstellungen der Antike beeinflusst.

Der Dialog-Spaziergang senkt heute nicht den Daumen. Ein junger Mann merkt an, es gebe ja an anderer Stelle des Campus, weiter oben Richtung Miquelallee, eine gute Replik, die ein anderes Frauenbild präsentiere. Dort, nahe des Adorno-Denkmals, räkelt sich die „Unbesiegbare“ von Wanda Pratschke auf der Wiese. Pratschkes Plastiken zeigen große, selbstbewusste, runde Frauen.

Ein fast unscheinbares, aber doch gewichtiges Beispiel für bewusste Vergangenheitsbewältigung ist die Skulptur des Denkers, der im Foyer des IG-Farbenhauses steht. Es ist ein beeindruckendes Foyer, groß, erhaben, mit grauenhafter Akustik, die den Schall einfach verschluckt. Fast andächtig hockt darin der in sich gekehrte Philosoph Empedokles, den Gerhard Marcks 1954 aus belgischem Granit geschaffen hat. Empedokles war eine „Schwellenfigur in der Philosophiegeschichte“, sagt Kuni. Ihm verdankt die Welt etwa die Idee, dass es vier Urstoffe gebe: Luft, Feuer, Erde und Wasser. Im Mittelpunkt seiner Lehre steht aber auch die Forderung nach Gewaltlosigkeit. Damit passt er ganz gut in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts, das ja nun schon zwei Weltkriege hinter sich hatte.

Die 50er sind eine Zeit, in der sich die Hochschule neu aufstellen möchte, als demokratische Institution. Baudirektor Ferdinand Kramer entwirft dafür eine demokratische Architektur, heute noch auf dem Campus Bockenheim zu bestaunen, etwa am Juridicum. Er holte 1958 Empedokles als Symbol an die Hochschule. Für den Eingangsbereich des Jügelhauses.

Damit hat Kramer ohnehin eine große Geste vollführt. Fast brutal lässt er den Eingang des herrschaftlichen Gebäudes vergrößern. Zudem verlegt er das Rektorat ins Erdgeschoss, „auf Höhe des Volkes“, wie es heißt, nur durch eine Wand aus Glasbausteinen abgetrennt. Der neue Eingang soll die Öffnung der Universität für alle Bevölkerungsschichten symbolisieren. Mit dem Umzug von Empedokles ins Foyer der IG Farben zieht auch dieser Teil der Frankfurter Hochschulgeschichte mit um. Dass die Uni ein Ort des demokratischen Wandels ist. „Das ist doch ein gutes Signal“, findet Kuni.

Antje Schlottmann (l.) und Verena Kuni sprechen über Kunst, etwa über den Philosophen Empedokles (aus Stein).
Antje Schlottmann (l.) und Verena Kuni sprechen über Kunst, etwa über den Philosophen Empedokles (aus Stein). © Monika Müller

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