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Der Prachtkerl.

Goetheturm

Frankfurt und die Liebe zum Goetheturm

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Die „Erstbesteigung“ des neuen Goetheturms, ein Tag voller Emotionen im Stadtwald. 15 FR-Leserinnen und -Leser durften dabeisein.

Leute. Es ist doch nur ein Holzturm. Im Ernst. Ein hübscher Holzturm, das schon. Und ziemlich idyllisch gelegen, so mitten im Wald, das muss man auch sagen. Aber bei aller Liebe: nur ein Holzturm. Und wieso haben wir jetzt plötzlich alle was im Auge?

Freitagnachmittag, Frankfurter Stadtwald. Ein spezieller Moment. Menschen setzen ihren Fuß auf die erste von gut 170 Stufen. Die Zahlen werden im Verlauf der nächsten Stunde auseinandergehen, mal sind es angeblich 172, mal 173, dann wieder 175, und auch die Zahl von damals variiert zwischen 188 und 196. Oh, damals. Als der alte Goetheturm noch stand. Bevor er abbrannte.

111, 112, 113 …

„Ich hab’ geheult“, sagt Alexandra Adam, geheult um den alten Goetheturm, wie so viele, die das Holzding ins Herz geschlossen hatten. Jetzt strahlt sie als eine von 15 sogenannten Erstbesteigerinnen und Erstbesteigern, die mit der FR nach oben dürfen auf den frisch errichteten Erben. Alexandra Adam hat ihr Abi gefeiert am Fuße des Turms. Damals. Fürs Wiedersehen trägt sie ein Shirt mit dem Slogan „Uffbaue!“ – Teil der überwältigenden Spendenaktion der Bürgerinnen und Bürger für den Wiederaufbau.

Silke Köding, Manfred Weers und jede Menge Frankfurt.

„Er sieht schöner aus als vorher“, sagt Wolfgang Hoffmann, der sich mit Türmen auskennt: Er hat bei der Commerzbank gearbeitet. Damals. Silke Köding war mit 18 zum ersten Mal oben auf der Plattform. Und dann immer wieder, so oft es ging. „Der Brand hat mich erschüttert“, sagt sie, ebenfalls Spenderin für den Neubau. „Und das Gejammer jedes Mal, wenn wir vorbeigekommen sind, und der Turm fehlte“, sagt ihr Partner Manfred Weers mit einem Zwinkern. „Aber der Turm ist ein Stück Lokalgeschichte“, lobt er. „Wie der alte Henninger-Turm.“ Und der Weihnachtsmarkt hier, da sind sich beide einig: „Der schönste in Frankfurt.“

Die erste Etage hat Treppenstufen aus Metall. Die brennen nicht. Auf jedem Stockwerk gibt es eine Holzbank zum Ausruhen. Auf jedem Stockwerk wird die Aussicht schöner. Auf jedem Stockwerk wachsen Freude und Rührung, weil er wieder da ist, der Herzensturm.

Goetheturm

Eine halbe Stunde auf dem Goetheturm haben 15 FR-Leserinnen und -Leser gewonnen. Diese „Erstbesteigung“ am Freitag war deshalb so wertvoll, weil der neu errichtete Turm voraussichtlich erst im April endgültig eröffnet werden kann, sagt Susanne Gonsior-Hahmann, Projektleiterin im Grünflächenamt. Bis dahin müssen weitere Sicherungsnetze montiert und die Außenanlage auf Vordermann gebracht werden. Für den 8. und 9. Mai 2021 ist ein Goetheturmfest geplant. Ob es den beliebten Weihnachtsmarkt auf dem Gelände in diesem Jahr geben wird, ist offen, nicht zuletzt wegen Corona. Barrierefrei hätten die Planerinnen und Planer den Turm gern konzipiert. Das sei aber technisch nicht möglich gewesen: Ein Aufzug hätte aus Brandschutzgründen keine Chance auf Genehmigung gehabt, und eine Rampe mit der maximal erlaubten Steigung von sechs Prozent wäre ihrerseits ein monumentales Bauwerk geworden. 43,30 Meter hoch ist der Turm. 2,4 Millionen Euro hat der Bau gekostet. Den Großteil (2,1 Millionen) bezahlte die Versicherung, rund 200 000 Euro für Extras wie Netze, Zaun und Kameras steuerten die Bürgerinnen und Bürger mit Spenden und einfallsreichen Sammelaktionen bei. Der Zugang zum Turm wird konsequenter als bisher abgeriegelt in den Zeiten, in denen er geschlossen ist. Rund um die Treppen sichern Netze die Besucher gegen Abstürze – auch oben auf der Aussichtsplattform ist das vorgesehen. Die Erstbesteigerinnen und -besteiger haben den Vorteil, noch ohne Netz in die Ferne zu schauen. Die exakte Zahl der Treppenstufen hätte die FR gern für sie gezählt. Der Reporter war jedoch bei zwei Auf- und Abstiegen so in seiner Kindheit versunken, dass er es jedesmal vergaß. ill

