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Die Titelseite des General-Anzeigers vom 1. Juni 1911, ein wenig mitgenommen nach all den Jahren.
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Die Titelseite des General-Anzeigers vom 1. Juni 1911, ein wenig mitgenommen nach all den Jahren.

Frankfurt damals

Frankfurt: Was geschah vor 110 Jahren?

  • Thomas Stillbauer
    VonThomas Stillbauer
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Neuigkeiten aus alter Zeit: Einen Monat lang blicken wir jeden Tag zurück auf Ereignisse aus dem Frankfurt von 1911. Ein wiederentdeckter Zeitungsband macht’s möglich.

Zwei Züge sind entgleist. An einem einzigen Tag. Im Hauptbahnhof. Was wird der „Frankfurter General-Anzeiger“ darüber bringen? Einen Aufmacher? Thema des Tages? Einen Kommentar? Nichts da. Sechs Zeilen bringt er, irgendwo in der Mitte auf Seite 3. Nur sechs Zeilen mit der Überschrift: „Entgleisungen“.

Willkommen im Frankfurt des Jahres 1911. Heute vor 110 Jahren steht in der Zeitung, dass ein reicher Bauer aus Bayern beim Besuch in Frankfurt beinahe von Einheimischen geplündert worden wäre. Die Leute sind so auffallend freundlich zu dem gutgläubigen Herrn, dass ein Kriminalbeamter misstrauisch wird und den Fremden lieber in seine Obhut nimmt. „Der Bauer wurde veranlaßt, sein Geld auf eine Sparkasse zu bringen“, schließt der Bericht.

Dass wir heute davon erzählen können, so viele Jahre später, ist Marlis Otto zu verdanken. Sie bewahrte den Juni-Band auf, bis er fast auseinanderfiel, und nun hat die frühere Grundschullehrerin die Zeitungsseiten weitergegeben an ihren ehemaligen Schüler, nachzulesen im Interview.

Was machen wir damit? Na klar: Wir machen eine kleine Serie daraus. Einen Monat lang heißt es im Frankfurt-Teil der FR nicht nur „Vor zehn Jahren“, sondern auch: „Vor 110 Jahren“. An jedem Erscheinungstag.

Wussten Sie, wie man „ein jugendlicher Greis“ wird? Der Frankfurter General-Anzeiger befragte dazu mehrere betagte Herren und gab die Ratschläge in der Ausgabe vom 1. Juni 1911 weiter. Ein gewisser Dr. Dugner (74), Mitglied der medizinischen Akademie, schwört auf ein frugales Frühstück (Glas Wasser mit einem Stück Zucker, Schnitte Brot), um 13 Uhr ein „kopiöses Dejeuner“ (Lammkotelett, Erdäpfel, Obst, Käse) und um 19.30 Uhr ein leichtes Diner. Keine Zigaretten, kein Alkohol, sieben Stunden Schlaf. Andere Herren verzichten abends auf Fleisch, trinken saure Milch, halten Maß – und besonders schwören sie auf regelmäßige Spaziergänge. Wir sind gespannt, ob in einer der nächsten Ausgaben die Tipps auf dem Weg zur „jugendlichen Greisin“ folgen. Aber wir sind da skeptisch. Frauen waren in der Sprache von damals noch generell „mitgemeint“.

Die Zeitung im Jahre 1911: eine wilde Mischung aus ernst und lustig, nah und fern. Keine Fotos, illustriert sind nur die Anzeigen: „Feinste Palmbutter, ärztlich empfohlen!“ Einen guten Ruf hat damals noch das Attribut „billig“ in Inseraten. Das verkneift sich die Branche heute lieber.

