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Kriminalität in Frankfurt: Von Mainleichen bis zu Menschenfleisch

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Von: Stefan Behr

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FR-Stadtgespräch zu „Frankfurter Tatorten“ im Haus am Dom mit FR-Polizeireporter Oliver Teutsch, dem ehemaligen Richter Klaus Drescher und der Polizeihauptkommissarin Anja Lange (von links). FR-Redakteur Georg Leppert moderierte.
FR-Stadtgespräch zu „Frankfurter Tatorten“ im Haus am Dom mit FR-Polizeireporter Oliver Teutsch, dem ehemaligen Richter Klaus Drescher und der Polizeihauptkommissarin Anja Lange (von links). FR-Redakteur Georg Leppert moderierte. © christoph boeckheler*

Um spektakuläre Verbrechen in Frankfurt geht es bei einer Podiumsdiskussion zum Erscheinen des FR-Geschichte-Bands „Frankfurter Tatorte“ im Haus am Dom.

Frankfurt - Endlich! Wurde ja auch Zeit. Verbrechen lohnt sich wieder. Das klingt wie die Einlösung eines FDP-Wahlversprechens, ist aber einzig und allein der FR zu verdanken. Und es lohnt sich auch nicht zwingend finanziell, sondern ideell – zumindest, wenn es der Plan war, sich einen Platz in den Annalen der Stadtgeschichte zu ergaunern.

„Frankfurter Tatorte“ ist der Titel des zehnten Bandes aus der FR-Geschichte-Reihe, der sich mit spektakulären lokalen Verbrechen beschäftigt. Am Mittwochabend (01.12.2021) gab es dazu im Haus am Dom die Podiumsdiskussion – hochkarätig besetzt, aber mit streng limitiertem Publikum. Alles andere wäre in Seuchenzeiten auch ein Verbrechen.

Anja Lange, Polizeihauptkommissarin und zuständig für das Kriminalmuseum im Polizeipräsidium, erinnerte auf dem Podium daran, dass es ja durchaus Gangster gab, die der Erinnerung wert sind. Etwa den wundervollen Karl-Heinz Jäger, Bornheimer Bub und Verbrecherlegende. Nach dem Zweiten Weltkrieg reüssierte dieser als Schwarzmarkthändler und illegaler Taxiunternehmer. Als Kopf der Jäger-Bande, die sich auf Raubüberfälle und Einbrüche spezialisiert hatte, stieg er zu einem der meistgesuchten Kriminellen der Republik auf. Nach einer Zuchthausstrafe aber geriet Jäger auf die schiefe Bahn, machte ein Volontariat bei der FR und endete unter dem Künstlernamen Henry Jaeger als erfolgreicher Schriftsteller. Das Kriminalmuseum erinnert auch an diesen tragischen Fall. Im Gegensatz zu „Frankfurter Tatorte“.

Frankfurter Tatorte: „Kannibale von Rotenburg“ kommt auch vor

Ebenfalls auf dem Podium: Klaus Drescher, ehemals Richter am Landgericht und seit seiner Pensionierung 2017 so eine Art Helmut Schmidt der Frankfurter Justiz. Wenn’s am Gericht mal zu dröge wird, hört man immer wieder den Stoßseufzer: „Ach, das waren noch Zeiten, als der Drescher noch richtete, wie sich das gehört.“ Der einzige andere Richter, dessen Verlust ähnlich beklagt wird, ist Hans Bachl, so eine Art Willy Brandt der Frankfurter Justiz, aber der saß am Mittwochabend nur im Publikum und nicht auf dem Podium.

Drescher aber schon. Und wo immer Drescher und Journalisten – in diesem Fall Georg Leppert, Leiter des FR-Römerteams, und Oliver Teutsch, Auch-aber-nicht-nur-Polizeireporter der FR – beeinanderhocken, da hockt sich alsbald auch Armin Meiwes als steinerner Gast hinzu, den die Kammer unter Drescher 2006 wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt hatte. Der „Kannibale von Rotenburg“, der auch in „Frankfurter Tatorte“ auftaucht (auch wenn Frankfurt gar nicht Tatort war), übt bis heute eine bizarre Faszination auf die Menschen aus. Nur nicht so recht auf Drescher, der schon damals die grausigen Details des Falls durch seine lakonische Art zu entgrausen wusste. Eigentlich sei Meiwes ein ganz umgänglicher Typ gewesen, „mit dem man sich nett beim Bier unterhalten könnte – solange man sich nicht über Menschenfleisch unterhält“.

Aber so ganz kommt man an dem Thema nicht vorbei. Etwa wenn es um die „Mainleiche“ geht. Bei der handelte es sich um die sterblichen Überreste eines 45 Jahre alten Geschäftsmannes, die 2005 Stück für Stück im Main auftauchten. Ein Jahr später sprach die Kammer unter Dreschers Vorsitz die beiden Angeklagten – die Ehefrau und einen Mitarbeiter des Opfers – mangels Beweisen frei, obwohl das Gericht erhebliche Zweifel an ihrer Unschuld hatte. Aber eben auch geringe an ihrer Schuld. Von den Körperteilen des Ermordeten, erinnerte sich Drescher, wurden fast alle gefunden bis auf einen auffällig tätowierten Unterarm. Auch die „Mainleiche“ taucht in „Frankfurter Tatorte“ auf.

Frankfurter Tatorte: Alle Körperteile tauchten auf – bis auf einen Unterarm

Natürlich wurde am Mittwoch auch die uralte Frage diskutiert, ob Frankfurt wirklich „Hauptstadt des Verbrechens“ sei. Aber nein, sagte Anja Lange und verwies mal wieder auf den Flughafen, der Frankfurt eine Flut von Verstößen gegen das Ausländergesetz beschere, von denen außer den Statistikern keiner was mitkriege. Ach was, sagte Klaus Drescher. Die Zahl der versuchten und vollendeten Tötungsdelikte in Frankfurt liege zwischen 50 und 60 jährlich und sei schon ewig konstant – damit könne man durchaus leben. I wo, sagte Oliver Teutsch und wies darauf hin, dass er eben nicht nur Polizeireporter der FR sei, sondern auch andere Themen behandele. In Rio de Janeiro etwa gäbe es im Schnitt 68 Tötungsdelikte täglich. Da sei der Begriff „Hauptstadt des Verbrechens“ keine pure Fantasterei, und der Beruf des Polizeireporters ein Knochenjob, der keine Nebenbeschäftigung zulasse.

Und en passant räumte Teutsch noch einen anderen Mythos ab. Im jüngsten „Tatort“ sei mal wieder eine Polizeireporterin zu sehen gewesen, die den zuständigen Kommissar beim Einsteigen ins Auto abfängt und nach dem Stand der Ermittlungen fragt. Völliger Blödsinn, versicherte Teutsch, in Frankfurt mit seinem riesigen Polizeiapparat wisse man in den seltensten Fällen, wer hier was ermittelt.

Aber das Fernsehen lügt halt mitunter. In „Ein Fall für zwei“ arbeitet die Frankfurter Staatsanwaltschaft ja auch in einem Gebäude mit funktionierenden Aufzügen. Wer faktenorientierte Unterhaltung sucht, ist mit „Frankfurter Tatorte“ besser bedient. (Stefan Behr)

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