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Holocaust-Überlebende besucht Ausstellung zu NS-Raubgut: Emotionale Begegnung mit der Vergangenheit

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Von: Anja Laud

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Monique Reisner (Mitte) geht mit Bernhard Wirth und Ulrike Vogl durch die Ausstellung.
Monique Reisner (m.) geht mit Bernhard Wirth und Ulrike Vogl durch die Ausstellung. © Oeser

Die 81-jährige Holocaustüberlebende Monique Reisner besucht die Ausstellung „StolperSeiten“ in der Frankfurter Universitätsbibliothek. Diese hat noch NS-Raubgut in ihren Beständen.

Frankfurt – In der Ausstellung „StolperSeiten“, in der die Universitätsbibliothek Zwischenergebnisse aus einem Provenienzforschungsprojekt präsentiert, beugt sich die 81-jährige Monique Reisner über ein Blatt, auf dem Bücher und Gemälde aufgelistet sind. Geschrieben hat die Liste einst eine Jüdin, die im Dritten Reich hoffte, nicht nur ihr Leben, sondern auch ihren Besitz zu retten. Den Eltern von Monique Reisner gelang das erste, doch ihr Vater verlor fast alles, was er besaß. Als die Holocaustüberlebende, die in Frankreich lebt, durch Zufall von der Ausstellung in einem FR-Artikel las, war ihr sofort klar, sie wollte sie unbedingt sehen.

„Ich suche nicht nach dem Besitz meines Vaters. Es ist wichtig, dass die Geschichte aufgearbeitet wird. Deshalb bin ich dem Team der Provenienzforschung der Universitätsbibliothek dankbar, dass es diese Arbeit macht“, sagt Monique Reisner, die heute in Nizza lebt, gleich zu Beginn der Führung, zu der Bernhard Wirth, Leiter des Provenienzprojekts, und die Provenienzforscherin Ulrike Vogl sie eingeladen haben.

Ausstellung zu NS-Raubgut in Frankfurt: 80.000 Bücher sollen untersucht werden

Das Forschungsprojekt der Universitätsbibliothek, das auf vier Jahre angelegt ist, befasst sich mit NS-Raubgut, das sich noch in ihren Beständen befindet. 80.000 Bücher wollen Vogl und ihr Kollege Daniel Dudde mit Hilfe studentischer Hilfskräfte bis 2024 auf ihre Herkunft untersuchen. Beide haben die Ausstellung kuratiert, die bis 28. August in der Zentralbibliothek in Bockenheim zu sehen ist.

Die Ausstellung

Die Ausstellung „StolperSeiten – NS-Raubgut in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main“ ist bis 28. August im Schopenhauer-Studio in der Zentralbibliothek der Universitätsbibliothek, Bockenheimer Landstraße 134-138, zu sehen.

Geöffnet ist sie dienstags bis sonntags jeweils von 13 bis 18 Uhr.

Führungen durch die Ausstellung sind für Donnerstag, 4. August, 16: Uhr,

Samstag, 13. August , 14: Uhr, sowie

Donnerstag, 18. August, 16: Uhr, geplant.

Anmeldungen für die Führungen werden online unter der E-Mail-Adresse events@ub.uni-frankfurt.de angenommen.

Auf dem Youtube-Kanal der Goethe-Universität findet sich zudem ein knapp achtminütiger Dokumentationsfilm über die Arbeit der Provenienzforschenden in der Universitätsbibliothek. Der Link zu dem Film findet sich auf der Homepage der Universitätsbibliothek unter der Überschrift „Raubgut im Film“. lad

www.ub.uni-frankfurt.de

Die Liste, die die Jüdin Jenny Merzbach einst schrieb, berührt Monique Reisner. Ihr Vater muss eine ähnliche geschrieben haben, als er sich 1939 zur Flucht entschloss. Er hatte in Berlin ein Import- und Export-Unternehmen und wollte in die USA gehen. Eine Spedition sollte seinen Besitz nach Le Havre bringen, damit er von dort verschifft werden konnte. Doch nichts kam je an. „Acht Tonnen Möbel, Skulpturen und Bücher – alles wurde geplündert“, sagt die 81-Jährige.

Ausstellung in Frankfurt: Schwere Kindheit einer Holocaust-Überlebenden

Ihr Vater wartete in Paris auf sein Visum. Er lernte Monique Reisners Mutter kennen, die nach Palästina auswandern wollte. Doch der Krieg machte alle Ausreise-Pläne zunichte. Mit ihr hochschwanger kam ihre Mutter in das Konzentrationslager Camp de Gurs, das im Auftrag der Nazis von der Vichy-Regierung betrieben wurde. Ihrem Vater gelang es, mit dem, was er noch hatte, sie und weitere mit ihnen verbundene Personen freizukaufen. Alle, insgesamt sieben Erwachsene und Monique, die inzwischen geboren war, überlebten den Holocaust versteckt in einer kleinen Wohnung in Nizza. „Es lagen überall Matratzen, es war eng. Ich habe erst sehr spät sprechen gelernt“, erzählt die 81-Jährige.

Nach dem Krieg lebte die Familie in Paris. „Mein Vater liebte es, mit mir auf Auktionen zu gehen. Ich glaube, er hat gehofft, irgendetwas noch zu finden“, sagt Monique Reisner. Sollte noch etwas aus seinem Besitz auftauchen, wäre sie an einer Restitution interessiert? „Nein“, sagt sie, das sei die Geschichte ihres Vaters, nicht die ihre.

Die Nachfahren Verfolgter reagierten unterschiedlich, wenn ein Buch von Angehörigen gefunden werde, sagt Ulrike Vogl. „Manche wollen nicht an die Vergangenheit erinnert werden, andere freuen sich, wenn sie etwas zurückerhalten, weil es das einzige ist, was ihnen von ihren Angehörigen bleibt.“ Später erzählt sie noch von israelischen Besuchern, die sich die Ausstellung angeschaut haben. Sie hätten die Liste von Jenny Merzbach in der Vitrine gesehen und erzählt, dass sie Nachfahren von ihr kennen. (Anja Laud)

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