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Frankfurt: „Unsere Familie war immer gegen Nazis eingestellt“

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Von: Thomas Stillbauer

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Hedwig Wittekind, die Bildhauerin, Aufnahme von 1935.
Hedwig Wittekind, die Bildhauerin, Aufnahme von 1935. © Sammlung Bonavita

Ein Buch über die Rettung eines kleinen jüdischen Mädchens wird am Mittwoch im Frankfurter Haus am Dom vorgestellt. Zwei Zeitzeuginnen erinnern sich.

Adelheid Müller-Hess stammt aus einer Hanauer Familie, studierte Musik und war SPD-Mitglied. 1938 heiratete die talentierte Sängerin den Berliner Orchestermusiker Werner Müller. Das jüdische Paar musste sich und seine kleine Tochter mit Aushilfstätigkeiten über Wasser halten; Konzerte verbot die Gestapo. Beide engagierten sich im Widerstand gegen Hitlers Regime. Als sie untertauchen mussten, nahm die Bildhauerin Hedwig Wittekind die Familie bei sich auf. Und als sich das Netz des NS-Terrors weiter zuzog, bewahrte sie das Kind vor dem Zugriff der Mörder.

Die Geschichte der kleinen Hanna, die in Wirklichkeit anders heißt, und ihrer Rettung vor den Nazis erzählt die Frankfurter Soziologin und Autorin Petra Bonavita in ihrem äußerst lesenswerten Buch „Die Bildhauerin und das Kind“. Sie hat Zusammenhänge recherchiert, mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gesprochen, und sie konnte auf eine einzigartige Quelle zurückgreifen: die Aufzeichnungen von Hedwig Wittekind, der Künstlerin.

Wie sie die Müllers in Berlin kennenlernt; wie ihr die prekäre Lage klar wird, in der sich die jüdische Familie befindet; wie sie beschließt, dass etwas geschehen muss; und was Menschen mit Herz alles auf sich nehmen, um die Situation der verbotenen Wohngemeinschaft nach außen hin unverdächtig erscheinen zu lassen – das erzählt sie so direkt, und es liest sich auch heute noch so dramatisch und unmittelbar, dass man sofort gefangen ist.

„Als ich eines Tages den Vaga am Telefon fragte: ,Wie geht’s Müllers?‘ – ,Angst, Angst‘, sagte er nur. Und die Zeit verstrich. Aber wenn man ins Wasser fällt, kann man nur schwimmen oder untergehen. Und wenn man sieht, daß eine Verzögerung den Untergang bedeutet, kommt man auch schnell zu einem Entschluß“, schreibt Wittekind.

Der Entschluss: die Familie aufnehmen. Und später: wenigstens das Kind vor dem Zugriff des Hitler-Regimes bewahren. Die Umstände beschreibt Petra Bonavita intensiv und mit vielen Zeitdokumenten, wie man es aus ihren früheren Veröffentlichungen kennt. Und sie bewirkt etwas mit ihren Rettungsgeschichten: Sie erreicht die Menschen – sogar Menschen, die selbst dabei waren.

Nach einem ersten Hinweis in der Frankfurter Rundschau, auf einer Bücherseite vor Weihnachten, erinnerten sich zwei Frauen daran, dass sie Teil dieser besonderen Rettungsgeschichte waren. Und das kam so.

Bildhauerin Wittekind brachte das Kind, als die Gefahr 1943 für die jüdische Familie immer größer wurde, aus Berlin in ihre Heimatstadt Büdingen und ließ den Eindruck zu, es handele sich um ihre uneheliche Tochter. Was die Gesellschaft dort zwar die Nase rümpfen, aber keinen Verdacht schöpfen ließ. Zumindest wurde das kleine Kind nicht verraten. Im Gegenteil.

Eines Tages nämlich ging Wittekind mit Hanna ins Büdinger Café Hell – das es übrigens heute noch gibt – ein Eis essen. Weil die zwei auf einem ungemütlichen Platz saßen, lud eine Dame sie an ihren Tisch ein. Dort saß bereits die Tochter der Dame, Charlotte Störkel, genannt Lotte, mit ihren drei Kindern. Sie sollten im weiteren Verlauf eine wichtige Rolle spielen. Denn die Familie, wegen des Kriegs aus Frankfurt ausquartiert, „Landverschickung“, wie das hieß, nahm das Kind Hanna für einige Wochen bei sich im kleinen Ort Michelau bei Büdingen auf. Federführend dabei: Lotte Störkel, damals 29.

