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Heide Lauterbach, Malerin und Zeichnerin.

Ausstellung

Warten und Wundern mit Heide Lauterbach

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Corona lässt schon zum zweiten Mal die lang vorbereitete Ausstellung der 87 Jahre alten Künstlerin platzen. Ihr ist eines besonders wichtig, damit Kunst Spaß macht.

Vieles muss in diesem missratenen Jahr auf die lange Bank geschoben werden, und für manches wird die Bank länger und länger. Heide Lauterbach wollte im März ihre Bilder zeigen – Zeichnungen, Landschaften, vor allem: Gesichter. Den Stand der Dinge, neue Arbeiten, auch Liebgewonnenes von einst. Dann kam Corona.

Was macht eine Frau, die in diesem Jahr 88 wird, in einer solchen Situation? Warten. Die Galeristin Brigitte Leistikow verschob schweren Herzens die Ausstellung in ihrem „Projekthaus“ an der Rotlintstraße. Vor vier Wochen meldete sie sich wieder, hoffnungsvoll, denn der Moment schien günstig. „5:1“ sollte die Bilderschau heißen: Sechs Ausstellungen in einer sollte sie enthalten, an sechs Tagen im Oktober und November, fünf Vernissagen und eine Finissage. Farbenstrahlende Einladungen waren entworfen. „Mit großer Freude möchten Heide Lauterbach und ich Sie einladen“, hieß es. Dann kam Corona zurück mit Wucht.

Was wir nun versäumen, denn auch die verschobene Ausstellung ist nun wieder verschoben, sind wundersame Begegnungen eines Menschen mit sich selbst. Wer Heide Lauterbach kennt (oder die Berichte über sie in der FR), der wird nicht vergessen können, was sie über ihre Arbeit sagt. Dass sie keine Ideen hat, ganz bewusst. Dass sie sich vorher nicht überlegt, was sie machen will. Dass es leicht sein muss, um Spaß zu machen, und vor allem: absichtslos. Das ist ihr Wort. „Aber man kann ja nicht mit Absicht absichtslos sein.“ Sätze, die man so gern alle drei Jahre wieder in die Zeitung schreibt, weil sie Kunst begleiten, indem sie selbst Kunst sind.

Bilder aus einem Strich

Heide Lauterbach hat immer wieder begonnen. Ihre Bilder fangen oft damit an, dass sie ansetzt zu einem langen Strich und erst wieder absetzt, wenn das Bild fertig ist. Dann weiß sie, was es geworden ist. „Ich male, um mich zu wundern“, noch so ein Satz der Frau, die 1932 in Frankfurt geboren wurde, über Berlin und San Diego und Südamerika und Indien und Italien stets wieder zurück hierher fand, am Städel Grundlegendes lernte, Kindern etwas beibrachte, den Häuserkampf im Westend aus der Nähe erlebte.

Selbstbildnis.

Was wir nun versäumen, schmerzlich versäumen, ist auch die Begegnung mit dieser Frau. Vor drei Jahren hat sie wieder etwas Neues angefangen, nämlich: ihr altes Leben hinter sich zu lassen. Vor drei Jahren beschloss sie, ebenfalls im Leistikow’schen Projekthaus, ihre Bilder weiterzugeben „an Leute, die noch ein Stück Wand freihaben“, vor drei Jahren verließ sie ihre Wohnung oben im Dachgeschoss, 80 Stufen hoch, und verkleinerte ihren Alltag. „Aber ihre neue Wohnung sah nach kurzer Zeit auch schon wieder aus wie ein Atelier“, sagt Brigitte Leistikow.

„Ich habe es mir eben so eingerichtet, dass ich malen konnte“, sagt Heide Lauterbach. Wie geht es ihr nun mit der langen Bank und der Ausstellung, die immer ein Stück weitergeschoben wird? „Ich habe mir schon fast gedacht“, sagt sie, „dass es wieder nichts wird.“ Sie wirkt dabei gar nicht besonders enttäuscht, oder aber: Sie lässt es sich nicht anmerken. Es ist keine Kunst zu erraten, wie es einem sehr lange sehr jung gebliebenen Menschen gehen muss, wenn Pläne für die nächste Zeit zu Plänen für die übernächste Zeit werden. Wenn die Bank letztlich allzu lang zu werden droht.

Es gibt Möglichkeiten, die Arbeit von Heide Lauterbach zu bewundern. Ihre Internetseite www.heide-lauterbach.de enthält ein prall gefülltes Werkverzeichnis, dass sich elegant mit dem Mausrad durchwandern lässt. Dort sind auch Videofilme zu finden, die das Entstehen ihrer Bilder zeigen, etwa „Mutabor“, das Werden und Vergehen, Malen und Übermalen, zur Musik der Pianistin Elvira Plenar und der Posaunistin Annemarie Roelofs.

Brigitte Leistikow wird weitere Videos zu den Themen der verschobenen Ausstellung Anfang November auf ihrer Internetseite www.projekthaus-leistikow.de veröffentlichen. „Ein gelungenes Porträt zeigt immer auch einen Teil von mir, aber es lässt auch die Person anwesend sein, die ich gemalt habe“, zitiert sie die Künstlerin. Heide Lauterbach war und ist eine Suchende. Und weil stimmt, dass aufgeschoben nicht aufgehoben ist, werden wir sie auch sicher wieder finden, irgendwann nach diesem missratenen Jahr.

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