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Im Laden "Kreuz & quer" bauen sich die Projektteilnehmerinnen eine Berufsperspektive auf.
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Im Laden "Kreuz & quer" bauen sich die Projektteilnehmerinnen eine Berufsperspektive auf.

Integration in Frankfurt

Frankfurt verleiht Integrationspreise

  • Marie-Sophie Adeoso
    vonMarie-Sophie Adeoso
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Die Stadt Frankfurt ehrt vorbildliche Integrationsprojekte. Die FR stellt die Preisträger vor.

Stolz, Fachkraft zu werden

Auf den ersten Blick ist das Geschäft „Kreuz & quer“ an der Elisabethenstraße in Frankfurt-Sachsenhausen ein ganz normaler Kleiderladen, in dem man für wenig Geld gebrauchte Kleidung erwerben kann. Doch blickt man hinter die Kulissen, entdeckt man ein Projekt, das langzeitarbeitslose oder prekär beschäftigte Migrantinnen, viele von ihnen alleinerziehende Mütter, in Arbeit bringt - und ihnen zu einem qualifizierten Abschluss verhilft. 

„Handel im Wandel: Integration Mit-Sprache“ heißt das vom Land Hessen geförderte Modellprojekt der gemeinnützigen Gesellschaft GFFB, die dafür nun als einer von drei Preisträgern mit dem Integrationspreis der Stadt Frankfurt geehrt wird.

13 Menschen, fast alle von ihnen Frauen, bereiten sich seit dem vergangenem Jahr auf die IHK-Prüfung zur Verkäuferin oder Verkäufer im Einzelhandel vor.

Das Besondere an dem Qualifizierungsprojekt sei die integrierte Sprachförderung, sagt GFFB-Geschäftsführerin Barbara Wagner. Denn anfangs hätten die Sprachkenntnisse der Teilnehmenden für eine reguläre Berufsausbildung noch nicht gereicht.

Bei Handel im Wandel können sich die Auszubildenden zunächst im „geschützten Rahmen“ des vom Deutschen Roten Kreuz betriebenen Second-Hand-Ladens ausprobieren, ehe sie für mehrmonatige Praktika die reale Arbeitswelt eines Wirtschaftsunternehmens kennenlernen. Zudem werde die fachliche Ausbildung durch berufsbezogenen Deutschunterricht ergänzt, erläutert Wagner. Sprachlehrerin Ruth Barbosa ist im Fachunterricht dabei - „so kann ich die fachlichen Inhalte später in speziellen Schreibübungen aufgreifen“, erläutert sie.

Denn für Menschen, die eine andere Muttersprache als Deutsch haben, hat die Fachsprache es oft in sich. Barbosa bringt Beispiele einzelhandelsspezifischer Wort- und Satzungetüme wie „Wareneingangsprüfung“. „Wir nehmen diese Wörter auseinander und entwickeln Strategien, mit diesem Fach-Wortschatz im Berufsalltag umzugehen“, sagt Barbosa, die dadurch selbst als Muttersprachlerin oft noch dazulernt. So habe sie erst durch das Projekt von dem Begriff der „Renner- und Pennerlisten“ gehört, mit dem im Einzelhandel Produkte, die sich gut oder weniger gut verkaufen, bezeichnet werden. 

„Ich wollte immer gerne eine Ausbildung machen, aber in meinem Alter hast du keine Chance mehr“, sagt die 44-jährige Kosovarin Fahrije Shabani. Durch „Handel im Wandel“ hat sich im Leben der alleinerziehenden vierfachen Mutter, die sich zuvor von Minijob zu Minijob hangelte, viel verändert. „Meine deutsche Sprache hat sich verbessert, und meine Kinder freuen sich, wenn ich gute Noten schreibe. Sie sind stolz und sagen, Mama lernt jetzt auch was.“ Da die zweieinhalbjährige „Handel im Wandel“-Ausbildung in Teilzeit angeboten wird und die Teilnehmerinnen bei Bedarf auch mit einer Kinderbetreuung unterstützt, bietet sie insbesondere Müttern wie Shabani Chancen.

