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Frankfurt: Warum Wohnungslose am Flughafen absteigen

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Die Sozialarbeiterinnen Kristina Wessel (rechts) und Malgorzata Zambron sortieren Kleiderspenden.
Die Sozialarbeiterinnen Kristina Wessel (rechts) und Malgorzata Zambron sortieren Kleiderspenden. © ROLF OESER

Sozialarbeiterinnen der Diakonie betreuen im Jahr bis zu 200 Menschen.

Es ist 10 Uhr früh am Frankfurter Flughafen. Während einige Menschen aufgeregt zu den Gates rennen, um ihren Flug zu erwischen, spazieren andere durch die Hallen. Denn nicht jeder ist hier, um eine Reise anzutreten. Manche Menschen haben nicht einmal vor, den Flughafen zu verlassen – auch nicht in den nächsten Wochen. Sie mischen sich unter die Fluggäste und sind teilweise nicht von ihnen zu unterscheiden, so dass sich selbst die Sozialarbeiterinnen Kristina Wessel und Malgorzata Zambron manchmal unsicher sind, ob sie einen Fluggast oder eine wohnungslose Person vor sich haben. „Wir warten dann zwei bis drei Tage, und wenn die Person dann immer noch am Flughafen ist, sprechen wir sie an“, sagt Wessel.

Notwendige Anlaufstelle

Wessel und Zambron arbeiten für die Aufsuchende Sozialarbeit am Flughafen, die ihre Arbeit im September 2016 aufgenommen hat. Sie ist Teil des Weser 5-Diakoniezentrums des Diakonischen Werkes für Frankfurt und Offenbach. Der Flughafenbetreiber Fraport finanziert die Räume in Terminal C und eine Stelle, die andere wird vom Landeswohlfahrtsverband (LWV) und der Stadt Frankfurt bezahlt. „Schon immer gab es am Flughafen hilfesuchende Wohnungslose, doch irgendwann wurden es immer mehr. Da musste etwas getan werden“, erklärt Wessel den Start ihrer Arbeit. „Der Aufenthalt am Flughafen ist keine Dauerlösung“, bestätigt auch eine Sprecherin von Fraport auf Anfrage. Fraport wolle den Betroffenen deshalb helfen. „Mit dem Ausweisen der Leute hier ist es nicht getan. Sie brauchen Hilfe, eine Anlaufstelle“, betont Wessel.

Diese Anlaufstelle bietet die Aufsuchende Sozialarbeit. Die beiden Sozialarbeiterinnen drehen lange Runden im Flughafen, um nach wohnungslosen und möglicherweise hilfebedürftigen Menschen Ausschau zu halten. Sie sprechen sie an und bieten Beratung an. Wenn nötig, vermitteln sie die Menschen, die sie als ihre „Klienten“ bezeichnen, an psychologische, medizinische und rechtliche Hilfen, die Wohnungslosenhilfe oder auch an Behörden. „Unser Ziel ist es, dass Leute eine neue Perspektive bekommen. Stichwort: Hilfe zur Selbsthilfe“, erklärt Zambron. Zusätzlich unterstützen sie die Menschen mit Masken oder Kleidung, die sie von der Diakonie oder aus Spenden, teilweise auch von Fluggesellschaften, beziehen.

anlaufstellen

Franziskustreff: Frühstücksangebot und Sozialberatung, Schärfengäßchen 3, 60311 Frankfurt, 069 29729640;

Diakoniezentrum: Tagestreff, Beratungsstelle, Notübernachtung, Übergangswohnhaus, Weserstraße 5, 60329 Frankfurt, 069 2713580;

Multinationale Informations- und Anlaufstelle für EU-Bürger:innen (MIA) von Diakonie und Caritas, Rechneigrabenstraße 1, 60311 Frankfurt, 069 2982 6250;

Casa 21, Zentrum für Wohnungslose vom Caritasverband Frankfurt: Beratung und Begleitung, Hilfe bei der Existenzsicherung u.v.m., Klingerstraße 8, 60313 Frankfurt, 069 29823000;

Stützende Hände e.V, Essensausgabe am Eschenheimer Tor und weiteren Plätzen in Frankfurt, 0172 5712860;

Beratungszentrum vom Frankfurter Verein für soziale Heimstätten, Bleichstraße 38a, 60313 Frankfurt, 069 7410121;

Teestube Jona der Projektgruppe Bahnhofsviertel: Tagesaufenthalt, Essen und Trinken, Fachberatungsstelle, Gutleutstraße 121, 60327 Frankfurt, 069 236125. prkb

Angespannte Lage

Empfänger:innen sind die bis zu 200 Menschen in prekären Lebenssituationen, viele von ihnen obdachlos, die sich über ein Jahr verteilt am Flughafen aufhalten. Etwa 40 bis 60 von ihnen sehen den Flughafen als „Zuhause“ an und verlassen ihn nur selten. Im Winter seien es meist bis zu 80 Menschen, die dauerhaft am Flughafen bleiben. Zudem sei die Stimmung in der kalten Jahreszeit anders, „die Klienten sind einfach viel angespannter“, beschreibt Wessel. Dazu komme dann noch Corona, weswegen weniger Reisende am Flughafen sind. Das bedeutet auch weniger weggeworfene Pfandflaschen, die viele Obdachlose aus den Mülleimern sammeln, um sich zu finanzieren.

Die Aufsuchende Sozialarbeit unterstützt sie mit Essensgutscheinen und vergünstigten Fahrkarten. „Wir konnten trotz Corona-Pandemie unsere Arbeit aufrechterhalten“, betont Wessel.

Seit Beginn ihrer Arbeit konnten Wessel und Zambron bis zum Oktober 2020 insgesamt 132 Menschen motivieren, den Flughafen zu verlassen und einen neuen Lebensmittelpunkt zu finden. Für das Jahr 2021 liegen die Zahlen bis Oktober vor, in diesem Zeitraum seien es 33 Menschen gewesen, wie Fraport mitteilte. Viele von ihnen hätten Arbeit gefunden, „nur bezahlbares Wohnen bleibt ein großes Problem in Frankfurt“, erklärt Zambron.

Die beiden Sozialarbeiterinnen sind sich einig: „Wichtig wäre ein niedrigschwelliges Angebot mit Einzelunterkünften für wohnungslose Menschen, die das existierende Hilfesystem bisher nicht erreicht, insbesondere für Frauen.“ „Und: Hier muss sich in Frankfurt etwas tun“, betont Wessel.

Auch in Bezug auf die eigene Arbeit sei kein Ende in Sicht: „Die, die wir vermitteln, das ist wunderbar – aber dann kommen schon wieder die nächsten. Es ist eine Never-ending Story“, beschreibt Wessel. Und nicht jeder will sich unterstützen lassen. „Aber wir geben unsere Klienten nie auf“, betont Zambron. Wessel ergänzt: „Wir sprechen sie dann immer wieder an, mit viel Feingefühl.“ Das sei auch grundsätzlich bei ihrer Arbeit wichtig. Und noch mehr. Wessel zählt auf: „Empathie und den Klienten auf Augenhöhe zu begegnen, immer wieder zu motivieren und geduldig zu bleiben, auch wenn es zu Rückschlägen kommt.“

Von Kim Brückmann

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