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Wäldchestag Frankfurt – Ein Volksfest mit Tradition und Herz

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Von: George Grodensky

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Das Riesenrad im Frankfurter Stadtwald zwischen Bäumen.
Das Riesenrad trägt Besucher:innen 45 Meter in die Höhe, der Ausblick ist ganz nett (atemberaubend!). © ROLF OESER

Der Wäldchestag in Frankfurt, das vielleicht einzigartigste Volksfest der Republik? Am Samstagabend beginnt die viertägige Feier im Frankfurter Wäldche.

Frankfurt – Der Stadtwald Frankfurt, in diesem Jahr 650 Jahre alt geworden, darf nach der Zwangspause durch die Pandemie nun endlich wieder seinen Ehrentag zelebrieren: Das wohl eigenwilligste Volksfest der Stadt Frankfurt, der Wäldchestag, beginnt am Pfingstsamstag (4. Juni) hinter dem Oberforsthaus. 120 Attraktionen und Stände warten zwischen Bäumen drapiert bis Dienstagabend (7. Juni) auf Besuch.

Der Blick ist überwältigend. Zumal sich die Welt dem Betrachter hier ganz unvermittelt öffnet. Im Frankfurter Stadtwald ist er in eine kleine Gondel gestiegen. Die trägt ihn in die Höhe, zwischen zwei Baumwipfeln geht es hindurch, wie wenn ein Flugzeug die Wolkendecke durchstößt. Nur viel leiser, so dass das laute „Ui“, das dem Reporter entfährt, ganz sicher bis zum Bankenviertel zu hören ist. Zumindest kann er bis dorthin sehen. Die ganze Stadt breitet sich zu Füßen des Riesenrads auf dem Wäldchestag-Volksfest aus. Und verschwindet dann wieder hinter üppigem Grün, wenn das Rad sich weiterdreht.

Vor drei Jahren hat die Stadt zuletzt Wäldchestag gefeiert, 2019, dann kam die Pandemie. Nun locken wieder Buden und Bahnen, Musik und Menschenfänger. So einer ist Thomas Feda, der Chef der Frankfurter Tourismus- und Congress GmbH. Er hat am Donnerstag (2. Juni) die Presse zum Rundgang übers Festgelände eingeladen. Den Kollegen, der ein Minütchen verspätet am Treffpunkt erscheint, begrüßt Feda mit: „Oh, wir sind gerade fertiggeworden, Start des Rundgangs war vor einer Stunde.“

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Im Stadtwald Frankfurt wird der Wäldchestag gefeiert. (Symbolbild) © Imago/Volker Preusser

Natürlich fällt der Kollege darauf nicht herein, aber das Eis ist gebrochen, weil alle lachen müssen. Das Volksfest an sich handhabt das ganz ähnlich. Noch bevor der Trubel hinter dem Oberforsthaus überhaupt eröffnet ist, verbreitet sich sein Duft bereits im Wald. Ein Hauch von Popcorn wabert durch die Lüfte, entfernt locken gebrannte Mandeln und Zuckerwatte. Und: Es ist frisch im Wald. Wer eintritt, lässt die stickige Stadt hinter sich, den Lärm der Autos. Mit einem bisschen guten Willen auch den der Flugzeuge.

Wäldchestag Frankfurt: Ein einzigartiges Fest – für das traditionell die Geschäfte schließen

„Es ist ein wirklich einzigartiges Fest“, hebt Feda zur Erklärung an. 120 Attraktionen sind im Wald verteilt, so naturverträglich wie möglich zwischen die Stämme drapiert. Buden, Karussells, Sommergärten, Labyrinth, Geisterbahn, Musikbühnen. „Deutschlandweit gibt es kein vergleichbares Fest im Wald“, schwärmt Feda. „Und welche andere Stadt als Frankfurt hat überhaupt ihren eigenen Feiertag?“

Bis in die 1990er Jahre hinein waren am Pfingstdienstag nachmittags die meisten Frankfurter Geschäfte zu, die Menschen hatten ab 12 Uhr frei und sind ab ins Wäldchen. Das hat zwar inzwischen auch vor Corona schon etwas nachgelassen, die Frankfurter Tourismusexperten bemühen sich aber um die Rückkehr zur Tradition. Die 20 ersten Unternehmen, die sich auf der Tourismus-Website registrieren und damit hoch und heilig geloben, am Dienstag geschlossen als Betrieb aufs Fest zu kommen, erhalten 50 Prozent Nachlass bei den Fahrgeschäften.

Apropos Nachlass. Was die Sommergärten auf dem Fest auszeichne, sagt Feda, sei nicht nur, dass es dort viel Auswahl an Speis und Trank gebe. Es gebe auch keinen Konsumzwang. Niemand wird sich beschweren, wenn Gäste ihr eigenes Picknick mitbringen, verspricht Feda. „Das macht den Gastronomen zwar keinen Spaß“, sagt Thomas Roie, erinnere aber an frühere Zeiten, als die Menschen alle ihr Picknick mitbrachten.

Wäldchestag

Vier Tage geht die Feier im Frankfurter Stadtwald, Am Oberforsthaus, von 4. bis 7. Juni, Samstag und Sonntag von 12 bis 1 Uhr, Montag und Dienstag von 12 bis Mitternacht. 120 Attraktionen gibt es zwischen den Bäumen: Karussells, Buden, Sommergärten mit Speis und Trank, Riesenrad, Spiegellabyrinth, Musikbühnen mit buntem Durcheinander an Klängen.