„Vorher war ich Mutter und Hausfrau, jetzt habe ich die Möglichkeit, mich selbst zu verwirklichen und etwas aus meinem Leben zu machen“, sagt die 43-jährige Jamila Oujaidan; auch sie zieht alleine vier Kinder groß. „Die Ausbildung gibt mir die Möglichkeit aufzusteigen. Ich habe gelernt, mir große Ziele zu setzen.“ So überlegt sie, sich nach erfolgreicher Abschlussprüfung im kommenden Frühjahr vielleicht noch zur Einzelhandelskauffrau weiterzuqualifizieren - die GFFB möchte das „Handel im Wandel“-Projekt entsprechend weiterführen und auch wieder neue Auszubildende aufnehmen, sagt Barbara Wagner.

Vor allem aber hofft sie, dass es mittelfristig in der Arbeitsmarktpolitik mehr Angebote wie das Frankfurter Modellprojekt gibt. „Wenn man möchte, dass die Menschen aus dem SGB-II-Bezug rauskommen, dann muss man auch die Rahmenbedingungen dafür schaffen.“ 

Vorbild für Jugendliche

Als Cansu Cinar in die erste Klasse kam, da wurde sie „in so einen Der-die-das-Kurs gesteckt, zusammen mit den anderen fünf Kindern mit Migrationshintergrund“, erzählt die 22-Jährige. „Dabei habe ich damals schon fließend Deutsch gesprochen.“ Und so war auch bald klar, dass sie keine Artikel extra pauken muss, bloß weil sie türkische Eltern hat. „Ich war immer ein begeistertes, neugieriges Kind. Für mich kam nichts außer dem Gymnasium in Frage.“

Heute studiert Cinar Jura an der Frankfurter Goethe-Universität. Und sie ist ein „InteGREATer“: Seit zwei Jahren stellt sie sich regelmäßig vor Gruppen Jugendlicher, meist Schulklassen an Haupt-, Real- oder Gesamtschulen, aber auch auf Bildungsmessen, in Moscheen oder auf Stadtteilfesten, und erzählt von ihrer Bildungsbiografie. Davon, wie sie es geschafft hat. „Es gibt für mich persönlich nichts Wichtigeres als Bildungschancen. Mir ist wichtig, dass ich andere motivieren und Gedanken anstoßen kann, was möglich ist. Ich komme ja auch aus einer Arbeiterfamilie.“

Das, was Cansu Cinar und die bundesweit mehr als 220 ehrenamtlichen InteGREATer machen, „ist eigentlich etwas ganz Einfaches“, sagt Constanze Bartiromo, hauptamtliche Projektleiterin im Frankfurter Büro des gemeinnützigen Vereins, der den diesjährigen Integrationspreis der Stadt Frankfurt gewinnt. „Sie begegnen jungen Menschen als authentische Vorbilder auf Augenhöhe und vermitteln ihnen, dass Bildung der Schlüssel für eine gelungene Integration ist.“

Als die Studentin Ümmühan Ciftci, Tochter einer Analphabetin, den Verein im Jahr 2010 gegründet habe, erzählt Bartiromo, hätten die jungen Ehrenamtlichen sich zunächst an Eltern gewandt, um sie zu beraten, worauf es beim Wechsel ihrer Kinder auf die weiterführende Schule ankommt. Viele hätten damals gesagt, „es wäre gut, wenn ihr eure Geschichte auch unseren Kindern erzählt“. Denn bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund und aus eher bildungsfernen Familien „fehlt es oft an Selbstbewusstsein und dem Glauben, dass ich es schaffen kann“, sagt Bartiromo. Da sei es sehr wirkungsvoll, wenn jemand, der erst wenige Jahre älter ist, erzählt, wie er es aus einer ähnlichen Situation heraus, „einem Umfeld, in dem es an Vitamin B fehlt“, an die Uni oder in eine Ausbildung geschafft hat.

Meist gehen die InteGREATer zu dritt oder viert zu einem Termin. Dort erzählen sie von sich selbst; „die persönliche Geschichte ist der Dreh- und Angelpunkt“, sagt Cansu Cinar. Daran anknüpfend trauten sich die Jugendlichen dann, in Kleingruppen von sich selbst zu erzählen und Fragen zu stellen.

