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Agaplesion-Vorsitzender: „Wir brauchen weniger Krankenhäuser“

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Von: Jutta Rippegather

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Markus Horneber, Vorstandsvorsitzender von Agaplesion, vor dem Markuskrankenhaus in Frankfurt. Auf dem Gelände sitzt die gemeinnützige Aktiengesellschaft. Rolf Oeser
Markus Horneber, Vorstandsvorsitzender von Agaplesion, vor dem Markuskrankenhaus in Frankfurt. © Rolf Oeser

Markus Horneber, Vorsitzender des Frankfurter Unternehmens Agaplesion, spricht über unterbelegte Kliniken und den Zwang zu Reformen.

Frankfurt - Mit vier Krankenhäusern in Frankfurt hat Agaplesion vor 20 Jahren angefangen. Jetzt ist es nach Helios, Sana und Asklepios der viertgrößte Gesundheitskonzern in Deutschland. Das Besondere an der Aktiengesellschaft ist ihre Gemeinnützigkeit. Und, dass sie Erfahrung mit dem hat, was nach Auffassung des Vorstandsvorsitzenden dringend geboten ist: Kliniken zusammenzulegen.

Herr Horneber, woher haben Sie das Geld für die vielen Zukäufe von Krankenhäusern und Pflegeheimen?

Wir kaufen keine Häuser. Wir machen das viel intelligenter. Unsere meisten Krankenhäuser gehörten früher einer kirchlichen GmbH, einem Verein oder einer Stiftung. Beim Agaplesion-Elisabethenstift in Darmstadt zum Beispiel war es eine Stiftung. Sie hat 60 Prozent der Gesellschafteranteile abgeben und bekam dafür Aktien an Agaplesion. Das ist ein ideeller Wert.

Warum ist es wichtig, den alten Betreiber mit ins Boot zu holen?

Die enge Bindung der Stadt und ihrer Bevölkerung an das Krankenhaus und den früheren Alleineigentümer bleibt. Agaplesion übernimmt das Management, aber die bisherigen Alleineigentümer bleiben in der regionalen Gesellschaft dabei, und zusätzlich sind sie als Aktionäre in der Hauptversammlung unserer Aktiengesellschaft vertreten.

Ist es das, was Sie unter ideellem Wert verstehen?

Ja. Wer sein Krankenhaus gegen Geld verkaufen will, kommt nicht zu uns. Das Modell passt nur jenen, die die Identität, die Kultur ihres evangelischen Krankenhauses oder einer anderen diakonischen Einrichtung bewahren wollen. Wir garantieren dies vertraglich. Wir sind Deutschlands größtes diakonisches Unternehmen. Deshalb haben wir auch fast nur evangelische Krankenhäuser. Die katholischen ticken anders, die verkaufen häufiger. Und die privaten haben mehr verfügbare Mittel.

Agaplesion-Vorsitzender Markus Horneber: Deutschland hat zu viele Kliniken

Die Privaten müssen ja auch Geld verdienen.

Das müssen wir als gemeinnützige Aktiengesellschaft auch. In ganz Deutschland kommen die Länder ihrer Pflicht nicht nach, die Investitionskosten der Krankenhäuser zu decken – deswegen benötigen wir Geld, um selbst investieren zu können. Aber bei uns kommen die Gewinne dem jeweiligen Krankenhaus zugute. Ergänzend haben wir einen Cashpool, mit dem die Krankenhäuser sich gegenseitig Geld leihen können, zum Beispiel für Investitionen oder zur Überbrückung schwieriger Zeiten. Am Ende bleibt aber alles Erwirtschaftete beim jeweiligen Krankenhaus. Wir schütten nichts aus an Anteilseigner oder finanzieren damit einen Kaufpreis wie die Privaten. Wir entziehen dem Gesundheitssystem kein Geld.

Krankenhäuser zu betreiben, ist angeblich nicht mehr so lukrativ. Die Branche klagt. Die Politik will die Zahl der Krankenhäuser senken. Haben wir zu viele Kliniken in Deutschland?

Ja. Und das Problem wird immer größer wegen des Personalmangels in allen Bereichen – Pflege, ärztlicher Dienst, aber auch in der IT oder Speiseversorgung. Weniger Krankenhäuser bedeutet eine bessere Auslastung. Man kommt in Summe mit weniger Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus. Es gibt Krankenhäuser, die sind nur zu 50 Prozent belegt, aber es muss trotzdem die komplette Belegschaft da sein.

Zur Person

Markus Horneber ist seit zehn Jahren Vorstandsvorsitzender der gemeinnützigen Agaplesion-Aktiengesellschaft mit Sitz in Frankfurt. Der 57-Jährige ist promovierter Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler sowie Betriebswirt.

Agaplesion wurde 2002 in Frankfurt von christlichen Unternehmen gegründet. Zu der gemeinnützigen Aktiengesellschaft gehören bundesweit mehr als 100 Einrichtungen, darunter 22 Krankenhausstandorte mit 6433 Betten, 40 Wohn- und Pflegeeinrichtungen mit 3562 Pflegeplätzen, vier Hospize, 36 medizinische Versorgungszentren, sieben ambulante Pflegedienste und eine Fortbildungsakademie.

