Trotz grauem Himmels war viel los auf dem Hauptfriedhof.
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Trotz grauem Himmels war viel los auf dem Hauptfriedhof.

Hauptfriedhof

Viel Andrang am Totensonntag

  • Kathrin Rosendorff
    vonKathrin Rosendorff
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Viele Trauerende auf dem Hauptfriedhof erzählen Geschichten, die berühren. Andere gehen einfach hier spazieren und andere machen ein bisschen Sightseeing.

Schon auf dem Parkplatz und am Blumenladen am Frankfurter Hauptfriedhof ist an diesem Sonntag viel mehr los als anderen Sonntagen. Einen Herrn ärgert das enorm. „Ich hatte gar nicht auf dem Schirm, dass heute Totensonntag ist. Sonst wäre ich nicht gekommen. Das ist ja hier so ein Massenauflauf. Das nervt. Ich will meiner Eltern in Ruhe gedenken“, sagt er, als er ein Trockengesteck für das Familiengrab kauft.

Aber nicht alle sind hier, weil sie Blumen für den Friedhof wollen: Ein Mann, der aus Serbien am Wochenende in Frankfurt zu Besuch ist, sagt: „Ich will Blumen für eine Freundin kaufen, die heute Geburtstag hat. Ich finde Blumen sind doch nicht nur für die Toten. Es ist noch viel wichtiger, den Leuten Blumen zu schenken, wenn sie noch am Leben sind und sich noch darüber freuen können.“

Eine Mitarbeiterin des Blumenladens berichtet, besonders beliebt seien für die Gräber neben Trockengestecken die Christrosen und die Schneeheide, weil diese den Winter gut überstünden, Die meisten Kundinnen und Kunden am Totensonntag seien Ü-50, bei den Jüngeren habe der Tag keine besondere Bedeutung mehr.

„Bei einigen habe ich den Eindruck, sie kommen vor allem aus Pflichtgefühl.“ Aber dann gibt es eben die vielen anderen. Die sichtlich gerührt sind, wenn sie von den Menschen erzählen, die sie verloren haben. Zwei ältere Damen, die Schwestern sind, suchen Blumen für ihre verstorbenen Eltern und Männer. „Bis heute bin ich jedes Mal traurig und sprachlos, wenn ich weiß, dass Menschen, die ich geliebt habe, jetzt hier auf dem Friedhof liegen“, sagt eine der Schwestern.

Eine 66 Jahre alte Frankfurterin erzählt, dass sie mehrmals pro Woche das Grab ihres Mannes besuche. Drei Tage vor ihrem 33. Hochzeitstag sei er mit 56 an Krebs gestorben. 16 Jahre sei das her. Sie vermisse ihn immer noch so sehr. „Heute morgen sagte mein Sohn zu mir: ‚Grüß Papa von mir. Meine Enkelin sagte: ‚Richte ihm aus, dass ich ihn sehr lieb habe‘“.

Als sie das erzählt, laufen ihr die Tränen über die Wangen. An manchen Tagen sei sie auch wütend. Auf ihn. „Ich schimpfe dann am Grab mit ihm und frage ihn, warum er mich so früh verlassen musste? Aber dann im nächsten Moment tut es mir schon wieder leid. Er konnte ja nichts dafür“, sagt sie.

Auf seinem Grabstein ist neben einer Engel- auch eine Figur eines jungen Mädchens. „Meine kleine Schwester wurde nur anderthalb Jahre alt. Das war so schrecklich, als ich sie als Elfjährige verlor. Ich weiß noch, wie sie an dem Tag Maisbrei aß, meine Mutter sie dann heiß badete und sie dann wenige Minuten später tot war. Ich komme aus Bosnien und dort gab es damals keine Gräber für Kinder. Deswegen habe ich diese Figur auf dem Grabstein meines Mannes gelegt.“

Sie möge den Hauptfriedhof sehr. „Also heute ist viel los, aber ansonsten genieße ich hier die Ruhe.“ Und dann mahnt sie: „Bleiben Sie auf den Hauptwegen, sonst gehen Sie verloren, wenn Sie sich nicht so gut auskennen.“

Ein Herr betreibt mit viel Körpereinsatz Grabbepflanzung. Sehr berührend ist eine Szene vor einem Grab. Freunde und Familie stehen im Kreis, in der Mitte eine Thermoskanne mit Kaffee und Backwaren. Sie weinen und lachen abwechselnd. Sie erzählen sich Anekdoten, die sie mit dem Verstorbenen erlebt haben. „Da wegen Corona keine großen Trauerfeiern gerade mehr möglich sind, haben wir uns hier draußen vor seinem Grab getroffen. Er war mein Stiefvater, entschuldigen Sie, es ist noch sehr frisch“, sagt ein junger Mann und kann seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Sein Stiefvater sei vor wenigen Tagen erst beerdigt worden,

Unweit der Gruppe geht ein 44 Jahre alter Frankfurter mit einer Freundin aus Hanau spazieren. Denn auch wenn die Sonne nicht scheint und alles grau in grau ist, sind viele Fußgänger auf dem Hauptfriedhof. Die beiden nutzen den Sonntag zum Sightseeing.

Die Hanauerin sagt: „Ich bin zum ersten Mal auf dem Hauptfriedhof. Das ist echt beeindruckend. Viele der Grabsteine sind handwerklich wirklich schön gemacht.“ Ihr Kumpel bekräftigt, „ich mag vor allem diese pompösen Gräber sehr, mit Engelsfiguren und so.“ Sie seien zufällig heute hier. „Ich wusste gar nicht, dass Totensonntag ist. Deswegen ist es so voll.“

Er erzählt, dass er schon langsam mit 44 Jahren Bammel vor dem Tod bekomme. „Gerade die letzten 20 Jahre sind nämlich so schnell vorbeigerast.“ Seine Begleitung sagt: „Vor fünf Jahren mit 20 habe ich mich noch unbesiegbar gefühlt. Aber das hat sich geändert. Vor allem der Gedanke, dass danach eben nichts mehr kommt, also Schluss für immer ist, ist beängstigend.“

Aber sie hat schon eine konkrete Vorstellung davon, wie sie verewigt werden will. „Ich will meine Asche in eine Schallplatte pressen lassen.“ Welcher Song? Darüber müsse sie noch nachdenken. „Ansonsten kannst du dich auch als Diamant verewigen oder dich auch auf den Mond schießen lassen. Ist halt teuer“, sagt ihr Begleiter und lacht los.

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