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Frankfurt: Verdammt interessant, diese Hasstiraden

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Von: Andreas Hartmann

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Im Englischen haben die schlimmsten Flüche vier Buchstaben. Joan Baez erinnerte aber daran, dass „Love“ auch nur ein „Four-Letter-Word“ ist. Bild: Bert Bostelmann
Im Englischen haben die schlimmsten Flüche vier Buchstaben. Joan Baez erinnerte aber daran, dass „Love“ auch nur ein „Four-Letter-Word“ ist. Bild: Bert Bostelmann © Museum für Kommunikation Frankf

Das Museum für Kommunikation widmet sich Beschimpfungen und Flüchen – und das ist sehr vergnüglich.

Die Kuh von der Konkurrenz! Muss die immer so dumme Fragen stellen! Und der Hirsch hinter ihr! Warum schaltet der sein Handy nicht aus, wenn er auf einem Termin ist? Ach, man will sie täglich verfluchen, all diese Mitmenschen, die einem zum Beispiel bei Pressekonferenzen gehörig auf den Wecker gehen! Das Frankfurter Museum für Kommunikation bietet da in seiner neuesten Ausstellung „Potz! Blitz! Vom Fluch des Pharao bis zur Hate Speech“ treffliche Inspirationen.

Mehrere tausend Beschimpfungskombinationen kann allein der von ihm entwickelte Fluch-Generator auswerfen, so schätzt Kurator Rolf-Bernhard Essig bei der Eröffnung von „Potz! Blitz!“ am Donnerstagmittag. Es sind Bösartigkeiten auf höchstem Niveau, wenn sich das so sagen lässt, immerhin hat der studierte Germanist Essig Wortschöpfungen von Hans Sachs (1494 bis 1576) und Johann Wolfgang Goethe (1749 bis 1832) gesammelt und kombiniert.

Das sind dann so schöne Sachen wie „quarkender misthafter Lausewenzel“, „maliziöser kannibalischer Schimpfknochen“ oder „schlampampender todsündlicher Kleienfurz“, die man seinem Gegenüber mal als Alternative zum „Drecksack“ an den Kopf werfen kann. Nie wieder banal fluchen, verspricht Essigs Fluch-Generator – das passt ja! Es gibt ihn übrigens nun für 7,90 Euro an der Museumskasse, auch mit schönen Beschimpfungen aus der heutigen Jugendsprache. Früher war eben auch nicht alles besser, aber manches vielleicht origineller. „Wenn Sie mal den Abenteuerlichen Simplicissimus von 1668 oder Luther-Reden lesen, werden Sie auf unerhörte Flüche stoßen“, sagt Essig.

Aber, oh halbsporadischer zombiematschiger Würschenvisionär, jetzt sind wir abgeschweift. Denn Essig und die Designerin Franziska Isensee haben auf kleinem Raum eine verdammt interessante Ausstellung konzipiert, mit kuriosen Exponaten wie 2000 Jahre alten Fluchtäfelchen und einer Voodoo-Puppe aus dem Mainzer Isistempel, Gruseligem wie einem Topf voller Katzenembryos (stellten sich Schwangere unters Bett, um Dämonen abzuwehren – ja, auch in Deutschland) oder einer Stalltüre aus dem schwäbischen Nürtingen aus den 1950er Jahren.

Die Ausstellung

„Potz! Blitz! Vom Fluch des Pharao bis zur Hate Speech“ ist im Frankfurter Museum für Kommunikation, Schaumainkai 53, bis zum 29. Januar zu sehen, dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs auch bis 20 Uhr. Es ist eine Kooperation mit der Schwesterinstitution des Museums in Nürnberg.

Begleitend zur Ausstellung hat das Museum online unter potzblitz.museumsstiftung.de ein sehr ausführliches Zusatzprogramm gestellt, unter anderem mit Interviews und einem Schimpfwortgenerator. aph

Die ist über und über bedeckt mit seltsamen Dingen, Tierpfoten, Sternen, Fell, einem Messer – „spitze Gegenstände sollen überall auf der Welt das Böse fern halten“, sagt Essig. Denn wo eben jenes lauert, da entwickeln sich auch Gegenstrategien, die man etwa als blaues „Auge der Fatima“ heute noch in türkischen Gemüseläden sieht. „Wenn es zerbricht, weiß man: Es hat geholfen“, sagt er.

Schön sind auch die Beschimpfungen aus dem Tierreich, die mal recht harmlos daherkommen („Eulenküken“ in den Niederlanden) und nicht überall verstanden werden. „Schwein“ mag in der einen Kultur unflätig klingen, in einer anderen gilt das Tier als Glücksbringer. Und im Schwäbischen ist der „Dackel“ recht harmlos, der „Halbdackel“ hingegen eine schlimme Beleidigung.

Essig, der zuletzt die originelle Sprichwörter-Ausstellung „Mein Name ist Hase“ für das Frankfurter Museum entwickelte, hat wieder wunderbare, skurrile und – dem Thema angemessen – auch scheußliche Beispiele für Flüche und Beleidigungen zusammengetragen und sehr schön und mit Humor aufbereitet. Anders ließe sich so ein Thema wohl auch gar nicht ertragen.

Die angebliche Pizza-Affäre Hillary Clintons nennt Essig als ein Beispiel für eine besonders perfide üble Nachrede, „Fake News“. In einer Washingtoner Pizzeria sei, so wurde behauptet, ein internationaler Kinderporno-Ring tätig, zu dem auch die US-Präsidentschaftskandidatin gehöre. „Vermutlich wurde das damals von russischen Computer-Hackern gestreut“, sagt Essig. Ein Bewaffneter überfiel daraufhin das Restaurant, um die Kinder zu befreien, und Clinton verlor gegen Donald Trump,

Es sind viele Facetten, die nur angerissen werden, und die Schau dürfte auch gerne noch größer sein. Geplant war sie eigentlich für die Schwesterinstitution des Frankfurter Museums in Nürnberg, dessen Direktorin Annabelle Hornung sich nun mit dem schönen Satz zitieren lässt: „Das war eine Herausforderung, aber man muss sagen, es ist ein verflixt heißer Scheiß geworden!“

Essig, den der Frankfurter Kommunikationsmuseumsdirektor Helmut Gold sehr passend einen „Sprachakrobaten“ nennt, lädt spielerisch zum respektvollen Mitdenken ein, und wer Angst hat, die Ausstellung sei nichts für Kinder – Kappes! So richtig derb wird es eigentlich nicht. Und vermutlich gibt es für Fluch-Forscher:innen sowieso wenige Plätze, die so attraktiv sind wie Schulhöfe.

„Potz! Blitz! Vom Fluch des Pharao bis zur Hate Speech“ ist im Frankfurter Museum für Kommunikation, Schaumainkai 53, bis zum 29. Januar zu sehen, dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs auch bis 20 Uhr.

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