Peter Kistinger kann Bäume lesen – hier in der Frankfurter Taunusanlage.

Trockene Bäume 

Frankfurt: Kontrolleur über Tausende Bäume

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Peter Kistinger ist Baumkontrolleur beim Grünflächenamt und prüft, welche Bäume im Stadtgebiet gefällt werden müssen. 

Die Angst vor der Diagnose: Laien befällt sie in jüngerer Zeit immer öfter beim Anblick eines spärlich bekleideten Baums. Ist er krank, leidet er Durst, muss er am Ende gefällt werden?

Die Antwort kennt Peter Kistinger, Baumkontrolleur beim Grünflächenamt. Gerade nimmt er einen Blauglockenbaum in Augenschein, laut städtischem Baumkataster die Nummer 66 in der Taunusanlage, 1972 gepflanzt. Oje, der sieht aber dürr aus, der Blauglockenbaum. Aber Kistinger vertreibt die Sorgen: „Für die Baumart ist er im grünen Bereich.“

Per Augenschein entdeckt er nichts Auffälliges. Eine Runde um den Stamm, ein Blick auf die Wurzel – da sieht’s schwärzlich aus. Kistinger zückt ein Klappmesser, sticht ein kleines Stück am Fuß des Stammes ab, rollt es zwischen den Fingern. „Wenn das ein Brandkrustenpilz wäre“, sagt er, „dann würde es knirschen.“ Aber es knirscht nichts. Auch ansonsten: „Kein Totholz, nichts. Abgehakt.“ Der Blauglockenbaum wird leben. 

Tausende Bäume müssen gecheckt werden  

Woher weiß man so was – dass es knirscht, wenn es ein bedrohlicher Pilz ist? „Erfahrung“, sagt Kistinger, „Weiterbildung. Und man kann das ja alles nachlesen.“ Der 49-Jährige kümmert sich zurzeit mit zwei Kollegen um den Bezirk Mitte, der unter anderem in Sachsenhausen, in der Innenstadt, im Gallus liegt und sich bis zur Miquelallee erstreckt. Jeder hat etwa 12 000 Bäume zu kontrollieren, hinzu kommen sogenannte waldartige Bestände, alles in allem 40 000 Objekte.

Was ist mit der Linde da drüben, Nummer 65, gepflanzt vor 77 Jahren? „Da ist alles okay“, sagt Kistinger, da hat er vorhin schon ein Auge drauf geworfen. Die Bäume in der Taunusanlage seien bisher gut beieinander, lautet sein Urteil nach einer halben Runde durchs stadtgrüne Areal. Überhaupt lasse sich noch gar nicht konkret sagen, was der Klimawandel, was der trockene Sommer 2018 den Bäumen angetan hat. „Genau wissen wir das erst in ein, zwei, drei Jahren. Wir müssen abwarten.“ Und im Stadtwald sei die Lage wieder anders als in der City. Die Bäume dort haben einen besseren, weil feuchteren Stand. „Aber der Käfer hält Einzug.“

Seit 2011 schafft der Mann aus Eppstein als Baumkontrolleur in Frankfurt, zuvor war er 25 Jahre bei einer privaten Baumpflegefirma. „Ich bin damit groß geworden“, sagt er, „das kommt von der Kindheit her. Das hat mich immer interessiert. Dann kam Wiebke.“ Der Orkan, der im März 1990 hereinbrach und mehr Holz fällte, als üblicherweise im ganzen Land binnen zwei Jahren geschlagen wird. Peter Kistinger beschloss, ins Forstwesen einzusteigen, erst zum Holzrücken, dann immer tiefer ins Fachliche. 

„Wieso, weshalb, warum?“

„Der Umgang mit unseren Bäumen hat sich sehr verändert“, sagt er, „es gibt mehr Richtlinien, viel mehr Augenmerk darauf, dass kontrolliert wird. Ich finde das gut.“ Wenn etwas passiere, werde genauer geprüft: „Wieso, weshalb, warum?“

Passiert ist immer wieder mal etwas in den vergangenen Jahren, im Holzhausen-, im Brentano-, im Günthersburgpark fielen Bäume um. Mal war es eine unentdeckte Überschwemmung, die die Standfestigkeit raubte, mal fraß sich ein Pilz in den Stamm. „Der Hallimasch ist ein ganz gemeiner Pilz“, sagt Kistinger und seufzt. „Wenn man den nicht durch Zufall entdeckt, wird es sehr, sehr schwer. Man sieht ihn von außen nicht.“

Arbeitsgerät des Baumkontrolleurs ist ein schlanker Tablet-PC, in dem alles abzurufen ist: Name, Art, Nummer, Pflanzjahr des Baums, Höhe, viele verschiedene Angaben zur Vitalität und eine Lagekarte. Die Bäume, die Peter Kistinger schon begutachtet hat, sind grün markiert, die anderen rot. „Jeden einzelnen Baum muss ich abhaken.“

Für seine Momentaufnahme zückt der Kontrolleur mal einen Stechbeitel, mal einen Hammer. Klopfklopf, klopfklopf. An die Kastanie. „Hören Sie den Unterschied?“ Klopfklopfklopf. „Hier ist es fester.“ Klopfklopf. „Da hohler.“ Schlimm? „Jetzt obliegt es mir zu entscheiden. Aber das ist erst mal okay.“ Wenn es nicht okay wäre, gäbe es verschiedene Möglichkeiten: eine sogenannte eingehende Untersuchung mit aufwendiger Technik, Leiter oder Hubsteiger. Einen Grundsicherungsschnitt. Oder die Fällung. Davor jedoch steht immer das Vier-Augen-Prinzip. Ein Kollege schaut es sich an. „Wir arbeiten Hand in Hand.“

Manchmal ist sie nicht sehr angenehm, die Arbeit. „Was meinen Sie, wie viele Spritzen ich hier finde?“ Exkremente in den dunklen Ecken der Taunusanlage. Aber der Beruf hat auch viele gute Seiten. Die Vögel zwitschern. In der Rosskastanie ist ein Nest, knapp unterhalb einer leicht faulen Stelle. Was nun? Klopfklopf. „Nichts Schlimmes.“ Sicher? Und dann sagt Peter Kistinger etwas sehr Schönes: „Ich kenne diesen Baum schon lange.“ Er vertraut ihm.

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