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Frankfurt: Vom Klima der Dinos für morgen lernen

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Von: Thomas Stillbauer

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Das Fossil weiß viel über die Vergangenheit – und kann uns vielleicht für die Zukunft helfen.
Das Fossil weiß viel über die Vergangenheit – und kann uns vielleicht für die Zukunft helfen. © Peter Jülich

Eine Ausstellung im Senckenberg-Museum zeigt, wie die Forschung Millionen Jahre alte Funde für die Zukunft auswertet.

Vertrauen ist wichtig in diesen Zeiten. Besonders das Vertrauen in die Wissenschaft, gerade was die Klimakrise betrifft. Die Frankfurter „Fridays for Future“ haben bei ihren Demonstrationen gezeigt, wem sie vertrauen: den Senckenberg-Forscherinnen und -Forschern, mit denen sie beim Wissenschaftsfrühstück und beim Nach-der-Demo-Fest zusammen waren.

Aber wie kommt das Wissen eigentlich zustande? Woher nehmen die klugen Leute ihre Erkenntnisse? Das soll die Sonderausstellung „Klimawissen schaffen – Was die Vergangenheit über die Zukunft weiß“ im Senckenberg-Naturmuseum zeigen, eine Kooperation mit der Goethe-Uni. Es geht speziell um Paläoklimaforschung, also darum, wie es in alter Zeit auf der Erde war, und was wir daraus lernen.

Dazu reisen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einfach in ihren speziell entwickelten Zeitmaschinen ein paar Millionen Jahre zurück und messen dann … nein? Sie können immer noch nicht in der Zeit reisen? Doch, ein bisschen schon. Sie verwenden aber andere Mittel. Den Zahn eines Urpferdchens aus der Grube Messel beispielsweise, 48 Millionen Jahre alt und ein wertvoller Indikator, wie die Forschung seit einigen Jahren weiß. Ein „Klimaarchiv“ nennen die Fachleute solche Stücke inzwischen, weil sie die Verhältnisse von einst für uns aufbewahren.

Im Zahnschmelz des Urpferdchens ist der CO2-Gehalt der Atmosphäre zu Lebzeiten des Tieres gespeichert worden, zeigt die Ausstellung. „Wir können heute viel lesen aus solchen Klimaarchiven“, sagt Kuratorin Lisa Voigt. Noch erstaunlichere Informationen liefert die 70 Kilo schwere versteinerte Riesenmuschel im nächsten Gang der Ausstellung.

Erstens darf man die glänzende, glattgeschliffene Muschelschnittfläche anfassen – ein Gefühl wie in einem frisch geputzten, sehr edlen Badezimmer. Aber was diese Muschel uns zweitens mitteilen kann, ist beeindruckend: den Salzgehalt der Umgebung vor fast 50 Millionen Jahren, und zwar auf den Tag genau. „Eine tägliche Auflösung ist möglich“ in den Sedimentschichten, genauer noch als bei Baumringen, sagt der Projektinitiator, Goethe-Uni-Professor Wolfgang Müller. Was sagt uns der Salzgehalt der von Wasser umspülten Muschel? Er sagt uns unter anderem, wie viel Süßwasser gerade vorhanden war, etwa durch starke Regenfälle. Und das lässt wiederum Rückschlüsse aufs Klima zu.

Wie die Fachleute solche Informationen aus den einst lebendigen Klimaarchiven herausholen, wie sie diese über sogenannte Proxies, also Stellvertreterwerte einordnen, das zeigt die Ausstellung in nachvollziehbaren Schritten. „Gut, die Daten haben wir jetzt“, sagt Kuratorin Andrea Weidt beim Rundgang, „wie nutzen wir sie für die Zukunft?“ Das funktioniert mithilfe von Klimamodellen. Und wer sich alles bis zum Schluss angesehen hat, erhält zweifache „Belohnung“. Da ist zunächst ein Bildschirm mit einer Visualisierung der Klimaverhältnisse vor 252 Millionen Jahren bis zum Ende unseres Jahrhunderts, interaktiv steuerbar. Aha – doch noch eine Zeitreise. Eine Klimazeitreise. Zu sehen ist, wie es auf der Erde aussah, als die Dinos lebten und die Kontinente sich fleißig verschoben. Viel mehr Bäume. Auch vor 145 Millionen Jahren noch. Wald, Wald, Wald. Zu sehen ist außerdem, wie frisch sich die Erde im Jahr 2100 hält, wenn wir die menschengemachte Erwärmung bei 1,4 Grad gedeckelt kriegen (ganz okay) und wenn wir es auf drei Grad hinauslaufen lassen (sehr ungesundes Feuerrot).

