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Annette Lehmann, Stadtbeauftragte von den Maltesern, und Stadtgeschäftsführer Florian Dernbach.

Interview

Solidarität und Nächstenliebe mehr denn je nötig

  • Steven Micksch
    vonSteven Micksch
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Annette Lehmann von den Maltesern spricht über die Veränderungen des Ehrenamts während Corona.

Frau Lehmann, wie war die Situation des Ehrenamts bei den Frankfurter Maltesern bevor Corona kam?

Die Bedarfe waren und sind groß. Unsere Dienste benötigen immer wieder neue Ehrenamtliche. Deshalb versuchen wir kontinuierlich Menschen zu überzeugen, dass man im Ehrenamt nicht nur viel gibt, sondern auch ganz viel zurückbekommt. Diese intensive Überzeugungsarbeit haben wir schon vor Corona betreiben müssen.

Was hat sich durch Corona jetzt verändert?

Das hatte Auswirkungen auf verschiedene Bereiche. Die meisten Menschen haben große Veränderungen im Alltag, in der Familie und im Job erlebt. In dieser Zeit ist das Ehrenamt immer ein bisschen hintenangestellt worden. Dadurch sagen einige unserer Engagierten, dass sie ihr Ehrenamt pausieren wollen, weil sie selbst erst mal ihr Leben wieder so organisieren wollen, dass es ihnen gut geht. Andere gehören zur Risikogruppe und wollen noch nicht wieder wie vorher ihr Amt ausüben. Auf der anderen Seite gab es aber auch eine positive Bewegung.

Inwiefern positiv?

Wir haben auch Menschen, die uns nun ansprechen und sich engagieren wollen. Sie haben aus dieser neuen Corona-Situation heraus realisiert, dass Solidarität und Nächstenliebe etwas sind, was wir jetzt mehr brauchen denn je. Gerade als sie mehr über die Einsamkeit der älteren Menschen erfahren haben, kam vielen der Gedanke, dass sie etwas beitragen wollen, um das zu vermindern. Wir haben also auch viele neue Ehrenamtliche gewonnen.

Wie war denn die Situation, als im Frühling Corona plötzlich um sich griff?

Um die Menschen, denen wir helfen, zu schützen, mussten wir alle unsere Dienste sofort pausieren. Es durften also beispielsweise keine Ehrenamtlichen mehr ältere Menschen besuchen. Innerhalb weniger Tage begannen wir dann umzudenken und zu schauen, wie wir jetzt helfen können.

Was haben sie konkret verändert?

Wir haben vier neue Dienste geschaffen. Das sind zum einen die Einkaufsengel, die für Menschen, die nicht raus konnten oder wollten, die Besorgungen erledigt haben. Wir haben auch einen Telefonbesuchsdienst ins Leben gerufen. Wir wollten die Menschen, denen wir verbunden sind, nicht so lange alleine lassen. Für das Telefonieren haben wir unsere Ehrenamtlichen sogar geschult. Parallel haben wir das Gleiche auch im ambulanten Hospizdienst gemacht. Und wir haben seit August eine Malteser-Rikscha in Frankfurt fahren, die ein älteres Pärchen dann umherfährt. Da kommt man mal wieder an Orte, an denen man vielleicht schon lange nicht mehr war.

Gibt es diese neuen Dienste weiterhin?

Ja, deshalb brauchen wir natürlich auch wieder neue Ehrenamtliche. Beispielsweise helfen wir immer noch beim Einkaufen, weil manche Menschen weiterhin nicht raus wollen. Angesichts steigender Zahlen ist das für viele ältere Menschen vielleicht auch gut, nicht selbst einkaufen zu gehen.

Wie ist die Situation zum heutigen Zeitpunkt?

Mittlerweile bieten wir unsere Besuchsdienste wieder an. Beide Seiten müssen dafür ihr schriftliches Einverständnis geben. Dadurch ist die Kontaktaufnahme wieder möglich. Alle unserer Helfer bekommen eine digitale Hygieneschulung. Bei den Besuchen gelten Maske, Abstand und alle sonstigen Hygienevorschriften. Auch unsere anderen Dienste laufen wieder. Zum Beispiel bieten wir wieder Erste-Hilfe-Kurse an, auch wenn die Teilnehmerzahlen von uns begrenzt sind.

Gibt es noch Dinge, die sie nicht machen dürfen?

Ja. Wir dürfen keine Veranstaltungen machen und keine Ausflüge mit älteren Menschen machen. Auch Helfertreffen sind nicht möglich. Alles, wo eine Gruppe zusammenkommt, findet noch nicht statt.

Haben Sie in den zurückliegenden Monaten etwas erkannt, wo sie sich anders aufstellen müssen?

Das Thema Digitalisierung hat uns in der Corona-Zeit verstärkt betroffen. Wir müssen da auch unsere Ehrenamtlichen überzeugen, dort mitzumachen. Wir bieten technische Sprechstunden an, damit unsere Helfer in dem Bereich fit sind. Dadurch können sie an digitalen Treffen, aber auch Schulungen, wie zum Beispiel die erwähnte Hygieneschulung, teilnehmen. Das haben wir in den letzten Monaten verstärkt gemacht und werden diesen Weg weitergehen.

Interview: Steven Micksch

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