„Ich probiere zu vermitteln, dass es nicht nur einen Weg zum Erfolg gibt“, sagt Helena Omnia Zohdi, auch sie ein InteGREATer. Die 23-Jährige, die als Tochter einer deutschen Mutter und eines ägyptischen Vaters in den USA aufwuchs, kam erst vor vier Jahren zum Studium nach Deutschland. „Ich weiß wie es ist, neu hier zu sein“, sagt die Politikstudentin. „Deutsch lesen und schreiben war schwer für mich am Anfang“; auf dem Studienkolleg musste sie ihre Hochschulberechtigung nachholen. So könne sie einen Bezug herstellen zu Jugendlichen, die sich ebenfalls in einem neuen Umfeld und Bildungssystem zurechtfinden müssen. „Es gibt gewisse strukturelle Makel im System, die können wir nicht so ohne weiteres ändern. Aber wir können auf persönlicher Ebene etwas bewegen.“ 

Das Wortschatzkästchen füllen

Anouar mag Bücher über Tiere und Pflanzen, „Gregs Tagebuch“ und dieses Buch, das Herr Paschke neulich mitgebracht hat: „Da geht’s um eine Mutter, die ist Spionin!“, sagt der Achtjährige sichtlich begeistert. So wie der Drittklässler liest auch der Rentner Uwe Paschke ausgesprochen gerne. Einmal wöchentlich treffen sich die beiden in Anouars Schule, der Sossenheimer Albrecht-Dürer-Schule, lesen gemeinsam und sprechen über die Themen der Texte. Uwe Paschke ist Anouars Mentor, sein „Leselernhelfer“. „Weil ich was Sinnvolles machen und der Gesellschaft etwas zurückgeben möchte“, sagt der 67-Jährige. Mehr als 1000 Ehrenamtliche hat der im Jahr 2006 in Frankfurt gegründete Verein hessenweit im Einsatz, sagt Vereinsvorstand Georg Kowalski. Für ihr Engagement, Kinder und Jugendliche in ihrer Sprachkompetenz zu unterstützen, erhält Mentor - Die Leselernhelfer den diesjährigen Integrationspreis der Stadt Frankfurt. Rund 1400 Kinder zwischen sechs und 16 Jahren, vor allem an Grund- und Hauptschulen, profitieren von dem ergänzenden Bildungsangebot - alleine in Frankfurt sind rund 350 Mentorinnen und Mentoren an 45 Schulen unterwegs.

Sie heißen „Leselernhelfer“ - aber lesen, betont Anouars Klassenlehrerin Renate Grell, das können ihre Schülerinnen und Schüler bereits. „Das Problem ist das Leseverständnis.“ Viele der Kinder wüchsen zweisprachig auf, ihnen fehle es an deutschem Vokabular, um das, was sie lesen, auch zu verstehen.

Genau dafür sind die Leselernhelfer da, die sich in einer Eins-zu-eins-Beziehung über ein oder zwei Jahre wöchentlich für eine Schulstunde mit einem sprachförderbedürftigen Kind treffen. „Wir haben so eine Art Kodex: Wenn wir den Raum verlassen, kann ein Kind zehn neue Wörter anwenden“, sagt Robert Taddiken, Koordinator für den Frankfurter Westen. „Zwischen dem Kind und mir steht ein Wortschatzkästchen. Da kommen alle neuen Worte rein - aber vorher müssen wir sie verstehen, erklären, deklinieren können.“

Grundlage der Stunde ist oft die wöchentlich erscheinende „kunterbunte Kinderzeitung“, die der Verein aus Spenden finanziert und die die Mentorinnen und Mentoren sich ausdrucken können, um sie mit den Kindern zu bearbeiten. Darin stehen Rätselaufgaben und viele kindgerechte Texte zu alltäglichen und politischen Themen. Vergangene Woche ging es um das Thema Klima, „das fand ich nicht so gut“, sagt die zehnjährige Tatjana. „Da haben wir dann über was anderes gesprochen“, sagt ihre Mentorin Sigrid Bernhardt. Das aktuelle Thema „Schokolade“ ist schon mehr nach Tatjanas Geschmack.

Die Drittklässlerin freut sich auf die wöchentlichen Treffen mit ihrer 68-jährigen Mentorin. Zu Hause, erzählt das Mädchen, das erst vor eineinhalb Jahren nach Deutschland kam, spreche sie nur Bulgarisch mit ihrer Mutter. Bei „Frau Bernhardt“ lerne sie viele neue deutsche Worte, und die Treffen machten so viel Spaß, dass ihre Freundinnen sie manchmal fragten, ob sie auch so eine Mentorin haben könnten. Dafür aber, betont Robert Taddiken, brauche der Verein noch mehr Freiwillige. „Viele trauen sich diese Aufgabe nicht zu. Aber es braucht eigentlich nur gesunden Menschenverstand, Einfühlungsvermögen und ein polizeiliches Führungszeugnis.“ Und Freude am Lesen.  

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