Mit 18 Stimmen wurde Enrico Schleiff zum Präsidenten gewählt.
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Mit 18 Stimmen wurde Enrico Schleiff zum Präsidenten gewählt.

Porträt

Frankfurt: Uni-Präsident in schwierigen Zeiten

  • Georg Leppert
    vonGeorg Leppert
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Von Januar an will Enrico Schleiff die Exzellenz an der Frankfurter Hochschule stärken.

Er hat gewonnen, aber man sieht es ihm kaum an. Scheinbar emotionslos sitzt Enrico Schleiff am Mittwochnachmittag bei der Pressekonferenz in der Goethe-Universität auf dem Podium. Als Olaf Kaltenborn, der Pressechef der Frankfurter Hochschule, Schleiff um sein Statement zu seiner Wahl zum Unipräsidenten bittet, sagt dieser, was man halt so sagt. Er freue sich über das Ergebnis und habe großen Respekt vor seiner Vorgängerin, Birgitta Wolff. Dann nennt er noch zwei Stichpunkte, was er sich für seine sechsjährige Amtszeit vorgenommen hat (Forschungsallianz gründen, Internationalisierung fördern). Viel mehr ist nicht. Noch ein paar Fotos im Foyer, dann lässt Enrico Schleiff die Journalisten zurück. Wer an diesem Tag glaubt, von der Wahl könne ein Aufbruch für die Goethe-Universität ausgehen, muss ein großer Optimist sein.

Zumal es am Mittwoch ohnehin weniger um den neuen Präsidenten geht. Im Mittelpunkt von Fragen und Berichterstattung stehen die Umstände dieser Wahl, die wohl nur deshalb nicht gescheitert ist, weil Amtsinhaberin Birgitta Wolff vor dem dritten Wahlgang ihre Kandidatur zurückgezogen hat. In den ersten beiden Abstimmungsrunden bekam weder sie noch Schleiff die erforderliche Mehrheit von 18 Stimmen im Senat, und nichts deutete darauf hin, dass sich daran etwas ändern würde. Viele der 34 Stimmberechtigten gaben ungültige Voten ab. Sie wollten dagegen protestieren, dass der Hochschulrat nur Wolff und Schleiff zur Wahl zugelassen hatte, nicht aber zwei weitere Kandidaten, darunter den aussichtsreichen Bewerber Holger Horz.

Im dritten Wahlgang reicht es haarscharf

Im dritten Wahlgang reichte es dann haarscharf für Schleiff. Zwar versuchten alle Beteiligten am Mittwoch das Thema kleinzureden, doch klar ist: Eine Werbung für Hessens größte Hochschule war diese Wahl nicht. Matthias Kleiner, der Vorsitzende des Hochschulrats, wirkte dann auch einigermaßen genervt. Dass Schleiff in dieser Umgebung nicht in Jubel ausbrechen wollte, ist mehr als verständlich.

Donnerstagvormittag, der Tag nach der Wahl. Die Journalisten erleben Enrico Schleiff ganz anders. Fröhlich und aufgeräumt wirkt er und vor allem voller Tatendrang. Er nimmt sich Zeit für Interviews und sagt Sätze wie: „Wir haben noch viel vor und sollten jetzt die Ärmel hochkrempeln und es einfach machen.“ Enrico Schleiff, 48 Jahre alt, Professor für Molekulare Zellbiologie der Pflanzen, freut sich auf sein Amt, das er im Januar antreten wird.

Internationalisierung wichtig

Er wird einiges zu tun haben, denn die Goethe-Universität hat im Wettbewerb der Hochschulen an Boden verloren. Rudolf Steinberg, einer von Schleiffs Vorgängern, hatte im FR-Interview kurz vor der Wahl den Finger in die Wunde gelegt und das Scheitern in der Exzellenzinitiative beklagt. Auch Schleiff weiß, dass er an dieser Stelle ansetzen muss. Er halte es „mit dem Humboldtschen Anspruch: Exzellente Lehre erwächst aus exzellenter Forschung“, sagt er. Insofern sei die Exzellenzstrategie von großer Bedeutung: „Doch auch jenseits von Wettbewerben gibt es Spitzenforschung an der Goethe-Universität – das erleben wir gerade wieder zum Beispiel bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie.“ Tatsächlich werden Forscherinnen und Forscher der Goethe-Universität derzeit oft zitiert: etwa die Virologen Sandra Ciesek und Martin Stürmer. Doch Hochschulen werden heutzutage nicht daran gemessen, wie oft ihre Professoren Interviews geben. Entscheidend sind Rankings. Und viele hatten geglaubt, dass die Goethe-Uni jetzt, wo der Umzug auf den wunderschönen Campus Westend fast abgeschlossen ist, weiter vorne stehen würde.

Damit es keine Missverständnisse gibt: Die Frankfurter Universität ist beliebt. Vielleicht gar zu beliebt. Mehr als 46 000 Studierende sind eingeschrieben. „Wir sind jetzt an einem Punkt, an dem wir sagen müssen: Mehr geht nicht“, sagt Schleiff. Die Höchstzahl von Studierenden sei „eigentlich schon überschritten“. Schließlich sollten aus Seminaren keine Vorlesungen werden.

Ein Semester ins Ausland gehen

Den Studierenden möchte Enrico Schleiff, der von 2012 bis 2018 Vizepräsident der Uni war, etwas bieten. Jeder sollte die Möglichkeit haben, mindestens ein Semester ins Ausland zu gehen. Er selbst hat in Prag und in Basel studiert und in Montreal gearbeitet. Hinzu kommen zahlreiche deutsche Hochschulen und Forschungseinrichtungen, an denen der Biologe Spuren hinterlassen hat. Er erwarte aber gar nicht, dass die Studierende so viel herumkämen wie er, „aber die Chance sollte jeder haben“.

Die Goethe-Universität sei „ein Motor in Stadt und Region“, sagt er und spricht über die neue Unibibliothek und die geplante Campusmeile am Alleenring. Beide Projekte hätten „eine hohe symbolische Bedeutung für mehr öffentliche Sichtbarkeit von Wissenschaft“.

Und wo steht Enrico Schleiff politisch? Beobachter beschreiben ihn als liberalen Hochschulpolitiker, dem viel an einem konfliktfreien Miteinander an der Uni gelegen sei. Lehnt er also Studiengebühren ab? Da lacht der künftige Präsident kurz – und lässt sich nicht locken: „Ich gehe fest davon aus, dass die Einführung von Studiengebühren in den nächsten Jahren politisch überhaupt nicht zur Debatte steht.“

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