Es gibt auf den täglich zwölf bis 30 Seiten herrlich viele private Annoncen. Da werden „Anprobierdamen für Modell-Kostüme“ gesucht, Bewerbungen bitte „unter Beifügung der Photographie“. Die Gutsituierten unter den „135 000 Abonnenten“ (ob es auch Abonnentinnen gab … wir können nur spekulieren) suchen viele „tüchtige, brave Mädchen“ und auch mal eine „tüchtige Einleisterin“ – ein Begriff, der schon so lang nicht mehr gebräuchlich ist, dass wir auch hier nur mutmaßen können: Es handelte sich wohl um eine spezielle Tätigkeit in der Schuhfabrik, denn eine solche namens Schneider in der Mainzer Landstraße gab das Inserat auf. Und der „jüngere Auslaufer“, der auf Seite 12 gesucht wird, soll wohl als Laufbursche für die Färberei Gebrüder Röber in der Hanauer Landstraße 4 fungieren. Auch „Gußputzer“ und Bleilöter stehen im Juni 1911 hoch im Kurs.

GENERAL-ANZEIGER

Die Tageszeitung erschien von 1876 bis 1943. Als diese Ausgabe von 1911 gedruckt wurde, hatte sie ihre Adresse in der Gallusstraße 1, die es heute unter den Namen nicht mehr gibt; im Jahr darauf zog sie um in die Schillerstraße. Der Chefredakteur hieß Fritz Mathern.

135 000 Abonnentinnen und Abonnenten hatte das Blatt damals und kostete 50 Pfennig – im Monat.
Für ein Inserat verlangte der General-Anzeiger 25 bis 40 Pfennig pro Zeile, je nach Rubrik.

Im Ersten Weltkrieg stieg die Auflage der Zeitung auf 180 000, im Zweiten wurde sie auf Druck der Nationalsozialisten eingestellt. Nach Kriegsende bezog eine neue Zeitung das Gebäude in der Schillerstraße 19: die Frankfurter Rundschau, mit der Lizenz Nummer 2 der amerikanischen Militärregierung.

In derselben Ausgabe wird eine rein vegetarische „Illusion-Brotstreich-Margarine“ gepriesen (das Pfund 70 Pfennig), natürlich sind Adler-Schreibmaschinen zu haben, und gegen das Stottern: Kurse bei „Boeser’s Korrektiv“ in der Biebergasse 1. Es gibt sogar schon einen Automarkt: Ein Mercedes mit sage und schreibe 28 PS steht zum Verkauf „wegen Sterbefall, Eschersheimerldstr. 59“. In den Spalten mit den Heiratswünschen stört es offenbar nicht, wenn jedes einzelne Wort abgekürzt ist: „Wwe., 44 J., kath., 3000 M., w. m. sol. Hrn. zw. Heirat bek. z. werd.“ Na gut, „Heirat“ hat sie immerhin ausgeschrieben.

Die Zeitung ist enorm schwer lesbar, die Schrift im Vergleich zu heute so verschnörkelt und so klein. Alles steht hintereinanderweg geschrieben: Kommt man ganz unten an, liest man ganz oben weiter. Und alles, wirklich alles ist hochspannend. Es gibt einen täglichen „Vergnügungs-Anzeiger“ für das Programm von Oper und Schauspiel. Es gibt eine Rubrik „Aus dem Reich der Lüfte“ mit Nachrichten vom Fliegen: „Der Flieger Garros, der gestern um 10 Uhr 26 Min. in San Rossoro zum Flug nach Rom aufstieg, ist um 5 Uhr auf dem Flugfelde in Rom unter unbeschreiblichem Jubel der Menge eingetroffen. Als er den Aeroplan verließ, lief ihm Beaumont entgegen und umarmte ihn.“ Ja, es geht tatsächlich um die französischen Luftfahrtpioniere Roland Garros und André Beaumont.

Sie werden nur mit Nachnamen genannt – dagegen stehen andere Leute mit vollem Namen in der Zeitung: etwa zwei gewisse „Leichenfledderer“ (sie sollen einen Schlafenden, keinen Toten, auf einer Parkbank in den städtischen Anlagen beraubt haben). Aber auch Leute, die durch Suizid oder tödliche Unfälle ums Leben gekommen sind, werden mit Vor- und Nachnamen gemeldet. Das hat sich glücklicherweise inzwischen stark geändert, jedenfalls in der Qualitätspresse.

