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Ein Bully dient in den 50er Jahren als Spurensicherungsfahrzeug.

Kriminalgeschichte

Vom Kohleklau bis zur RAF

  • Oliver Teutsch
    vonOliver Teutsch
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Zu seinem 75-jährigen Bestehen hat das Landeskriminalamt eine lesenswerte Festschrift über die Entwicklung der Kriminalgeschichte veröffentlicht.

Wäre ihm nicht sein Entlassungsschein aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft gestohlen worden, hätte Heinrich Sauerwein wohl nie beim Landeskriminalamt angeheuert. Der 22-Jährige arbeitet 1946 bei der Bundesbahn, als er wegen des fehlenden Dokuments bei der Polizei in Darmstadt vorstellig wird. Mit dem Beamten, der den Diebstahl aufnimmt, kommt er ins Gespräch. Das Landeskriminalamt suche Leute, sagt der Polizist. Sauerwein hat Interesse. Beim Vorstellungsgespräch muss er einen Aufsatz zum Thema „Wie wirkt sich die Zerstörung unserer Verkehrswege auf die allgemeine Wirtschaftslage aus?“ schreiben. Sauerweins Aufsatz findet Gefallen, am 1. November 1946 fängt er beim damaligen „Landeskriminalbüro“ an. „Es herrschte Aufbruchstimmung. Eigentlich alle kamen aus der Kriegsgefangenschaft, jeder hatte den Wunsch nach einer heilen Welt, nach Ruhe und Frieden“, erinnert sich Sauerwein für die sehr kurzweilige Festschrift „75 Jahre Hessisches Landeskriminalamt“, die online abrufbar ist.

Ein gelungener Aufsatz reicht heute wohl nicht mehr, um beim Landeskriminalamt in Wiesbaden unterzukommen. 1945 hatte die Behörde 35 Mitarbeiter und ganz andere Sorgen als heute. In den ersten Jahren wird die zentrale hessische Polizeidienststelle immer wieder aufgelöst, Kompetenzen werden entzogen. Die Amerikaner fordern eine strikte Dezentralisierung, haben Sorge vor einer zu hohen Machtkonzentration. Das LKA befasst sich in seinen Anfängen vor allem mit der typischen Nachkriegskriminalität: Kohlediebstähle, Fälschung von Ausweisen, Schmuggel über Zonengrenzen.

Abertausende Akten und Suchkarten, fein säuberlich sortiert.

Sauerwein beginnt zunächst „bei den Fingerabdruckleuten“. Die haben eine Zehnfingerabdrucksammlung und eine Spitznamen-Datei mit Delinquenten wie „Chikago-Käthe“ und „Scheitel-Willy“. Doch trotz der illustren Sammlung wird es Sauerwein dort zu langweilig. „Ich war ein unruhiges Kerlchen.“ Der ehemalige Bundesbahner wechselt zum Erkennungsdienst, 1949 macht er seinen ersten Kripo-Lehrgang und wird Kriminalassistent. Ein großer Aufstieg. Statt der anfänglichen 120 Mark verdient er nun 272.

Anfangs werden die Fingerabdrücke von allen zehn Fingern genommen.

In den 50er Jahren beginnt die Spezialisierung des LKA. 1951 kommt der erste Chemiker ins Amt, der bei Bränden und Vergiftungen weiterhelfen soll. Sechs Jahre später kommt auch der erste medizinische Sachverständige in die Behörde, die noch immer in der Rheinstraße sitzt, aber 1958 aus Platzgründen auch Räume in der Langgasse bezieht, wo sie bis in die 70er Jahre bleibt.