An 15 Standorten bildet der Konzern im Bereich Gesundheits- und Krankenpflege aus.

22 000 Beschäftigte versorgen pro Jahr rund eine Million Patient:innen. Die Umsatzerlöse aller Einrichtungen inklusive der Beteiligungen betragen 1,7 Milliarden Euro. jur

Wie hoch sind die Belegungszahlen bei Agaplesion im Durchschnitt?

Deutlich schlechter als vor Corona. Viele Patienten meiden weiter das Krankenhaus. Ich schätze wir liegen bei 70 Prozent.

Sie behaupten, Agaplesion sei bei Krankenhauszusammenlegungen Weltmeister. Wieso?

In Frankfurt hatten wir zur Gründungszeit vier Krankenhäuser. Das am Mühlberg, das Diakonissenkrankenhaus im Nordend, das Bethanienkrankenhaus und das Markus. Die ersten beiden haben wir geschlossen und ins Markus verlegt. Die Mitarbeiter haben kaum weitere Wege. Und die Patienten haben den Vorteil, dass sie nicht in einer reinen geriatrischen Fachklinik liegen. Wir können sie im Agaplesion-Markuskrankenhaus auch orthopädisch oder urologisch oder gynäkologisch versorgen. Zusammenlegen verbessert die Versorgungsqualität. Dasselbe Konzept haben wir an vielen anderen Standorten in Deutschland realisiert.

Was ist das Erfolgsrezept für eine Zusammenlegung?

Bei unterschiedlichen Trägern wird es wegen der unterschiedlichen Interessen schwierig. Bei den Öffentlichen kommt hinzu, dass jeder Bürgermeister oder Landrat sein Krankenhaus behalten will. Deshalb passiert so wenig in Richtung der aus medizinischer und wirtschaftlicher Sicht so notwendigen Zusammenlegung. Auf dem Land muss das eine oder andere Krankenhaus am Netz bleiben, um eine Grundversorgung zu gewährleisten, damit die Wege nicht zu weit werden.

Frankfurt: „Nicht jedes Krankenhaus muss alles machen“ - Horneber für mehr Zusammenlegungen

In der politischen Diskussion ist eine Arbeitsteilung. Was halten Sie davon?

Nicht jedes Krankenhaus muss alles machen. Wenn es eine Kardiologie hat, bietet sich als Ergänzung eine Angiologie an, vielleicht noch Gefäßchirurgie und Pneumologie. Oder man spezialisiert sich wie wir an manchen Standorten auf ältere Menschen – Geriatrie, mit Orthopädie, wegen des häufigen Oberschenkelhalsbruchs. Da sind die Patienten besser aufgehoben als in einer orthopädischen Fachklinik. Sinnvolle Schwerpunkte setzen, davon mehr Patienten behandeln – weil mit Erfahrung die Qualität steigt. Es ist richtig, dass der Gesetzgeber Mindestmengen in vielen Bereichen vorschreibt.

In der Corona-Krise ziehen alle Kliniken an einem Strang. Den Überblick hat der Planungsstab beim hessischen Sozialministerium. Man unterstützt sich gegenseitig, damit es nicht zu Engpässen kommt. Lässt sich von diesem Soli-Modell etwas für die Zukunft retten?

In solchen Zeiten muss der Wettbewerbsgedanke hintanstehen. Doch grundsätzlich verbessert Konkurrenz Angebot und Qualität. Man schaut sich gegenseitig ab, wie man Patienten gut versorgt. Bei drei Trägergruppen – kommunal, privat, kirchlich – kann sich der Patient bei planbaren Eingriffen die beste Medizin und auch die Unternehmenskultur aussuchen. Wir als christliches Unternehmen etwa sehen die Menschen insgesamt, beziehen auch Angehörigen ein. Gerade Ältere fühlen sich da besser aufgehoben. Der Wettbewerb schafft unterschiedliche Angebote. Und wir müssen uns um unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bemühen, wir müssen gute Arbeitgeber sein.

Agaplesion bildet selbst aus. Alleine in Hessen besuchen aktuell 355 Nachwuchskräfte Ihre Pflegeschule. Ist das genug für den Bedarf?

Leider nicht. Wie haben viele offene Stellen und müssen wegen Personalmangels auch Behandlungen verschieben. Wir rekrutieren im Ausland – auf den Philippinen, neuerdings in der Mongolei. Wir beschäftigen schon lange viele Kräfte aus Mittel- und Osteuropa. Aber auch all das ist nicht die Lösung. Wir brauchen strukturelle Veränderungen. Weniger Krankenhäuser, damit die Mitarbeiter sich anders auf die wirklich notwendigen Krankenhäuser verteilen können. (Jutta Rippegather)

In Gießen und Marburg sind die Unikliniken seit Jahren privatisiert. Geklagt wird über Tricks und Täuschungen.

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