Was interessiert im Jahr 1911? Märkte – da geht’s ums Vieh, Auftriebszahlen und Preise. Ein vollfleischiges Schwein von 100 Kilo bringt um die 50 Mark ein. Wasserleitungen breiten sich aus. Wer Brunnen beseitigt, muss eine Genehmigung einholen. Über „unlautere Manöver“ eines gewissen Röhrig und der Preßluft- und Elektrizitäts-Gesellschaft beklagt sich die Maschinenbau-Aktiengesellschaft Pokorny & Wittekind. Der General-Anzeiger druckt’s – ohne mitzuteilen, was die Gegenseite dazu sagt.

„Fremdwörterunfug“ – auch damals ein heißes Thema. Wer Zeitung liest, erfährt: „Wer sich gereizt fühlt, ist – pikiert. Wer einfach stumpf ist, ist – blasiert. Wer dumm, beschränkt ist, ist – borniert. Und wer da spottet, sich – mokiert.“ Die Fremdwortpranger auf Seite 3 ist noch deutlich länger, auch imponieren und akzeptieren steht drauf. Das gibt zu denken. Gut möglich also, dass es im Jahr 2131 keinem mehr auffällt, wenn Leute „random“, „woke“ und „cringe“ sagen. Nice.

Auf Seite 5 wird empfohlen, „sofort“ die aus Hühnerei hergestellte Ray-Seife zu verwenden, „das beste Mittel zur Erzielung einer schönen und gesunden Haut“. Intimes Theater ist annonciert: Aus Wien kommt das Cabaret Fledermaus. Das Apollo-Theater eröffnet in der Neuen Zeil 49 einen japanischen Garten „mit erstklassigen Künstlern und“ – Achtung – „Künstlerinnen“. Geht doch. Zwischen Handelsteil und Standesamtsregister kündigt der General-Anzeiger die Uhrzeiten der „israelitischen Gottesdienste“ an.

Im Sportteil beherrschen Reiten, Rudern und vor allem Radeln die Szene. Aus dem Ausland wird über die Entführung des Ingenieurs Richter durch „Räuber“ in Konstantinopel berichtet. Die Höhe der Lösegeldforderung ist noch unbekannt. Auf Seite 10 geht es um eine kinematographische Verirrung aus Paris, dahinter um Erdstöße in Aachen, davor um Prinz Joachim, dem es besser gehe, er habe aber noch Schmerzen. Wovon? Erfahren wir nicht, aber: „Zu den Pfingstfeiertagen wird Frankfurter Bürgerbräu bestens empfohlen!“ Auf Seite 18: Lotteriezahlen, Seite 19: Fortsetzungsroman von der Insel Mallorca.

Später im Juni werden wir einen ersten Bericht von der Expedition mit der „Fram“ in die Antarktis erhalten – von Roald Amundsen persönlich. Am gleichen Tag wird ein getrocknetes rotes Blatt auftauchen, das zwischen Seite 12 und Seite 13 liegt, vermutlich Rotbuche, wer weiß, wie lange schon? Bleiben Sie dran, es gibt den ganzen Juni über jeden Tag erstaunliche Neuigkeiten aus alter Zeit.

Die Seife für die ganze Damenwelt.
„Brief hauptpostlagernd. Bin unglücklich.“ Drama inseriert.
Marlis Otto hat den Zeitungsband viele Jahre aufbewahrt. Sie war Lehrerin an der Heinrich-Seliger-Grundschule in Frankfurt. Nach ihrer Pensionierung gründete die Tagesmütterzentrale in Neu-Isenburg, wofür sie 2006 das Bundesverdienstkreuz erhielt.

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