„Sie war ein Mensch ohne Arg“, sagt Ursula Kiesow, Störkels Tochter, damals sechs Jahre alt, über ihre Mutter. „Sie hätte niemals mit Absicht jemandem geschadet.“ Das bestätigt Yvonne Gennaro, Störkels jüngere Schwester: „Sie war eine impulsive Person mit einem großen Herzen.“

Eine schöne Fügung, dass die beiden betagten Damen nun selbst berichten können, animiert durch Petra Bonavitas Buch, in dem sie den Namen ihrer Mutter und Schwester entdeckten – und die Szene im Café Hell.

„Es war eine wundersame Geschichte“, sagt Yvonne Gennaro im Telefongespräch mit der FR. Sie ist nicht mehr gut zu Fuß, auch die Augen wollen nicht mehr wie früher, aber sie ist von einer ansteckenden Vitalität. „Ich werde bald 95“, sagt sie keck. „Warum?“

BUCH UND LESUNG

„Die Bildhauerin und das Kind“ (Schmetterling Verlag, 181 Seiten, 19,80 Euro) erzählt die Geschichte der Künstlerin Hedwig Wittekind, die das jüdische Mädchen Hanna im Zweiten Weltkrieg vor den Nationalsozialisten versteckte, unter anderem in Büdingen. Die Frankfurter Autorin Petra Bonavita recherchiert seit vielen Jahren die Schicksale und die Rettungsgeschichten von Menschen aus der Region während der NS-Schreckensherrschaft.
Am Mittwoch, 23. Februar, von 19.30 bis 21.30 Uhr, liest Bonavita im Haus am Dom aus dem Buch. Bei der Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem Studienkreis Deutscher Widerstand ist Kathi Hartwig dabei, Großnichte von Hedwig Wittekind. Der Eintritt ist frei, für die Anmeldung fällt aber eine Servicegebühr von einem Euro an. Außerdem kann die Veranstaltung online auf Youtube verfolgt werden. Informationen unter hausamdom-frankfurt.de oder telefonisch: 069/800 87 18-0.

Die wundersame Geschichte also. Selbst in Büdingen habe es einen Schwarzmarkt gegeben während des Kriegs, eine geheime Tauschbörse, und da trafen sich besonders die findigen Frauen. Die zugeteilten Tabakmarken tauschten sie gegen Wertgutscheine für Speiseöl oder Zucker. „Das Café Hell war so ein halbgeheimer Ort“, sagt Yvonne Gennaro, damals Teenagerin. „Es gab Muckefuck und einen armseligen Kuchen.“ Der Familie fiel eine Frau auf, wildes Haar, ein besonderer Ausdruck im Gesicht. „Später haben wir erfahren, es ist die Künstlerin Hedwig Wittekind.“

Mit Blicken habe man sich verständigt in jener Zeit. Erkannt, wem man vertrauen kann und wem nicht. „Unsere Familie war immer gegen Nazis eingestellt“, sagt Ursula Kiesow, ihrerseits Mitte achtzig. Und international, mehrsprachig aufgewachsen. Der Großvater Franzose, der Urgroßvater Italiener; Yvonne Gennaro heiratete später einen Sizilianer, „natürlich“, sagt sie lachend.

Die Frauen im Büdinger Kriegsexil jedenfalls verstanden sich auf Anhieb. Wittekind lud nun ihrerseits die Café-Bekanntschaften zu sich in die Bahnhofstraße 19 ein, um das vereinbarte Tauschgeschäft abzuwickeln und Zeit miteinander zu verbringen. „Das kleine blasse Mädchen war im Nebenzimmer“, erinnert sich Gennaro. „Und Hedwig Wittekind hat vor uns kein Geheimnis daraus gemacht, dass es das Kind einer jüdischen Familie ist.“ Was geschah als Nächstes? „Meine Schwester hat die Kleine sofort zu sich genommen. Die Künstlerin hatte ja keine Lebensmittelmarken für das Kind.“

Ursula Kiesow gibt heute zu, dass sie, die Sechsjährige, ein wenig eifersüchtig auf die neue Mitbewohnerin gewesen sei. „Sie bekam eine besondere Aufmerksamkeit.“ Viele Jahre später machte sie das vor sich selbst wieder gut: Sie benannte ihre Tochter nach Hanna – also nach dem wahren Namen von Hanna, der hier verschwiegen bleibt.

„Es war eine angstbesetzte Zeit“, sagt Kiesow heute. „Wenn die Erwachsenen mit gedämpfter Stimme sprechen, dann kriegt man das ja mit.“ Und doch sei ihre Mutter Lotte Störkel unverdrossen mit Menschlichkeit vorangegangen. „Sie brachte den Armen, den Kriegsgefangenen, den Zwangsarbeitern etwas zu essen – und wenn es nur eine Kartoffel war.“ Im Gegenzug brachten die anderen aus Dankbarkeit selbst gebasteltes Holzspielzeug.