DIE AUSSTELLUNG

Bis Juli 2023 ist die Sonderausstellung „Klimawissen schaffen – Was die Vergangenheit über die Zukunft weiß“ im Senckenberg-Naturmuseum in Frankfurt zu sehen.

Auf Spurensuche in zwei warmen und von hohem CO2-Gehalt geprägten Erdzeitaltern, Kreide und Eozän, wollen die Forschenden Erkenntnisse für die Zukunft gewinnen. Die Schau soll transparent machen, wie sie das tun, welche versteinerten Zeugen und welche Methoden sie dafür anwenden. Info: www.vewa-project.de

„Wenn wir aus der Vergangenheit wissen, was war, ist es einfacher zu sagen, was kommt“, sagt Kuratorin Weidt. Und Kollegin Voigt erinnert daran, dass die Forschung noch gar nicht ahnen kann, was sie in Zukunft noch aus ihren fossilen Archiven herauslesen wird. Dafür ist ein leerer Platz in der Schau reserviert, die übrigens klimafreundlich und nachhaltig aufgebaut sei, sagt Museumsdirektorin Brigitte Franzen. Die Elemente, auf denen die Exponate warten, sind ausgeliehen. „Wir geben sie nach Beendigung der Ausstellung zurück. Fast alle weiteren verwendeten Materialien sind recycelbar.“

Außerdem sei die Schau Bestandteil eines Forschungskonsortiums, freuen sich Franzen und Uni-Professor Müller. Es heißt „Vergangene Warmzeiten als natürliche Analoge unserer ,hoch-CO2‘-Klimazukunft“; ein Schwerpunkt der hessischen Landesregierung aus dem Loewe-Förderprogramm und ein Alleinstellungsmerkmal hiesiger Forschung, sagt Müller.

„Wir wollen die Menschen mitnehmen“, sagt Senckenberg-Forschungsdirektor Andreas Mulch, „das Vertrauen der Leute, die zu uns kommen, zurückzahlen“. Letztlich gehe es um die gesellschaftliche Entscheidung, gegen die Klimakrise gemeinsam vorzugehen. „Wenn wir dazu beitragen können, ist viel gewonnen“, sagt Mulch. Dabei helfe es zu wissen, wer eigentlich gerade wie forscht.

Ja, wer denn? Elf verschiedene Gruppen kommen da vor – und die zwölfte ist die Abteilung Bildungsvermittlung, die alles zum Publikum bringt. Zu den Forschenden gehört die Meteorologin Fanni Kelemen, die sagt: „Meine Arbeit ist wie ein Zauberwürfel: Man kann nicht nur eine Sache in einem Modell ändern, weder einen Parameter noch einen Prozess – alles ist miteinander verbunden und komplex.“ Oder die Doktorandin Romi Nambiar: „Ich glaube an Teamarbeit.“ Aus allen Bereichen erzählen Forschende darüber, wie sie arbeiten. Und was dabei auch mal in die Hose geht.

Aber Moment – war vorhin nicht von zwei Belohnungen die Rede? Ja, es gibt noch diesen wunderbar chilligen, loungigen Raum hinter dem Vorhang. Da sind Leuchten aus Klimaarchiven drin, etwa aus Coccolithophoriden und Foraminiferen, die ja allseits bekannt sein dürften. Nicht? Winzige Algen, mächtige Kalksteine, schalentragende Einzeller. Sehr entspannend in dieser Erscheinungsform. „Ich muss hier nichts“, sagt Lisa Voigt, „ich darf hier auch mal entspannen.“ Ein wenig positive Stimmung wolle man da dem Publikum gönnen, sagt Andrea Weidt, etwas Hoffnung, und das gelingt.

Was die Vergangenheit über die Zukunft weiß, taucht auch hier und da in der Dauerausstellung auf, den Tipp geben die Kuratorinnen noch: „Wir kraken aus in die Museumsräume.“ Wer die Augen offenhält, erfährt dort mehr von vorgestern für morgen.

Die Kuratorinnen der Ausstellung: Kulturwissenschaftlerin Lisa Voigt (li.) und Biologin Andrea Weidt.
Die Kuratorinnen der Ausstellung: Kulturwissenschaftlerin Lisa Voigt (li.) und Biologin Andrea Weidt. © Peter Jülich
Die „Belohnung“: 250 Millionen Jahre Erdgeschichte in der interaktiven Animation.
Die „Belohnung“: 250 Millionen Jahre Erdgeschichte in der interaktiven Animation. © Peter Jülich

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