Robert Morks lebt seit mehr als 50 Jahren in Sachsenhausen. Die Ausflüge als Kind, die Aufregung über die Höhe, der Schock, als der Turm brannte – alles wieder da. Wie Philipp Hercher ist er entzückt vom erneuerten Wahrzeichen: „Sieht super aus.“

Noch eine Etage, dann sind wir oben. Norbert Witzel sieht bewegt aus, und das ist er auch. Von Babenhausen radelte er mit der Familie nach Frankfurt, seit er denken kann. Ziel: Goetheturm. „Als ich zwei Jahre alt war, hat mich mein Vater schon da hochgetragen“, schwelgt er. Der Vater, 1930 geboren, war ein Jahr älter als der Goetheturm. Die Mutter, heute 86, sprach erst kürzlich davon, dass sie dem Turm mal wieder einen Besuch abstatten möchte. Und dann gewinnt Norbert Witzel die Erstbesteigung mit der FR. „Ich hab noch nie was gewonnen“, sagt er. Und sein Gefühl jetzt? „Herzschmerz.“ Er sei zwar nicht der alte, der Turm, aber: „Phoenix aus der Asche, erbaut für die Ewigkeit – hoffentlich schafft er’s diesmal.“

Wer ahnte, dass da ein Kupferdach drauf ist?

Oben angekommen, jede Stufe genossen. Der Wind pfeift, kalt ist es, aber immerhin: kein Regen. Maren Wieß ist ein ganz kleines bisschen neidisch auf die Europaturm-Besuchstour der FR vom Mittwoch, da war es doppelt so warm – fast zweihundert Meter höher. Aber sie genießt den Blick genau wie Inka König. Von ihrem Arbeitsplatz bei der Frankfurt School sieht sie den Goetheturm – „jetzt kann ich mal aus der anderen Richtung gucken“.

Schon seit vier Stunden steht Petra Luxenburger vom Vereinsring Sachsenhausen auf der Plattform im Wind und ist immer noch fröhlich. „Wir haben gesagt: Das können wir nicht machen, der Turm fertig, und keiner darf hoch.“ Im Winter ist er nämlich ohnehin gesperrt, und jetzt stehen noch Arbeiten an den Sicherheitsnetzen und an der Außenanlage auf dem Programm. Das wird nichts mehr bis Ende Oktober. Also hat die Stadt zwei Wochenenden angeboten, an denen die Fans hinaufdürfen, alle mit Anmeldung – oder als glückliche Gewinner etwa bei der FR. Zack, waren alle Zeitfenster ausgebucht. Frankfurt und der Goetheturm, wie gesagt: Es muss Liebe sein.

Kollege Henninger und die Typen von drüben.

Petra Luxenburger weiß etwas, das wir nicht sehen: Der Turm hat ein Kupferdach, gesponsert von einer Spezialfirma. Die mächtigen hölzernen Eckpfeiler sind aus spanischer Kastanie, erklärt sie den Fans, und die Bodenplanken aus Schwarzwälder Eiche. Der Kran, der die schweren Teile nach oben hievte, brauchte 80 Tonnen Gegengewicht.

Ein Flaschenzug wäre gut, sagt die Frau vom Vereinsring. Um Kaffee zu holen. Der Weg zur Kanne ist weit. Aber der Blick. Ganz schwer zu sagen, wohin er am schönsten schweift. Die Skyline hier, dort der Stadtwald. So grün sieht man Frankfurt sonst nie wie vom Goetheturm.

Auf dem Holzweg.

„Wir sind Frankfurter, der Turm ist ein Teil unseres Herzens“, sagt Christian Amberg. Ein großes. Petra Kachel-Pfaff und ihr Mann haben ihre Hochzeit in der Goetheruh am Fuß des Turms gefeiert, damals. Im Hitzesommer 2003 hatten sie das als gute Idee ausgeheckt, und dann saßen sie beim Fest im Jahr darauf mit dicken Klamotten da. Der Liebe tat es keinen Abbruch, nicht füreinander und nicht für den Goetheturm.

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