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Frankfurt

Frankfurt und seine Armut: „Das ist unwürdig für eine Stadtmit Luxus-Wohnhochhäusern“

  • Jutta Rippegather
    VonJutta Rippegather
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Frankfurts neuer Gesundheitsamtschef Tinnemann über das Großartige der Behörde, seine Rolle als politischer Ratgeber, gut aufgestellte Schulen und notwendige Korrekturen im Kampf gegen Corona.

Covid-19, in Frankfurt landen die Evakuierungsflüge aus Afghanistan: Der neue Chef des Frankfurter Gesundheitsamts tritt seine Stelle in unruhigen Zeiten an. Was Peter Tinnemann morgens beim Radeln vom Bahnhofsviertel in die City irritiert, ist die offensichtliche Kluft zwischen Arm und Reich in Frankfurt. Diese Bilder, sagt er, kenne er aus Berlin nicht.

Herr Tinnemann, gerade hatten Sie Ihren ersten Einsatz am Flughafen. Sie mussten sich um Passagiere aus Afghanistan kümmern. Was haben Sie dabei erlebt?

Das Frankfurter Gesundheitsamt kann Krisen und Notfälle. Das passt gut, weil ich auch schon in internationalen Krisensituationen gearbeitet habe. Anfangs war nicht klar, wer in den Evakuierungsflügen sitzt. Als Gefahrenabwehrbehörde haben wir ein starkes Augenmerk auf Infektionskrankheiten, speziell Covid-19. Am späten Samstagnachmittag kam die Einladung der Bundespolizei zur Telekonferenz, nachts um ein Uhr trafen wir uns am Flughafen mit den anderen Akteuren. Dazwischen haben wir im Gesundheitsamt Teams zusammengestellt und das Equipment eingepackt. Ein Team ist direkt in das Flugzeug reingegangen, um sich einen Überblick zu verschaffen.

War akut medizinische Hilfe notwendig?

Es gab tatsächlich ein kleines Kind, das einen medizinischen Notfall hatte, das wurde gleich in die Uniklinik verlegt. Die anderen Passagiere sind mit Bussen ins Medical Assessment Center gefahren, wo alle gerne das Angebot eines Corona-Tests angenommen haben. Alle 140 hatten glücklicherweise negative Ergebnisse.

Da haben Sie vermutlich viele Leute kennengelernt, mit denen Sie künftig häufiger zu tun haben werden.

Ja, die Nähe zu Einrichtungen wie dem Flughafen ist ja eine der Besonderheiten des Frankfurter Gesundheitsamts. Dass wir die Kapazitäten für solche Einsätze haben, dass wir dafür geschult sind. Ich mache gerade meinen Führerschein für das Vorfeld. Das ist außergewöhnlich für ein Gesundheitsamt in Deutschland.

Was reizt Sie noch an Ihrer neuen Tätigkeit in Frankfurt?

Das Frankfurter Gesundheitsamt ist großartig. Schon von der Größe her einzigartig. In den letzten Jahren sind hier Strukturen entstanden, um auf Krisen schnell und effizient reagieren zu können. Es gibt innovative Ansätze wie die humanitären Sprechstunden – praktische medizinische und soziale Hilfe im geschützten Raum für Menschen, die nicht ins Regelsystem kommen. So was machen nur ganz wenige Gesundheitsämter. Die Größe unserer Behörde ermöglicht es, Fachexperten zu haben und diese auch auszubilden. Geballte Expertise wie hier finden Sie nirgendwo anders in der Republik.

Und was ist so toll an der Arbeit im Gesundheitsdienst?

Wir sind Gestalter, können politische Entscheidungen hinter den Kulissen mit beeinflussen. Mich interessiert speziell die Bevölkerungsmedizin. Nicht alleine die ärztliche Verantwortung für die Bevölkerung, sondern auch die Verhältnisse. Was macht Menschen krank? Was trägt dazu bei, sie gesund zu machen? Meine Arbeit als junger Mediziner in Haiti hat mich politisiert und das lässt mich seitdem nicht mehr los. Die Auseinandersetzung mit Unterernährung, HIV-Infektionen und gleichzeitig schlechten sozialen Verhältnissen. Wir als Gesellschaft tragen Verantwortung für die von uns benachteiligten Gruppen. Das ist unser Auftrag als öffentlicher Gesundheitsdienst.

