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Frankfurt: Vier Zimmer aber nur für Pärchen

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Von: Timur Tinç

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Anne und Jan Schwarz ziehen mit ihren Zwillingen demnächst nach Bockenheim.
Anne und Jan Schwarz ziehen mit ihren Zwillingen demnächst nach Bockenheim. © Rolf Oeser

Familien stoßen bei der Suche nach mehr Wohnraum an finanzielle Grenzen. Die Stadt versucht mit Förderprogrammen dem entgegenzuwirken, Genossenschaften sind beliebt, können aber kaum neue Mitglieder aufnehmen.

Jan und Anne Schwarz ziehen demnächst mit ihren vierjährigen Zwillingen Bela und Hedda um. Von einer Dreizimmerwohnung in Sachsenhausen mit knapp 70 Quadratmetern in eine Vierzimmerwohnung in Bockenheim, die sie mit allem drum und dran rund 1800 Euro kosten wird. Kein Balkon, kein Garten, Blick auf die S-Bahn – immerhin gibt es einen Zugang zum Hinterhof, und der Parkettboden wurde neu gemacht.

„Und das ist nicht die teuerste Wohnung. Wenn ich einfach so gesucht habe, fingen die Wohnungen in Bockenheim bei 2000 Euro an. Das ist absurd“, sagt Anne Schwarz. Für viel Frust hat auch die Suche bei Immoscout24 gesorgt. Es poppten ab und an große Wohnungen mit vier Zimmern auf, die bezahlbar waren, aber da wollte der Vermieter nur ein Pärchen oder maximal ein Kind in der Wohnung.

Die Familie Schwarz will eigentlich in einem Wohnprojekt wohnen - das verzögert sich jedoch

Vor eineinhalb Jahren hat sich das Ehepaar Schwarz entschlossen, eine Wohnung in Bockenheim zu suchen. Eigentlich wollen die beiden 41-Jährigen mit ihren Kindern in einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt wohnen. Die ehemalige Akademie der Arbeit in Bockenheim soll zur Wohnungsgenossenschaft Adaptiv werden. Doch das Projekt verzögert sich. Die Gruppe versucht, eine niedrigere Erbpacht zu bekommen.

Da viele Freundinnen und Freunde schon nach Bockenheim gezogen sind, die Zwillinge bereits dort in der Kita sind und auch im Stadtteil zur Schule gehen sollen, nimmt die Familie die hohe Miete in Kauf. „Das ist aber die Oberkante von dem, was ich zahlen würde“, sagt Jan Schwarz. Es ist knapp mehr als das empfohlene Drittel des Nettoeinkommens.

Im zweiten Förderweg ist ein Einkommen bis zu 90000 Euro brutto möglich

Dabei verdienen die beiden gut. Jan Schwarz arbeitet vier Tage die Woche in einem gemeinnützigen Verein. Anne Schwarz im öffentlichen Dienst. Sie wird ihre Arbeitszeit aufgrund der höheren Miete von 65 auf 80 Prozent aufstocken. „Wenn wir schon sagen, es ist knapp, wie muss es 60 bis 70 Prozent der Frankfurterinnen und Frankfurter gehen?“, fragt sich Jan Schwarz.

In Frankfurt fehlen rund 30 000 Wohnungen für einen ausgeglichenen Wohnungsmarkt. Knapp 9000 Haushalte warten auf Sozialwohnungen für niedrige Einkommen. Dort liegen die Mieten zwischen 5,50 Euro und 6,50 Euro pro Quadratmeter. Im Förderweg II liegen die Mieten zwischen 8,50 Euro und 10,50 Euro pro Quadratmeter. Zwei Erwachsene und zwei Kinder bis zu einem Einkommen von bis zu 90 000 Euro brutto können hier berechtigt sein.

Bei der städtischen ABG sind 23000 Menschen für freifinanzierte Wohnungen registriert

Allerdings sind die Quadratmeterzahlen begrenzt. Eine vierköpfige Familie im ersten Förderweg ist berechtigt, eine Wohnung mit 87 Quadratmetern zu beziehen. Für jede weitere Person sind es fünf Quadratmeter mehr. Beim Förderweg II sind es maximal 93 Quadratmeter bei vier Personen.

Bei der städtischen Wohnungsbaugesellschaft ABG Holding sind 23 000 Menschen für den frei finanzierten Markt als wohnungssuchend registriert. Familien mit mehr als zwei Kindern machen dabei rund ein Drittel aus, teilt ABG-Geschäftsführer Frank Junker mit. „Für Wohnungen mit drei oder mehr Zimmern sind Familien mit Kindern prioritär.“ Bei Neubauprojekten würden aufgrund des Bedarfs für größere Wohnungen auch weniger Einzimmerwohnungen gebaut.

