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Nach tödlichem Unfall in Frankfurt: Ein Urteil, das „niemand mehr lebendig macht“

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Von: Stefan Behr

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Der Unfallort in der Hügelstraße in Frankfurt-Ginnheim im Dezember 2020.
Der Unfallort in der Hügelstraße in Frankfurt-Ginnheim im Dezember 2020. © Bernd Kammerer

Ein Lastwagenfahrer überrollte in Frankfurt Ginnheim einen Radfahrer. Nun spricht das Amtsgericht das Urteil aus und legt die Strafe fest.

Frankfurt - Das letzte Wort hat wie immer der Angeklagte. „Es tut mir so leid!“, sagt Maxim S. am Donnerstagmittag (06.01.2022) vor dem Amtsgericht, bevor er wegen fahrlässiger Tötung zu einer Bewährungsstrafe von zehn Monaten verurteilt wird. Sein letztes Wort ist eine Kurzfassung des Entschuldigungsbriefes, den der 56 Jahre alte Lkw-Fahrer kurz nach dem tödlichen Unfall an die Familie des Opfers geschrieben hatte. Laut Gerichtsurteil muss er der Familie nun auch 5000 Euro zahlen, die, wie der Richter betont, aber „niemanden mehr lebendig machen“.

Am 9. Dezember 2020 steht S. mit seinem Lastwagen vor einer roten Ampel in der Straße Ginnheimer Hohl in Frankfurt und will nach rechts in die Hügelstraße abbiegen. Rechts neben ihm steht der 73 Jahre alte Günther W., der mit seinem Elektrorad geradeaus fahren will. Als die Ampel auf Grün umspringt, wird W. vom Laster überrollt. Er erliegt kurz darauf im Krankenhaus seinen Verletzungen.

Tödlicher Unfall in Frankfurt: Augenzeugin sagt über Vorfall aus

Es ist ein Unfall nach klassischem Muster. Erst vor wenigen Wochen wurde vor dem Amtsgericht ein Prozess gegen einen Lkw-Fahrer geführt, dem Ähnliches in der Berger Straße widerfahren war. Denn solche Unfälle zeichnen auch ihre Verursacher. Der Unfallfahrer aus der Berger Straße war danach dauerhaft arbeitsunfähig, Maxim S. nur begrenzte Zeit.

Der Unfall ist bestens dokumentiert: Ein entgegenkommender Autofahrer hatte alles mit seiner installierten Dashcam aufgenommen, vor Gericht bleiben keine Fragen offen. Als Reaktion auf den Unfall hatte die Stadt 2021 umfangreiche Verbesserungen für die Sicherheit der Radler an dieser Ecke vorgenommen.

„Er konnte den Radfahrer nicht sehen“, ist sich eine Augenzeugin sicher. Die Radfahrerin war kurz zuvor in Frankfurt von W. überholt wurden und stand hinter ihm an der Ampel. Als es grün wird, fährt sie nicht los: „Ich war mir sicher, dass ich im toten Winkel des Lasters stehe.“

Augenzeugin sagt nach Unfall in Frankfurt vor Gericht aus: „Erst danach geschrien“

Ebenso wie W., der mit seinem Rad „direkt neben der Fahrerkabine stand“. Als sie sieht, dass W. losfährt, packt sie das Entsetzen, aber sie schreit nicht. „Ich habe gehofft, dass er mit seinem E-Bike schneller ist. Geschrien habe ich erst danach.“

Auch ein anderer Augenzeuge berichtet von dem Unfall. Er hatte das Opfer persönlich gekannt, sie waren zusammen im Karnevalsverein, „bei uns im Stadtteil ist es wie auf dem Dorf“. Er habe sich keine großen Sorgen um W. gemacht, als er ihn neben dem Lkw habe stehen lassen. W. sei in Sachen Radfahren „ein alter Hase“ gewesen.

Der Inhaber eines Ginnheimer Fahrradladens habe wie üblich „sein Enkelkind von der Schule abholen wollen“, das hat er jeden Tag gemacht. Und er selbst sei davon ausgegangen, dass der Lkw-Fahrer W. schon bemerken werde, sagt er, will den Fahrer aber nicht schuldig sprechen. Er sei selbstständiger Unternehmer und beschäftige als solcher immer wieder auch Lastwagenfahrer. Und er wisse aus leidvoller Erfahrung, dass es immer wieder die eine Seite ist, die Rad- und auch Lkw-Fahrern zum Verhängnis wird: „Rechts ist immer die Teufelsseite.“ (Stefan Behr)

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