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Frankfurt und die Klimakrise: „Das ist jetzt euer Wald“

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Von: Thomas Stillbauer

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Lilli (schwebend) und Luisa aus dem Carl-Schurz-Gymnasium heben das Pflanzloch für einen jungen Baum aus.
Lilli (schwebend) und Luisa aus dem Carl-Schurz-Gymnasium heben das Pflanzloch für einen jungen Baum aus. © christoph boeckheler*

Zum „Tag des Baumes“ pflanzen Schülerinnen und Schüler junge Rotbuchen und Stieleichen im Stadtwald am Stadion. Und die 14- und 15-Jährigen können noch träumen.

Forstwirt Jürgen Schläger ist perplex: „Ja, Jungs, was’n mit euch los?“ Wer hier den ersten Spaten in die Erde steckt, hat er gefragt. Niemand. Da muss dann schon Jaslin kommen, „dann also die Mädels“, sagt Schläger anerkennend. Ein hartes Stück Arbeit für Jaslin, denn die Erde, die ist trocken und humorlos.

„Tag des Baumes“ im Stadtwald, unweit des Waldstadions. Eine 9. Klasse der Sachsenhäuser Carl-Schurz-Schule ist am ersten Tag nach den Ferien direkt ins Grüne gekommen statt ins Klassenzimmer. Mission: 200 Bäume pflanzen in geschichtsträchtiger Zeit. 650 Jahre Stadtwald, sagt Klima- und Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne), und 70 Jahre ist es her, dass Bundespräsident Theodor Heuss mit der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) den Ehrentag ausrief, um sodann den ersten Baum zu pflanzen.

Jürgen Schläger feuert Jaslin an: „Drauf, mit allem, was du hast!“ Jaslin wuchtet schließlich einen Erdballen heraus, im Boden klafft ein Loch. Hinein mit dem dreijährigen Bäumchen, gestatten, Rotbuche, „Baum des Jahres“, festtreten, mit den besten Wünschen. Auf die Zukunft.

„Sieht ein bisschen ulkig aus“, hat Stadträtin Heilig zu einem der dürren Setzlinge gesagt. Dabei ruht die Hoffnung auf den Bäumchen. Rotbuchen, aber auch Stieleichen setzen die Schülerinnen und Schüler, Försterinnen und Förster in den knorrigen Boden. „Der Stadtwald leidet unter dem Klimawandel“, sagt Heilig, und der Wettergott weiß, dass sie reich wäre, bekäme sie einen Euro für jedes Mal, das sie seit 2018 davon sprach. Gut, dass die junge Generation heute dabei ist, lobt sie, während es ein winziges bisschen nieselt („symbolischer Regen“, lästert ein SDW-Mann). Heilig: „Ihr habt wegen Corona keine leichte Zeit hinter euch. Hoffentlich kommen bessere Zeiten – ihr pflanzt diese Bäume für euch.“

Lilli beispielsweise pflanzt gerade einen. Und sagt: „Es fühlt sich gut an, weil wir was für die Zukunft tun.“ Inzwischen wüssten wirklich alle, wie es um den Wald steht. „Die ganz großen Dinge kann ich als 14-Jährige nicht reißen“, sagt sie. Aber Bioprodukte einkaufen, nachhaltige Klamotten, Reisen mit dem Zug, das sei für alle drin.

Wie schnell ein Forst stirbt

Klassenlehrer Nils Becker hat im Erdkundeunterricht mit den jungen Leuten über die Klimakrise gesprochen, übers CO2-Sparen, über Nachhaltigkeit. „Wir müssen Antworten finden“, mahnt er. So sieht es auch der Frankfurter SDW-Vorsitzende Andreas Knöffel, zugleich Revierleiter im Stadtforst. „Die Klimakatastrophe hat uns voll erwischt“, sagt er. Wie schnell ein über Jahrzehnte intakter Wald abstirbt: „Das war für mich unfassbar.“ Kollegen sähen ihr Lebenswerk zerstört. „30 Jahre habe ich gedacht, ich hätte den Wald verstanden.“ Nun hilft nur noch hoffen – und nachpflanzen. „Das ist jetzt euer Wald hier“, sagt er den Schurz-Schülerinnen und Schülern.

Die sind gut dabei, nicht nur beim Pflanzen. 40 Leute zählten zum „Nachhaltigkeitsausschuss“ des Gymnasiums, berichtet die 15-jährige Luisa; der habe Solarzellen auf dem Dach, Mülltrennung und eine nachhaltige Mensa initiiert – und den Podcast „Courage – we’re still dreaming“ (bei Spotify). Respekt. Und die Zukunft? „Viele Junge interessieren sich – aber es müssten auch Ältere, Einflussreiche mitziehen“, sagt Luisa. Damit die Erderwärmung milde verläuft. Damit wieder Schnee fällt. Ohne Schnee, der liegenbleibt und in den Boden sickert, sagt Forstwirt Schläger, „ist Frankfurt hoffnungslos verloren“.

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