Was ist Ihnen zu diesem Thema schon in Frankfurt aufgefallen?

Was mich irritiert, wenn ich morgens mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre, sind die Gruppen von Roma, glaube ich, die offensichtlich mit Matratzen irgendwo auf der Straße übernachten. Das ist nicht würdig für eine Stadt, in der Hochhäuser mit Luxuswohnungen stehen. Im krassen Gegensatz dazu die Armut auf der Straße – auch im Bahnhofsviertel, wo Menschen auf der Straße liegen. Das ist unwürdig. Das dürfen wir als Gesellschaft nicht einfach akzeptieren. Da müssen wir uns engagieren. Und das könnte erst der Anfang sein.

Sie gehen davon aus, dass die soziale Spaltung zunimmt?

Ich befürchte, dass wir die Auswirkungen der Corona-Pandemie in den nächsten Monaten oder Jahren noch stark zu spüren bekommen. Da geht es nicht darum, ob Maske tragen oder impfen doof ist. Es geht um Menschen, die ihre Jobs verlieren, die mental so herausgefordert sind, dass sie psychisch krank werden. Die durch die Pandemie einen Liebsten verloren haben oder langfristig krank sind. Womöglich werden weitere Bevölkerungsgruppen sozioökonomisch benachteiligt. Verarmen. Da müssen wir bereitstehen, sie unterstützen und die Politik alarmieren, dass hier Bedarf entsteht. Auch das ist unser Auftrag: Klarheiten herstellen und zu kommunizieren.

Zur Person

Peter Tinnemann , Jahrgang 1967, übernahm zum 1. Juni die Leitung des Frankfurter Gesundheitsamts. Er folgt auf René Gottschalk, der in den Ruhestand gegangen ist.

Der vierfache Vater studierte Medizin in Köln und Hamburg, approbierte sich 1997 und erwarb im selben Jahr ein Diplom in Tropenmedizin und medizinischer Parasitologie. Er promovierte 1999 in Hamburg.

In Haiti tätig war er erstmals in seiner Zeit als Arzt im Praktikum. Die Arbeit in unterschiedlichen internationalen Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen führte ihn später in viele andere Regionen der Welt.

In England arbeitete Tinnemann 2004 bis 2007 im nationalen Gesundheitsdienst, erwarb in dieser Zeit einen Master of Studies in Public Health an der Universität Cambridge. Seit 2016 ist er Facharzt für öffentliches Gesundheitswesen. Zuvor arbeitete er unter anderem an der Berliner Charité, im öffentlichen Gesundheitsdienst in Berlin und Brandenburg sowie als ärztlicher Referent an der Akademie für öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf.

Das Frankfurter Gesundheitsamt gehört zu den größten der Republik. Seine Aufgaben sind unter anderem amtsärztliche Untersuchungen, Bearbeiten von Leichenschauscheinen, Aids-Beratung, Schuleingangsuntersuchungen, Kinder- und Sozialpsychiatrie, Mundhygiene bei Kindern, Hygieneüberwachung in medizinischen und Gemeinschaftseinrichtungen, Hygiene des Trink- und Badebeckenwassers, Meldewesen Infektionserfassung.

Familienhebammen und Kinderkrankenschwestern des Gesundheitsamts unterstützen junge Familien in belastenden Lebenssituationen. Die kommunale Koordinierungsstelle Psychosoziale Notfallversorgung arbeitet eng mit Feuerwehr und Notfallseelsorge zusammen. 2014 wurde das interdisziplinäre Frankfurter Netzwerk für Suizidprävention (FRANS) gegründet. jur

gesundheitsamt.stadt-frankfurt.de

Aktuell sehen wir eine Spaltung zwischen Geimpften und Nichtgeimpften. Wie lassen sich die Menschen mehr zum Impfen motivieren?

Wir müssen noch besser kommunizieren und informieren. Direkt zu den Menschen hingehen. Ich erwarte auch, dass sich nach den Ferien viele Teenies impfen lassen wollen.