Sauerwein wechselt zum 1954 etablierten Staatsschutz und hat an seiner Aufgabe manchmal ganz schön zu knapsen. Denn nachdem er sich in den Anfangsjahren der neuen Abteilung vor allem mit illegalen Aktivitäten der KPD befasst, bekommt er dann viele Jahre lang Verbrechen auf den Tisch, die im Konzentrationslager Auschwitz begannen wurden. „Es waren sehr harte Momente, vieles was an die Nerven ging und belastend war.“ Sauerwein nahm etwa einen Mann fest, der während des Kriegs einen Gaswagen gefahren hatte. Der Mann fuhr so lange durch die Gegend, bis die Menschen im Laderaum des Transporters alle tot waren.

Mit einem selbst konstruierten Jodbedampfer wird nach Fingerabdrücken gesucht.

Bei seiner Einstellung hatte Sauerwein neben dem Aufsatz auch noch drei Bürgen für seine Unbescholtenheit zu liefern, doch auch beim LKA gab es schwarze Schafe. 1960 wurde ein Mitarbeiter mit NS-Vergangenheit festgenommen, wie die Festschrift nicht verschweigt.

In den 60ern macht die Bundesrepublik einen Wandel durch, den auch das LKA zu spüren bekommt. Der Krieg verblasst, stattdessen macht 1968 eine Bande erstmals auf sich aufmerksam. Zehn männliche Jugendliche im Alter zwischen 15 und 18, sieben Mädchen zwischen 13 und 17 sowie ein 21-Jähriger und dessen Ehefrau nennen sich „Hells Angels“ und behaupten stolz, sie hätten Schriftwechsel mit den „Hells Angels of California“ in den USA gehabt. Die Polizisten ahnen nicht, dass sie die Bande noch viele Jahrzehnte beschäftigen wird. Die Zahl der Straftaten in Hessen nimmt indes weiter zu und überschreitet 1969 erstmals die Marke von 200 000. Ab 1970 muss sich das LKA mit einer neuen Art von Kriminalität befassen. Nach Anschlägen der Roten Armee Fraktion und der Revolutionären Zellen wird eine Sonderkommission ins Leben gerufen, die das federführende Bundeskriminalamt unterstützt.

Ein Bully dient in den 50er Jahren als Spurensicherungsfahrzeug.

1971 erhält das LKA dann erstmals EDV-Unterstützung und 1972 schafft die Behörde einen Computer an, der die Merkmale von Gesetzesbrechern speichern soll. Eine Wiesbadener Tageszeitung schreibt über einen „Fahndungsroboter“. Im selben Jahr werden auch Pläne für einen Neubau auf dem Schiersteiner Berg konkret, 1973 ist der erste Bauabschnitt in der Hölderlinstraße 5 fertig. Beim LKA arbeiten nun 472 Menschen – ziemlich genau die Hälfte der heutigen Belegschaft. Es kommen stetig neue Abteilungen dazu. 1974 wird das erste Spezialkommando gebildet, der Vorläufer des heutigen Mobilen Einsatzkommandos (MEK).

Heinrich Sauerwein 1968.

Ab 1978 liefert das hessische LKA Geschichten fürs Fernsehen. Der ehemalige LKA-Mitarbeiter Dieter Schenk (1963-1971) stellt seine Erinnerungen an alte Fälle zur Verfügung. Das ZDF macht daraus die Krimiserie „SOKO 5113“. Die vierstelligen Nummer ist die ehemalige Durchwahl Schenks beim LKA. Die Krimiserie gibt es noch immer, seit 2016 heißt sie allerdings „SOKO München“. An Vorlagen für die Fernsehunterhaltung mangelt es nicht, die Zahl der Straftaten in Hessen steigt unaufhörlich weiter und liegt 1982 bei 401 534. Zwei Drittel davon sind Diebstähle, weswegen die Aufklärungsquote insgesamt recht gering ist. 1987 erreicht sie mit 34,2 Prozent einen Tiefstand.

Unschuldig daran ist Heinrich Sauerwein, er geht 1984 als Kriminalhauptmeister in den Ruhestand. Das Jubiläum selbst im Herbst erlebt er nicht mehr. Sauerwein starb vor wenigen Wochen im Alter von 96 Jahren.

Download unter: www.polizei.hessen.de

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