Gerd Müller-Droste (l.) und Henning Fangauf haben das Buch über Heimat zusammengestellt. Rainer Rüffer
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Gerd Müller-Droste (l.) und Henning Fangauf haben das Buch über Heimat zusammengestellt. Rainer Rüffer

Kultur

Frankfurt: Warum Heimat so viel mehr als nur ein Ort ist

  • VonBrigitte Degelmann
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Buch mit Geschichten, Szenen, Tagebuchnotizen, Gedichten und Songtexten zum Thema erschienen

Geht es nach dem Wörterbuch, dann ist die Sache ganz einfach: Heimat sei das Land, die Region oder der Ort, „in dem man geboren und aufgewachsen ist oder sich durch ständigen Aufenthalt zu Hause fühlt“, heißt es im Duden. Mit wie vielen Gedanken und Gefühlen dieses schlichte Wort jedoch aufgeladen sein kann, das zeigte sich am Samstag bei einer Präsentation im Schultheater-Studio. Dort wurde das neue Buch „Heimat suchen“ vorgestellt, herausgegeben vom Frankfurter Regisseur und Theaterpädagogen Gerd Müller-Droste sowie von Henning Fangauf, der jahrelang stellvertretender Direktor des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in Frankfurt war. 140 Seiten mit Geschichten, Szenen, Tagebuchnotizen, Gedichten und Songtexten von rund 20 Autor:innen, die in mehreren Schreibwerkstätten entstanden sind.

Immer wieder scheint darin das Gefühl von Entwurzelung auf. Etwa in einem Gedicht von Ute Rauscher (67), die aus der Nähe von Berlin stammt, mit ihrer Familie direkt nach dem Mauerbau 1961 floh und heute in Frankfurt lebt. „Wie sprichst du denn?/So anders/Du bist nicht von hier/gehörst nach woanders“ schreibt sie in „Samen meiner Kindheit“. Doch wohin? Das fragt sich die 15-jährige Tia Garg, die aus Indien stammt, mit ihrer Familie schon in den USA und in Finnland gelebt hat und nun in Frankfurt wohnt: „Ich habe gehört, Zuhause ist dort, wo dein Herz ist (...). Die eigentliche Frage ist, mache ich mir überhaupt die Mühe, ‚mein Herz irgendwo zu lassen‘? Ich meine, warum soll ich?“

Dass Heimat sich auch in Nasen und Ohren einnisten kann, zeigt sich im Text „Der Duft von Heimat“ der Sängerin und Autorin Christina Eretier, in dem vom Geruch von Borretsch an den Händen die Rede ist und vom „leisen Knacken zerberstender Erbsenschoten zwischen den Zähnen“. Und dass die Wörter „Heimat“ und „Zuhause“ nicht Dasselbe bedeuten müssen, stellt Juliane Scheel in der Geschichte „Der Güterzug“ heraus, in dem sie die Erinnerungen ihrer Großmutter an die Vertreibung aus Niederschlesien am Ende des Zweiten Weltkriegs aufzeichnet. „Zuhause sein kann ich überall, Heimat habe ich nur eine“, heißt es darin.

Flucht und Vertreibung können selbst für die Nachfahren der Betroffenen traumatische Folgen haben. Das wird im Text „Die rollende Träne“ von Mathias Seider deutlich, dessen Urgroßvater Anfang der 1930er-Jahre von Stalins Schergen in der Ukraine brutal verfolgt wurde. Aber auch der gegenwärtige Ukraine-Krieg ist Thema: etwa in dem Brief „An mein Haus“ der ukrainische Journalistin Olena Iskorostenska, die am zweiten Kriegstag mit ihrer 15-jährigen Tochter aus Kiew geflohen ist und nun in Frankfurt lebt. Zwar in Sicherheit, aber immer in der Sorge um Familie und Freunde.

Wie schwer es ist, in einem fremden Land Fuß zu fassen, zeigt die Schilderung „Zivilcourage“ von Samira Manafi, die aus dem Iran stammt. Darin beschreibt sie, wie sie in der Frankfurter U-Bahn als Terroristin beschimpft wurde, wobei niemand eingriff: „Ich bekam nichts außer leeren Augen, die mich anblickten.“ Aber auch komische Momente hält das Buch bereit. Etwa wenn die aus Pforzheim stammende Theatermacherin Do Deckinger, die die Buchpräsentation moderierte, über das „Schwarzwaldgetue“ spöttelt.

Die vielfältigen Schattierungen des Buchs spiegelten sich im musikalischen Rahmenprogramm der Veranstaltung wider: in den klassischen Klängen des Pianisten Vincent Föhlisch und des Sängers René Kreuter ebenso wie in den Chansons von Christina Eretier (Gesang) und Paul Pfeffer (Gitarre) bis zum Rapsong von Reza Hosseini. Heimat ist eben sehr viel mehr als nur ein Ort.

Das Buch „Heimat suchen. Geschichten und Szenen über Flucht und Heimweh“, herausgegeben von Gerd Müller-Droste und Henning Fangauf, ist im Deutschen Theaterverlag erschienen und kostet 16,80 Euro.

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