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Kontroverse

Verdacht auf amtlichen Kindesentzug in Frankfurt - Verein Doña Carmen greift ein

  • Judith Köneke
    vonJudith Köneke
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Die Behörde hatte einer Roma-Prostituierten ihr Baby nach der Geburt weggenommen. Der Verein Doña Carmen übt harsche Kritik.

  • Eine rumänische Prostituierte hat von den Behörden ihr Baby abgenommen bekommen.
  • Der Verein Doña Carmen vermutet, dass dies kein Einzelfall in Frankfurt ist.
  • Die Sozialämter wollen keine Aussage zu dem Vorfall machen.

Frankfurt - Doña Carmen hat eine ungute Vermutung. Der Verein für soziale und politische Rechte von Prostituierten wartet immer noch auf den Gegenbeweis der Stadt, dass Kindesentzug bei südosteuropäischen Prostituierten und Migrantinnen keine gängige Praxis bei den Frankfurter Sozialbehörden ist.

Roma-Prostituierte bekommt Baby weggenommen - Behörden wollen Deal eingehen

Ausgangspunkt war ein kontroverser Fall im Juni. Einer rumänischen Prostituierten mit Roma-Hintergrund war ihr Neugeborenes im Krankenhaus entzogen worden. Gleichzeitig soll es das Angebot der städtischen Ämter gegeben haben, dass die Mutter ihr Kind wiederbekomme, wenn sie zurück in ihr Herkunftsland Rumänien gehe – von der Stadt finanziert.

Doña Carmen wollte damals in einem offenen Brief wissen, ob es sich „bei diesem schmutzigen Deal“ um einen Einzelfall handele oder um ein geläufiges Vorgehen bei Sexarbeitern und Sexarbeiterinnen, besonders solche mit Roma-Hintergrund, um sie kostengünstig loszuwerden und aus der Stadt zu vertreiben. Zufrieden sind sie mit der Antwort des Sozialdezernats aus dem August nicht.

„Eine Beantwortung Ihrer Fragen ist mir nicht möglich, da ethnische Unterscheidungen in der Statistik des Jugend- und Sozialamtes nicht vorgenommen werden und entsprechend auch nicht auswertbar sind“, schreibt die Dezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) in dem knappen Brief, der auch der FR vorliegt. Eine Prüfung erfolge in genanntem Fall immer, unabhängig von der Ethnie.

Baby zurück bei Prostituierten: Verein Doña Carmen will helfen

Das Sozialdezernat weigere sich, Informationen preiszugeben, und es fehle an Aufklärungswillen, urteilt Doña Carmen deshalb. Die Worte des Dezernats ließen nicht den Willen erkennen, Umstände und Hintergründe des Falls zu beleuchten. „Ganz im Gegenteil: Aus Sicht der Sozialdezernentin ist alles prima und rechtsstaatlich korrekt abgelaufen.“ Selbstkritik habe es nicht gegeben. Und nur durch massive Bemühungen des Vereins sei das Kind überhaupt wieder zur Mutter gekommen.

Die Frau habe ihr Baby zwar nach einigen Tagen in die Arme schließen dürfen, aber das Vorgehen bleibe fragwürdig, kritisiert Bianca Bopp von Doña Carmen. Die Mutter sei natürlich sehr glücklich gewesen, habe aber vorher den Schock ihres Lebens bekommen. Die Inobhutnahme sei rechtswidrig gewesen, so Bopp. „Die offiziellen Gründe des Jugendamtes waren, dass die Frau keine Unterkunft und kein Geld habe, um für das Kind zu sorgen.“ Dabei habe sie auf ihr Arbeitslosengeld II gewartet, was sich wegen Corona verschoben habe, und sie habe sich erst mal Geld geliehen, erläutert Bopp. Eine Wohnung habe die Frau, die im Bahnhofsviertel in einem Bordell arbeitete, ebenfalls.

Diese Gründe des Amts seien de facto also einfach nicht korrekt gewesen. Es könne sein, dass es im Krankenhaus Missverständnisse bei der Verständigung gegeben habe. Aber die Stadt hätte zumindest den Verein Doña Carmen kontaktieren können, schließlich habe sich die Frau an sie gewandt, kritisiert Bopp. „Das hätte anders laufen müssen.“

Roma-Prostituierte bekommt Baby abgenommen - Keine Infos vom Sozialamt

Die Stadt will sich weder zu den Fragen von Doña Carmen noch zu dem Fall der Prostituierten gegenüber der FR äußern. Aus Gründen des Sozialdatenschutzes seien sie nicht befugt, Angaben zu einem Einzelfall zu machen, heißt es aus dem Jugend- und Sozialamt. Fallübergreifend könne man die Verfahrensweise von Jugendämtern in diesem Thema aufgreifen. Bei Anhaltspunkten für eine Kindeswohlgefährdung sei die Klinik befugt, sich mit ihrer Sorge an das Jugendamt zu wenden. Dann müsse dieses die Situation prüfen und eventuell eingreifen, verkürzt gesagt. Liege kein Anspruch auf Sozialleistungen vor und somit keine Aussicht auf Wohnraum und Existenzsicherung, so gewähre die Stadt in diesen Fällen als freiwillige Leistung die Kostenübernahme für die Rückfahrt von Eltern mit Kind in das Herkunftsland.

Ob die Frau ihr Kind behalten kann, ist noch nicht sicher. Im September soll es einen Gerichtstermin geben, so Bopp. Ihr ALG II müsse verlängert werden. Doch Doña Carmen ist zuversichtlich und sieht die Rechtsposition des Vereins und der von ihm unterstützten rumänischen Prostituierten durch ein aktuelles Urteil des Hessischen Landessozialgerichts vom 5. August bestätigt. Es hat im ähnlich gelagerten Fall einer bulgarischen Sexarbeiterin positiv über Leistungsansprüche nach SGB II (Hartz IV) entschieden. Doña Carmen will die Mutter weiter unterstützen und fordert genauere Antworten vom Dezernat.

Illegale Prostitution in Frankfurt nimmt zu: Erschwerte Bedingungen durch Corona

Im Frankfurter Bahnhofsviertel nimmt die Prostitution immer weiter zu. Jedoch viele Menschen an den Ränder der Gesellschaft sind von der Corona-Krise dieses Jahr betroffen. Wegen der Pandemie mussten viele Bordelle schließen und Prostituierte sind besonders schutzlos und können nicht auf finanzielle Untersützung zählen. Eine Frankfurter Prostituierte sagt: „Ich habe große Angst vor Corona“, da sie kein Geld mehr verdient und sich kaum Essen leisten kann.

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