Sind wir in Frankfurt zum Schulanfang gut aufgestellt?

Ja. Die Schulen haben viel Erfahrung mit Testung und Maskentragen. Die Kids machen das super. Wir haben mit den Schulen Konzepte entwickelt, die wissen, wie sie zu agieren haben, wenn ein Kind positiv getestet ist. Meine Kollegen haben ja schon vor meiner Amtszeit analysiert, dass das Risiko, dass Kinder das Virus übertragen, gering ist.

Dafür erntete ihr Vorgänger viel Kritik. Auch wegen seiner Zweifel am Sinn von Luftfiltern.

Ich weiß das. Aber ich bin komplett auf der gleichen Linie. Auch das ist die Besonderheit am Frankfurter Gesundheitsamt: Dank vieler Zahlen ist es in der Lage, gute Aussagen treffen zu können. Wir haben die Experten hier, haben das Volumen. Das Beste ist in regelmäßigem Abstand eine vernünftige Frischluftzufuhr. So eine Brummkiste in die Ecke zu stellen, die ein bisschen Luft unten ansaugt und oben wieder rauspustet, ist rausgeworfenes Geld. Da hätte die Politik rationaler reagieren müssen. Wir haben gute Konzepte, Maskentragen ist das effektivste. Wir müssen aufhören zu diskutieren. Maskentragen in engen Situationen muss zur Routine werden. Das ist die Realität mit Corona.

Kann Ihre Behörde die Kontaktverfolgung im Moment noch leisten? Die Zahlen steigen durch die ansteckendere Delta-Variante rasant.

Wir bereiten uns gerade mit Hochdruck auf die von uns nicht so früh erwarteten hohen Steigerungszahlen vor. Im Moment fehlen uns die Bildschirme für die zwei zusätzlichen Räume, die wir geschaffen haben. Wir können die Leute anrufen, aber nicht so schnell wie noch vor sechs Wochen. Unser Personal ist zum Teil noch im Urlaub, den es dringend zur Erholung benötigt. Wir haben auch noch viel nachzuholen: Schuleingangsuntersuchungen, die Feuerwehrleute müssen amtsärztlich untersucht werden, sonst wird dort das Personal knapp. Wir können nicht die ganze Zeit Corona machen. Ich möchte mehr originäre Aufgaben machen können.

Ist die Politik der Kontaktnachverfolgung Unsinn?

Die Ansteckungsraten sind derzeit vor allem in den jüngeren Gruppen hoch, die Impfempfehlung relativ neu und die Youngsters feiern am Mainufer ohne Abstand. Das ist schön und auch ganz wichtig. Aber da passieren Infektionen. Die meisten Veranstalter lassen sich von uns beraten. Von der Messe bis zur Eintracht. Aber wenn 300 Kids feiern und eines davon infiziert ist, muss ich alle 300 anrufen, das frisst unsere Ressourcen. Daher muss man die Frage stellen ob das sinnvoll ist, denn die Kids werden sowieso in den seltensten Fällen ernsthaft krank.

Was wäre die Alternative zur Kontaktverfolgung?

Wer positiv getestet wird, informiert seine Freunde und Verwandte selber. Die Whatsapp-Gruppen müssen glühen. Nach eineinhalb Jahren müssten die Leute wissen, was zu tun ist. Ich möchte die Ressourcen lieber nutzen für Leute, die ein besonderes hohes Risiko haben und die noch nicht geimpft sind. Die in prekären Verhältnissen leben, in engen Wohnungen, darum muss man sich kümmern. Dort würde ich lieber meine Leute hinschicken, als 500 Besucher einer Technoparty anzurufen.

Was wünschen Sie noch von der Politik?

Es geht nicht, dass man in Hessen 2G-Veranstaltungen mit Tausenden von Leuten machen darf, ohne uns zu informieren. Die Daten sprechen dafür, dass auch Geimpfte oder Genesene andere infizieren können. Bei einer großen Veranstaltung hat man dann ganz schnell einen Ausbruch, der jene gefährdet, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft sein können. Da muss die Politik nachsteuern, dass wir als Experten beraten und zumindest genehmigen müssen.

Interview: Jutta Rippegather

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