In Michelau spitzten sich die Ereignisse zu – Hanna wurde plötzlich krank, ein Arzt musste kommen. Der wurde misstrauisch und informierte das Jugendamt. Mit dem Ergebnis, dass das Kind nach vielen bangen Momenten schließlich in einem Kinderheim der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) landete, ohne dass die Behörden ahnten, wen sie vor sich hatten. „So nahm die NSV ein kleines jüdisches Mädchen auf, ein wahrscheinlich einzig dastehender Fall im Reiche Adolf Hitlers“, schreibt Wittekind. Und Yvonne Gennaro fügt heute hinzu: „Was für ein Glück, dass sie ein Mädchen war.“ Bei einem Jungen, sagt sie, hätten sie doch im Heim gesehen, dass er beschnitten gewesen wäre.

Erst später erfuhr Wittekind, dass die Gestapo schon lange hinter Hanna her gewesen war. Warum sie sie nicht fanden? Sicher auch, weil tapfere Frauen in Büdingen und Michelau alles für sie riskierten – als „Verschwörerbande“, sagt Ursula Kiesow.

Sie erzählt gern von einem Mann, der gegen Kriegsende lauthals ankündigte, „wenn die Amis kommen, gehe ich ihnen mit einem Blumenstrauß entgegen“. Dann, nach all den Jahren der Angst und Entbehrung, rollten die US-Panzer an. „Das halbe Dorf stand voller Hangen und Bangen auf der Straße“, sagt Kiesow, „man wusste ja nicht, was passieren würde! Es gab ja immer noch durchgeknallte Nazis.“ Und dann sah sie ihn – den Mann mit dem Blumenstrauß. „Ich habe gerufen: Der macht das wirklich!“

Nach dem Krieg arbeitete Lotte Störkel eine Weile als Dolmetscherin für die Amerikaner, „bis einigermaßen Ordnung drin war“, sagt ihre Tochter, „es ging ja erst mal chaotisch zu“. Zu den Kindern habe sie gesagt: „Wir sind nicht in der Lage, große Reisen zu machen. Aber wir können die Tür aufmachen und die Welt zu uns hereinlassen“. Der Vater sei genauso offen und interessiert gewesen. „Es ist etwas, das mir Angst macht“, sagt Ursula Kiesow, die längst wieder in Frankfurt lebt, aber nie mehr im Café Hell in Büdingen war, „dass diese Offenheit heute nicht mehr selbstverständlich ist.“

Ihre Tante Yvonne Gennaro musste wegen des Krieges die Schule vor dem Abitur verlassen. „Dabei wollte ich doch Direktorin des Senckenberg-Museums werden!“ Doch es half ja nichts, sagt sie heute – und fügt einen Satz an, den wir schon bei Hedwig Wittekind gelesen haben: „Ich musste eben ins Wasser springen und schwimmen.“ Sie kehrte Ende 1945 in die halbzerstörte Wohnung in Sachsenhausen zurück. Heute lebt sie in Maintal.

Ihre große Schwester Lotte Störkel ist nicht mehr am Leben, ebenso wenig Hedwig Wittekind, die 1949 starb, und Hannas Vater Werner Müller, der im Konzentrationslager umkam. Hannas Mutter Adelheid Müller-Hess schaffte nach dem Krieg die Karriere als Opernsängerin, die ihr die Nazis noch verwehrt hatten, und wurde später Musikprofessorin.

Und Hanna selbst? Wer am Mittwoch die Lesung verfolgen oder die ganze Geschichte im Buch lesen will, kann ja hier die folgenden letzten Zeilen aussparen. Den anderen sei verraten: Hanna hat Kinder und Enkelkinder, sie lebt in Süddeutschland – als Künstlerin. Aber Hanna heißt sie immer noch nicht.

Adelheid Müller-Hess und das Kind nach der Rettung, ca. 1946.
Adelheid Müller-Hess und das Kind nach der Rettung, ca. 1946. © Sammlung Bonavita
Lotte Störkel nahm das Kind spontan für einige Wochen zu sich.
Lotte Störkel nahm das Kind spontan für einige Wochen zu sich. © Sammlung Bonavita
Bahnhofstraße 19 in Büdingen, Wohnhaus von Hedwig Wittekind, eines der Verstecke.
Bahnhofstraße 19 in Büdingen, Wohnhaus von Hedwig Wittekind, eines der Verstecke. © Sammlung Bonavita
„Ich will nur denken, dass Du lebst“. Worte von Hedwig Wittekind auf einem Foto ihres Freundes Werner Müller, Vater des Kindes. Er starb 1945 im Konzentrationslager.
„Ich will nur denken, dass Du lebst“. Worte von Hedwig Wittekind auf einem Foto ihres Freundes Werner Müller, Vater des Kindes. Er starb 1945 im Konzentrationslager. © Sammlung Bonavita

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