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Frankfurt: Vier Sprachen und „sprühende Kreativität“

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Von: George Grodensky

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Der stilisierte Kirschbaum in der Ecke hat eine Bedeutung. Er soll nicht einfach nur cool aussehen. Sieht er aber. Entworfen hat das Rocío Pina, die Dame im Bild.
Der stilisierte Kirschbaum in der Ecke hat eine Bedeutung. Er soll nicht einfach nur cool aussehen. Sieht er aber. Entworfen hat das Rocío Pina, die Dame im Bild. © Renate Hoyer

Spanien präsentiert sich und seine Literatur auf der Frankfurter Buchmesse in bunten Tönen und interaktiven Formaten.

Der spanische Pavillon ist natürlich kein Pavillon. Es ist eine Messehalle, Forum 1. Klassischerweise kommt dort das Gastland der Buchmesse unter und dekoriert die Halle, wie es möchte. Der Pavillon, bleiben wir bei der Bezeichnung, soll den Menschen die Kultur, Literatur und Gesellschaft des Landes näherbringen und den Austausch anregen. Das Motto: „Sprühende Kreativität“.

Das Bistro davor zwinkert den Besucherinnen und Besuchern schon mal zu, es geht um Spanien, klar, deswegen sind die Stühle rot und gelb. Der Pavillon punktet im Innern aber eher mit Pastelltönen und einem roséfarbenen Boden, der einen ruhenden Pol setzt. Gar nicht so unwichtig. Viele der Dekoelemente verändern sich ständig. Oder bestehen aus wehenden Tüchern.

Gut, Wind herrscht nicht gerade, aber manch Luftzug, wenn jemand vorbeiläuft. Das Gastland setzt auf interaktive Formate. Wer eintritt, streift schon beinahe die riesige Plasmawand, auf der sich Formen und Farben den Bewegungen der Besucherinnen und Besucher anpassen. Es gibt Bildwände, die das Stimmengewirr in Farbe übertragen. Bevorzugt Pastell. Sonderbare Roboterarme schreiben mit Kuli Gedichte, den Text dafür können Lyrikanten auf Twitter einspeisen. Aber eigentlich soll die Halle „a place to read and meet“ sein, wie Elvira Marco erklärt, die Projektleiterin des Ehrengastauftritts. Also ein Platz zum Lesen und für Begegnungen. Ein Ort zum Verweilen.

Ja, die Spanierin spricht Englisch. Das verstehen die zur Vorabpräsentation angereisten Journalistinnen und Journalisten besser als Castellano, also Spanisch. Oder Katalanisch, Galicisch, Baskisch. Diese Sprachen sind in der spanischen Literatur durchaus heimisch. So gehe es im Pavillon um literarische und sprachliche Diversität, verrät Buchmesse-Direktor Juergen Boos: „Der Aspekt der Mehrsprachigkeit nimmt eine entscheidende Rolle ein.“

Die Halle soll aber nicht nur die kreative spanische Literatur präsentieren, sie soll auch den Prozess in Szene setzen, wie aus der Idee ein Buch wird, sagt María José Gálvez, die Generaldirektorin für Bücher und Leseförderung der spanischen Regierung. Wer die Berufsbezeichnung hört, wundert sich auch nicht mehr, dass der spanische Büchermarkt boomt. Mit rund 80 000 neuen Titeln, mehr als 174 Millionen verkauften Büchern, rund 13 Millionen Downloads von E-Books und einem Gesamtumsatz von rund 2,5 Milliarden Euro im vergangenen Jahr ist der spanische Verlagssektor der primäre Industriezweig in Spaniens Kulturbereich.

Im Pavillon folgt man den Autorinnen und Autoren in den Verlag und landet im Handel. Illustration ist ein Thema, Übersetzen natürlich auch. Fürs Übersetzen gibt es ein lustiges Experimentier-Terminal. Das zeigt, wie schwer es ist, spanische Begriffe ins Deutsche zu wandeln und umgekehrt. Ein Computer kann das nicht, sagt Elvira Marco.

So ist das spanische Sobremesa keineswegs der Nachtisch, wie es der Automatikübersetzer weiszumachen versucht. Richtig wäre: „In Spanien bleiben wir nach dem Essen gerne am Tisch sitzen und unterhalten uns.“ Was der Übersetzer aus dem deutschen Wort „Sitzfleisch“ macht, kann ja jeder selbst nachprüfen.

Zwei runde Räume sind innerhalb des Pavillons mit Druckfahnen abgehängt. Sie umhüllen kleine Bühnen, lederne Sitzwürste, ein paar Stühle. Hier sollen die Besucherinnen und Besucher Spaniens renommiertesten Autorinnen und Autoren begegnen, neuen literarischen Stimmen lauschen und Musik- und Theaterperformances bestaunen.

Das Programm listet die „Weltstars“ Rosa Montero, Arturo Pérez-Reverte und Fernando Aramburu auf, dazu „Kultautoren“ wie Kiko Amat und „Neuentdeckungen“ wie Elena Medel, Miqui Otero oder Ray Loriga. Große Stimmen wie die verstorbenen Almudena Grandes, Javier Marías und Carlos Ruiz Zafón werden in Hommagen geehrt. In der Ausstellung „Books on Spain“ präsentieren Verlage aus der ganzen Welt ihre aktuellen Titel zu Spanien.

„Geschichten sind wie Kirschen, wenn du an einer ziehst, bekommst du eine weitere dazu.“ Diese Worte der spanischen Schriftstellerin Carmen Martín Gaite speisen das Programm, wie eigentlich den ganzen Messeauftritt. Die Theorie der Kirschen verwandelt den Pavillon in ein lebendiges Wörterbuch, das Wörter, Sprachen und Geschichten in der Art eines Hypertextes miteinander verbindet, dichtet das Programmheft. Und, so viel ist auch klar: Selten isst man nur eine oder zwei Kirschen. Meistens pflückt man einen ganzen Hut voll und speist, bis man Bauchschmerzen hat.

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