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Frankfurt: Urteil nach Explosion durch Duftspray

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Von: Stefan Behr

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Zu Risiken und Nebenwirkungen von Duftsprays fragen Sie Ihren Chef. Rolf Oeser
Zu Risiken und Nebenwirkungen von Duftsprays fragen Sie Ihren Chef. Rolf Oeser © Rolf Oeser

Vor sechs Jahren flog auf der Berger Straße ein Café in die Luft. Jetzt beschäftigt der Knall das Amtsgericht

Am 27. Juni 2016 gab es kurz nach 16 Uhr einen Riesenknall im Nordend. Schon wenig später ist die „Frankfurter Neue Presse“ vor Ort und berichtet von Szenen des Schreckens. „Die Wucht der Explosion im ,Caffè Leidenschaft‘ lässt sich auch 45 Minuten später noch erahnen: Die drei großen Schaufenster des Lokals sind zerborsten, die Scherben liegen über den Gehweg, die Außentische und -stühle verstreut. Auf einem Tisch stehen noch zwei Teller, darauf jeweils ein halb verzehrtes Tortenstück. Etwas abseits liegen zersprungene Zuckerstreuer auf dem Boden – die weißen Kristalle sehen beinahe aus wie Sand.“

Eine Mitarbeiterin des Cafés landet mit Verbrennungen zweiten Grades im Krankenhaus. Drei weitere Menschen werden durch umherfliegende Glasscheiben verletzt – einer schwer, zwei leicht. Der Schaden beträgt etwa 150 000 Euro. Anfangs vermutet die Polizei einen Terroranschlag. Aber es ist keiner.

Mehr als sechs Jahre später muss sich der 62 Jahre alte damalige Cafébetreiber Rolf D. am Dienstag wegen fahrlässigen Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion vor dem Amtsgericht verantworten. Laut Strafgesetzbuch müssen das Menschen, die aus Versehen „anders als durch Freisetzen von Kernenergie, namentlich durch Sprengstoff, eine Explosion herbeiführen“. Eine Atombombe scheidet als Explosionsherd also aus. Das erklärt auch die Zuständigkeit des Amtsgerichts. Gegen ein mutmaßliches Mitglied der „Atomwaffendivision Hessen“ wird parallel vor dem Oberlandesgericht verhandelt.

Es war aber auch kein Sprengstoff im klassischen Sinne. Sondern vielmehr ein Raumduftspray der Note „Classic Herb“, das Rolf D. laut Anklage der später schwerverletzten Mitarbeiterin in die Hand gedrückt haben soll, um eine verstaubte Kühlschranklüftung zu säubern. Durch einen Funken habe sich das offenbar hochexplosive Duftspray dann entzündet.

Stimmt nicht, sagt Rolf D. Er habe der jungen Frau lediglich den Auftrag gegeben, den Kühlschrank zu säubern. Zum Duftspray habe sie eigenhändig gegriffen.

Stimmt nicht, sagt die heute 33 Jahre alte Isa E., die damals ihren Probetag hatte – eine folgende Festanstellung hatte sich danach durch Verpuffung des Arbeitsplatzes erübrigt. Dass Spray habe der Chef ihr in die Hand gedrückt. Sie habe sich auch nicht angeguckt, was sie da sprühe, schließlich sei Rolf D. ihr Chef gewesen. Ob sie neben dem Spray auch zum Handfeger gegriffen habe, um die Lüftung zu entstauben, wisse sie nicht mehr, schließt es aber kategorisch aus. Das habe ihr ja niemand befohlen: „Ich arbeite doch nicht mehr, als ich muss. Vor allem nicht am Probetag. Ich bin ja nicht doof!“

Dass der Fall erst jetzt verhandelt wird, liegt daran, dass Rolf D. nach dem Knall laut Staatsanwaltschaft „abgetaucht“ war. Das ist aber maßlos übertrieben. Richtig ist, dass D. im Jahr nach dem großen Knall die Führung des Cafés aufgab. Vielleicht lag das am Bandscheibenvorfall, vielleicht an der Depression, vielleicht daran, dass er und seine langjährige Lebensgefährtin, deren Familie die Immobilie gehört, sich trennten und D. eine neue Bude bezog, ohne dies der Staatsanwaltschaft mitzuteilen. Klar ist nur, dass die Fahnder während ihrer Suche nie das „Tower“-Café auf dem Alten Flugplatz in Bonames besucht haben. Dort hätten sie D. nämlich als Betreiber vorgefunden – bis das Café seuchenbedingt den Betrieb einstellen musste.

Zeit und Salbe heilen alle Wunden, auch die von Isa E., die keine bleibenden Schäden davongetragen hat. So gut die Zeit aber für Wunden ist, so schlecht ist sie für die Beweismittelsicherung, und ob der Chef ihr jetzt aus Versehen ein Raumduft- als Reinigungsspray in die Hand gedrückt oder ob sie das am Ende doch selbst getan hat, bleibt letztlich fraglich. Daher stellt das Amtsgericht den Fall nach einem kurzen Rechtsgespräch wegen geringer Schwere der Schuld ein. Zudem muss ihr Ex-Chef 1000 Euro an Isa E. zahlen – als symbolisches Trostpflaster.

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