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Blau ist die Theaterfarbe: Blick in das neue Haus.

Neues Theater für Frankfurt

Volksbühne Frankfurt: Vorhang auf

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Ein Besuch in der Volksbühne am Großen Hirschgraben, die am 24. Januar mit der Uraufführung von „Struwwelpeter“ nach Heinrich Hoffmann ihre Tore öffnet.

Michael Quast träumt einen Traum. Und das schon recht lange. Im Dezember 2008 gründete der Schauspieler, Regisseur und große Komödiant in Frankfurt die „Fliegende Volksbühne“. Seither bespielte er wechselnde Orte mit modernem, volkstümlichem Theater. Und versuchte, in einem Haus sesshaft zu werden. Jetzt ist es dem 60-Jährigen gelungen. Am 24. Januar eröffnet er am Großen Hirschgraben 19-21 im Stadtzentrum Frankfurts jüngstes Theater, die „Volksbühne“.

Es ist ein geschichtsträchtiger Ort, den Frank Junker, Geschäftsführer der städtischen ABG Holding, im Rundgang der FR zeigt. Zum ersten Mal hat das Wohnungsbauunternehmen ein Theater gestalten lassen. Der heute denkmalgeschützte Cantatesaal war neben dem Goethehaus in den Jahren 1953-1957 nach dem Entwurf des Architekten Wilhelm Massing entstanden. Er war Teil des Domizils, das Massing damals für den Börsenverein des Deutschen Buchhandels konzipiert hatte.

So ist der Cantatesaal schon immer ein Ort der Kultur gewesen. Sein Name rührte vom alten Brauch der Buchhändler, jedes Jahr am vierten Sonntag nach Ostern, eben an Cantate, die Abrechnung fürs Jahr vorzulegen.

In den 50er und 60er Jahren traten in dem Bau am Gr oßen Hirschgraben auf Einladung des Börsenvereins berühmte Autoren auf: der Dichter Paul Celan ebenso wie der Philosoph Theodor W. Adorno oder der Dramatiker Samuel Beckett. Nach einem Zwischenspiel mit dem Programmkino „Lupe 2“ bezog das berühmte Frankfurter Volkstheater mit der Prinzipalin Liesl Christ den Cantatesaal. Im Mai 2013 musste das Volkstheater aufgeben.

Und nun übernimmt also Quast das künstlerische Erbe – das er freilich entscheidend modernisiert und weiterentwickelt hat. Schon die Premiere am 24. Januar ist in dieser Hinsicht ein Signal. Der „Struwwelpeter“, verfasst vom Frankfurter Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann vor 175 Jahren, ist als Text ein Klassiker. Mitglieder des Ensemble Modern haben dazu jetzt eigens Musik geschrieben, Sabine Fischmann und Michael Quast werden die zehn Kurzgeschichten des „Struwwelpeter“ singen.

Von außen ist das Haus noch eine Baustelle. 

Ein neuer Anfang in einem historischen Bauwerk, das ebenfalls behutsam in die Gegenwart überführt wurde. Der Frankfurter Architekt Michael Landes übernahm diese nicht einfache Aufgabe. Er hat ein Theaterblau als vorherrschende Farbe für den Saal gewählt. Auch die alten Klappsessel des Volkstheaters wurden mit blauem Stoff neu bespannt, es gibt gleichfarbige Vorhänge an der Fensterseite zum Innenhof hin.

Es entstanden neue Garderoben und sanitäre Anlagen. Das Foyer ist in der Form der 50er Jahre erhalten geblieben, die alte Treppe führt hinab zu den Toiletten. An der Seite wird künftig eine Bar die Theaterbesucher bereits bewirten, bevor sie den großen Saal betreten. Mehr als 350 Menschen fasst das Theater einschließlich der Empore. Dort ist auch das Technik- und Regiezentrum untergebracht, von dem aus das Geschehen auf der Bühne gesteuert wird.

Insgesamt zwölf Millionen Euro investierte die ABG Holding. Neueste Brandschutztechnik im gesamten Gebäude genügt jetzt den noch einmal verschärften Vorschriften. Über dem Theater und rund um einen Innenhof gruppieren sich 28 Wohnungen mit ganz besonderem Schnitt. Beim Rundgang ist zu sehen, wo die alte Bausubstanz mit massivem Stahlbeton endet und der moderne Anbau beginnt. Wendeltreppen verbinden Maisonette-Einheiten, Terrassen eröffnen einen grandiosen Blick auf die Frankfurter Skyline. Dieser Luxus hat seinen Preis. Auf 14,50 Euro pro Quadratmeter beziffert der ABG-Geschäftsführer die durchschnittliche Miete.

Die Arbeiten vor allem für das Theater hatten sich länger hingezogen als von Michael Quast geplant. Er wollte ursprünglich bereits am 19. September 2019 das neue Haus eröffnen, mit der Premiere von „Reineke Fuchs“ nach Johann Wolfgang Goethe. Doch daraus wurde nichts. Eine Vielzahl von Gründen durchkreuzte den Terminplan. In der alten Bausubstanz, die abgerissen wurde, fand sich viel giftiges Asbest. Engagierte Firmen gingen Pleite. Und schließlich wurde die Baustelle, so stellt es jedenfalls Junker dar, auch noch von Schimmel befallen.

Klar ist aber auch, dass der Freigeist und Satiriker Quast und der knallharte Manager Junker nicht allzu gut harmonierten. Junker quittiert das mit einem ironischen Lächeln. Quast zitiert vielsagend Meister Goethe: „Nicht Kunst und Wissenschaft allein, Geduld will bei dem Werke sein.“

Gerade der Theatermann Quast musste bei der Stadt Frankfurt bereits viel Geduld aufbringen. Schon 2013 hatte ihm der damalige schwarz-grüne Magistrat fest zugesagt, die „Fliegende Volksbühne“ könne den Paradieshof in Sachsenhausen als feste Spielstätte beziehen. Wenig später legte eine Sparrunde der Stadtregierung das Projekt auf Eis. Und Quast musste sich weiter in Geduld üben.

Jetzt hält der Theaterchef laut Junker einen Mietvertrag über fünfzehn Jahre in Händen, mit der zweimaligen Option, ihn um jeweils fünf Jahre zu verlängern. Die „Fliegende Volksbühne“ ist endlich gelandet und wird sich deshalb auch konsequent und stolz in Zukunft nur noch „Volksbühne“ nennen. Bis in den Juli 2020 reicht das Programm des neuen Theaters, das stark auf den Komödianten Quast zugeschnitten ist.

Nicht nur künstlerisch ist die „Volksbühne“ für ihn ein Kraftakt. Auch finanziell. Denn das Kulturdezernat hat ihm zwar geholfen, als nach dem Scheitern des ersten Premiere-Termins eine finanziell bedrohliche Situation entstand. Aber die technische Ausrüstung des neuen Theaters muss der Prinzipal finanzieren. Die „Volksbühne“ bleibt deshalb auch künftig auf zahlungskräftige Sponsoren angewiesen. Doch jetzt geht erst einmal der Vorhang auf.

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