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Frankfurt: Was die Hassmails vom „NSU 2.0“ anrichteten

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Von: Hanning Voigts

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Der „NSU 2.0“-Prozess findet unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen statt. Foto: Peter Jülich
Der „NSU 2.0“-Prozess findet unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen statt. © Peter Jülich

Im Prozess um den „NSU 2.0“ in Frankfurt sagen Mitglieder der Berliner Linksfraktion und eine Journalistin vom „Spiegel“ aus.

Frankfurt - Anne Helm war gleich klar, was da auf sie zukommt. Als sie im Sommer 2020 die erste Drohmail vom „NSU 2.0“ bekommen habe, habe sie gewusst, „dass das zu Einschränkungen in meinem Leben führen wird“, sagt die Politikerin. Als Fraktionsvorsitzende der Linkspartei im Berliner Abgeordnetenhaus und Aktivistin gegen rechts wisse sie, was Neonazidrohungen anrichten könnten, sagt Helm. Und sie habe sofort überlegt, wie sie es dem Absender schwermachen könne, „Einfluss auf mein Leben zu nehmen“.

Auch am Donnerstag sagen im Prozess um die Morddrohungen vom „NSU 2.0“ Betroffene als Zeug:innen aus. Anne Helm berichtet, wie sie jeden Morgen auf ihr Handy geschaut habe, ob wieder eine der meist nachts versendeten, frauenfeindlichen Drohungen eingetroffen sei. Wie sie oft sofort habe reagieren müssen, weil die Mails an mehrere Empfänger:innen gegangen seien und sie habe verhindern wollen, dass die Drohungen öffentlich wurden. Dem Täter sei es wie einem Stalker gelungen, „sich in mein Leben zu zwingen“, schildert die 35-Jährige. All das habe sie Kraft gekostet, die an anderer Stelle gefehlt habe.

„NSU 2.0“: Sorge wegen Anschlägen

Der Unterschied zu vorherigen Bedrohungen sei beim „NSU 2.0“ gewesen, dass der Täter ihre private Adresse gekannt habe, berichtet Helm. Sie habe Sorge gehabt, der Täter könnte mit militanten Neonazis in Berlin-Neukölln vernetzt sein, wo es zu der Zeit eine rechte Anschlagsserie gab. Sie habe auch Maßnahmen zum Selbstschutz ergreifen müssen. Das Angebot des Berliner Landeskriminalamts, ihre Wohnung auf Sicherheitsmängel zu untersuchen, habe sie abgelehnt, so Helm. Sie habe „nicht das Vertrauen gehabt, Polizisten in meine Wohnung zu lassen“. Auch durch die Medienberichte über den „NSU 2.0“ habe sie befürchtet, polizeiliche Daten könnten in die Hände der Täter fallen.

Die Befragung von Ferat Koçak, der ebenfalls für die Linke im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt und in den Drohschreiben vom „NSU 2.0“ erwähnt wurde, sorgt beim Zeugen für Verunsicherung. Im Jahr 2018 war auf sein Auto und sein Wohnhaus ein Brandanschlag verübt worden, mutmaßlich von lokalen Neonazis. Die Polizei hatte Koçak zuvor nicht gewarnt, obwohl den Sicherheitsbehörden Hinweise auf eine Gefährdung vorlagen.

Als Koçak im Gerichtssaal Schreiben vom „NSU 2.0“ gezeigt werden, in denen seine private Adresse steht und der Absender behauptet, für den Brandanschlag verantwortlich zu sein, ist der 42-Jährige spürbar verunsichert. Er fragt die Vorsitzende Richterin Corinna Distler, wie es sein könne, dass das Berliner LKA ihn nur über eine Mail vom „NSU 2.0“ aus dem Jahr 2020 informiert habe und er jetzt erstmals erfahre, dass er schon im Sommer 2019 in derartige Drohmails erwähnt wurde. „Das bringt mich wieder in eine Situation, wo ich nicht weiß, wem ich vertrauen kann“, sagt Koçak. „Ich frage mich, was für Fehler jetzt hier passiert sind.“

Nach Koçak sagt noch die „Spiegel“-Journalistin Wiebke Ramm aus, die ebenfalls Drohschreiben erhalten hatte, nicht nur vom „NSU 2.0“, sondern auch von einem Absender namens „Wehrmacht“ und vom neonazistischen „Staatsstreichorchester“. „Die eine oder andere schlaflose Nacht hatte ich“, berichtet Ramm. Sie sei selbst erstaunt gewesen, dass die Drohungen sie mitgenommen hätten, obwohl sie als Gerichtsreporterin einiges gewöhnt sei.

Zeitweise habe sie sich in ihrer eigenen Wohnung nicht mehr sicher gefühlt, schildert Ramm. Und: Sie gehe davon aus, dass die rechtsextremen Täter, die hinter den verschiedenen Pseudonymen steckten, miteinander in Kontakt gestanden hätten.

Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt. (Hanning Voigts)

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