Die Serie

Wie lebt es sich in Frankfurt? Dieser Frage geht die FR in der Serie „Frankfurt – meine Stadt“ bis zum 3. Dezember nach. Zu Wort kommen junge und alte Menschen, Familien und Geringverdienende. In Interviews, Porträts und Reportagen zeichnen wir ein Bild ihrer Stadt.

In den kommenden Tagen werden wir uns den Familien in Frankfurt widmen. Finden Familien, gerade mit mehreren Kindern, noch passenden und vor allem bezahlbaren Wohnraum? Bietet die Stadt genügend attraktive Freizeitmöglichkeiten? Und ist Frankfurt überhaupt noch familienfreundlich?

Bisher erschien:

Zu Leben und Lehre : Voraussetzungen für Studierende und Azubis.

Danach lesen Sie: An allem knapsen – sparsam leben in Frankfurt

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... durch Kinderaugen gesehen – vom Baby bis zum Jugendlichen

Ankommen und heimisch werden – Berichte vom Ankommen in der Stadt

Geboren, um zu bleiben – Ureinwohner, ihr Dialekt und Karl der Große

Allein sein heißt nicht einsam sein – Freundschaften, Glück und Singles

„Frankfurt verfolgt zum einen das Ziel, dass möglichst viele sozial geförderte Wohnungen gebaut werden. Zum anderen versucht die Stadt, durch den Ankauf und die Verlängerung von Belegrechtsbindungen den Bestand an geförderten Wohnungen zu sichern und auszubauen“, sagt Planungs- und Wohnungsdezernent Mike Josef (SPD). Zur Förderung des Neubaus von 1114 Wohnungen sind in den Jahren 2019 bis 2021 rund 98,5 Millionen Euro ausgegeben worden. Der Haushalt wurde damit voll ausgeschöpft. „Wir sind in guten Gesprächen, die Haushaltsmittel für geförderte Wohnungen aber auch im mittleren Einkommensbereich erheblich zu erhöhen“, so Josef.

Stadtrat Mike Josef: „Leider sind uns die Hände gebunden, um Leerstand effektiv zu bekämpfen“

Weitere Großprojekte mit geförderten Wohnungen sollen in den kommenden Jahren gebaut werden. „Leider sind uns die Hände gebunden, um den Leerstand in Frankfurt effektiv zu bekämpfen“, sagt Josef. „Hierfür brauchen wir eine Rechtsverordnung des Landes Hessen, die 2004 abgeschafft wurde. Das sogenannte Wohnraumzweckentfremdungsverbot.“ Mit dieser Verordnung wäre es der Stadt möglich, leerstehende Wohnungen dem Mietmarkt zur Verfügung zu stellen.

Besonders begehrt für günstigen Wohnraum sind neben geförderten Wohnungen auch Genossenschaftswohnungen, wo die Kaltmieten ab fünf Euro pro Quadratmeter beginnen. In Frankfurt haben die zehn größten Wohnungsbau-Genossenschaften rund 12 300 Wohneinheiten. 1400 davon hat der Beamten-Wohnungs-Verein (BWV) mit 2500 Mitgliedern.

Genossenschaften vermieten in beliebten Wohngegenden fast nur an Mitglieder

„Rund 1100 davon haben keine Wohnung“, sagt Matthias Henties, Vorstand des BWV. „Deshalb nehmen wir auch keine neuen auf, weil wir die anderen Mitglieder nicht so schnell versorgen können.“ Bereits seit knapp zehn Jahren ist es nicht mehr ohne weiteres möglich, Mitglied im BWV zu werden. Das gilt im Übrigen auch für alle anderen Genossenschaften. Die Nachfrage übersteigt bei weitem das Angebot.

Freie Wohnungen in attraktiven Wohngegenden wie Sachsenhausen, Bornheim, Nordend oder Bockenheim werden in aller Regel auch nur für Bestandsmitglieder geöffnet. Es gibt aber auch Wohnungen, auf die sich keine Mitglieder bewerben. „Wenn etwas nicht attraktiv ist, dann ist die Nachfrage nicht hoch“, sagt Henties. Sollten sich auch keine externen Interessenten finden, würden die Wohnungen bei Immoscout eingestellt. „Das dauert in der Regel aber nur zehn Minuten, dann nehmen wir sie wieder raus, weil sich so viele daraufhin melden“, sagt Henties. Die neuen Mieter:innen kaufen Genossenschaftsanteile anstelle einer Kaution.

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