Das Frankfurter Schützenkorps lädt täglich ab 14 Uhr zum Wäldchesschießen (ab 18 Jahren) im Schützenhaus am Oberforsthaus. Der Frankfurter Magistrat und die Stadtverordneten messen sich am Wäldchesabend, 7. Juni, im Wettschießen.

Info: www.frankfurt-tourismus.de

Frankfurt: Volksfeste wie der Wäldchestag sind für Schausteller nach Corona eine Herausforderung

Roie ist seit frühester Kindheit beim Volksfest im Wäldche zugegen. Der Spross einer Schaustellerdynastie ist heute Vorsitzender des Schaustellerverbands Frankfurt Rhein-Main. Corona mag vorbei scheinen, die Schausteller plagen sich noch mit den Nachwehen herum. „Sie schlagen sich Woche für Woche durch“, sagt Roie. 95 Prozent sind nach der Pandemie zurück. „Aber sie brauchen bestimmt noch fünf Jahre, bis sie sich wieder erholt haben“, schätzt er.

Zumal die Lage aktuell nicht rosig ist. „Alles wird teurer“, sagt auch Thomas Feda. Energie, Müllgebühren, TÜV-Gutachten, Instandhaltung, Personal. Die Stadt bemüht sich, die Kosten nicht so arg an die Schausteller weiterzugeben. Die verfahren ebenso mit Blick auf die Kunden. „Die haben auch nicht mehr Geld in der Tasche als früher“, sagt Roie. Die Wäldchestag-Preise seien daher in etwa auf dem Niveau von 2019. Der Markt werde dynamischer, glaubt Roie. Die Schausteller müssten sich eingrenzen, nur noch dort hingehen, wo es wirtschaftlich sinnvoll sei. Wo auch die Anreise nicht so weit ist. Vielleicht scheut dann mancher ein Fest, das lediglich vier Tage dauere, samt unsicherer Wetterlage.

Für die Städte werde es so schwerer, Attraktionen zu finden. Sie müssten daher zusätzliche Reize setzen, wünscht sich Roie. Zusammenrücken, mehr Möglichkeiten schaffen für die Schausteller, auch einfach mal Lagerflächen stellen. Das eingangs erwähnte Riesenrad war zum Beispiel bereits auf der Frankfurter Frühjahrs-Dippemess im April im Einsatz. Danach ist es nicht den weiten Weg heimwärts nach München gefahren, sondern hat in Frankfurt eingepackt auf den Wäldchestag gewartet.

Wäldchestag Frankfurt: Sonderbuslinien und Bollerwagen

Wohl dem, der den Platz dafür hat. Der wird am Wochenende für Wäldchestagsgäste mit Autos recht knapp. Parkplätze gibt es wohl, an der Mörfelder Landstraße oder auf der Isenburger Schneise. Aber zeitgleich tobt der World Club Dome im nahen Waldstadion. „Die Leute sollen ganz traditionell mit dem Rad oder mit der Tram kommen“, empfiehlt deswegen Festleiter Christian Müller von der Tourismus GmbH. Die Straßenbahnlinie 21 hält am Oberforsthaus, die VGF schickt auch die Sonderlinie 20 auf die Strecke. Dazu verkehrt der 61er Bus plus Sonderbuslinie 80. Extra fürs Fest.

Grusel im Grünen ist zwar idyllisch, aber nicht weniger gruselig.
Grusel im Grünen ist zwar idyllisch, aber nicht weniger gruselig. © ROLF OESER

„Oder sie kommen zu Fuß mit dem Bollerwagen“, rät Nina Malaviya, Prokuristin der GmbH. Das wäre dann noch traditioneller. An die Gründungsmythen des Festes angelehnt. Deren gibt es mehrere. Die Congress GmbH nennt zwei: Entweder ist das Fest im Wald den Handwerkern zu verdanken, die in der Freien Reichsstadt bis 1729 stets zu Pfingsten den Abschluss des Verwaltungsjahres feierten. Oder die Knechte und Mägde sind Vorbild gewesen, die nach Pfingsten erstmals im Jahr das Vieh auf die Weide getrieben haben, ein Picknick im Gepäck.

Frankfurt und der Wäldchestag – Ein Volksfest mit Tradition und Herz

Seither hat der Wäldchestag jedenfalls Karriere gemacht. „Und was da alles für Stars zu Besuch gewesen sind“, flachst Thomas Feda. Goethe natürlich, Mendelssohn Bartholdy, Schopenhauer, Friedrich Stoltze. Welche Stars diesmal kommen? Feda stutzt kurz und sagt dann schlagfertig: „Heute sind unsere Besucher der Star.“ Ein Blick ins Programmheft hätte ihm verraten, dass außerdem noch Roy Hammer da ist, die Gypsys, die Stadtkapelle Bergen-Enkheim, ein ZZ-Top-Tribute.

Beste Aussichten also. Noch bessere bietet nur die Schiffsschaukel des Dietesheimer Schaukelvereins, in der besonders Wagemutige so hoch hinauf wippen können, dass sie sich überschlagen. Roie und Feda schunkeln ein bisschen zum Spaß fürs Foto, danach zeigt Nick Zortea, wie es richtig geht. Der 28-Jährige legt sich hinein in den Schwung, bis zum mehrfachen Überschlag. „Ein Wahnsinnsgefühl“ sei das, sagt er danach, am höchsten Punkt der Schaukelbewegung auf dem Kopf stehend einen Augenblick zu verharren. „Schwerelos.“ (sky)

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