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Porträt der Fotografin Helena Heilig von Sandra Beimfohr (rechts) und Nina Karp, den Inhaberinnen „Der Brücke“ in Sachsenhausen. Die Münchnerin dokumentiert in einem Kunstprojekt „Wirte im Lockdown“.
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Porträt der Fotografin Helena Heilig von Sandra Beimfohr (rechts) und Nina Karp, den Inhaberinnen „Der Brücke“ in Sachsenhausen. Die Münchnerin dokumentiert in einem Kunstprojekt „Wirte im Lockdown“.

Lockdown

Barmenschen in der Corona-Krise

  • Kathrin Rosendorff
    vonKathrin Rosendorff
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Manche Gastronomen in Frankfurt arbeiten als Seelentröster, Aushilfen statt in der Bar im Supermarkt, andere sind zum Abwarten verdammt.

Daniela Gottschalk betreibt eigentlich die Bar „The Place to be“ in der Frankfurter Innenstadt. Aber jetzt, im zweiten Lockdown der Corona-Pandemie, versucht sie, Geld als Psychotherapeutin zu verdienen. „Ich will das Beste aus einer schlechten Situation machen. Corona ist nicht nur finanziell, sondern eben auch energetisch sehr anstrengend.“

Laut Dehoga Hessen haben erst 38 Prozent der Hotels und Gastronomien die vollständigen November-Hilfen und nur vier Prozent die vollständigen Dezember-Hilfen bekommen. „Die Luft wird dünn“, sagt Julius Wagner, Hauptgeschäftsführer des Dehoga Hessen. Schon beim ersten Lockdown hätten einige Gastronomen Regale im Supermarkt aufgefüllt, um Geld dazuzuverdienen. Betriebsaufgaben gäbe es bislang nur vereinzelt, aber nur, weil die Insolvenz-Antragspflicht noch ausgesetzt sei.

Neben der materiellen Not käme auch die psychische Verzweiflung dazu – wann geht es weiter? „Die Unternehmen brauchen jetzt Hoffnung und echte Perspektiven.“

Dass Daniela Gottschalk eine Therapeutenpersönlichkeit habe und ihr die Leute gerne ihre Sorgen erzählten und bei ihr Rat suchten, habe sie schon vor Jahren als Barfrau und Suppen-Gastronomin entdeckt. 2009 habe sie dann ihren Abschluss als Psychotherapeutin nach dem Heilpraktikergesetz gemacht. „Ich wollte meinen Gästen besser helfen können. Psychotherapeutin als zweites Standbein aufbauen, hatte ich schon länger im Kopf. Aber ich dachte, ich mache das irgendwann, wenn ich alt bin, Corona hat diese Idee jetzt beschleunigt.“

Als Psychotherapeutin zu arbeiten, erschien ihr zudem inmitten der Corona-Krise eine sinnvolle Aufgabe. „Gerade jetzt gibt es einen starken Bedarf an Beratung. Auch Menschen, die vorher keine Probleme hatten, fühlen sich jetzt oft sehr isoliert. Andere fühlen sich der Situation ohnmächtig ausgesetzt, irrationale Ängste werden nach oben gespült. Neurosen verstärken sich“, betont Gottschalk. Unter ihren Patient:innen seien auch Stammgäste, die sie beim Spazierengehen, über Zoom oder am Telefon nun wahlweise auf Deutsch oder Englisch berät. Dabei hilft sie bei depressiven Verstimmungen bis zu Beziehungsproblemen. „Geisteskrankheiten wie Schizophrenie und alles, was medikamentenpflichtig ist, darf ich nicht behandeln.“

Die Kund:innen zahlten privat, weil die gesetzliche Krankenkasse ihre Stunden nicht übernimmt. Und klar, da sei eben auch die finanzielle Not: „Ich muss weiterhin die volle Miete für die Bar zahlen, denn die Vermieter dürfen weiterhin die volle Miete nehmen. Es wird trotz Hilfen eng.“ Auch wenn der Lockdown vorbei ist, will sie tagsüber Therapien anbieten und abends in der Bar arbeiten. Beides seien ihre Herzensjobs.

Aber viele haben keine Plan-B-Option zum Geld verdienen. Von April bis Dezember 2020 sind laut Arbeitsagentur 11 439 Menschen in Hessen arbeitslos geworden, die im Gastgewerbe tätig waren. Das seien 7847 (plus 48 Prozent) mehr als im Vorjahreszeitraum. Für das Gastgewerbe gab es im Dezember 770 offene gemeldete Stellen. Es würden wie in allen Branchen deutlich mehr Fachkräfte gesucht als Helfer:innen.

„Viele von uns sind zum Warten verdammt, es gibt gerade jetzt kaum Jobs und auch nicht alle sind mehr so jung und fit, um im Supermarkt Regale einzuräumen“, erzählt Luzie Hartel, die Betreiberin der Frankfurter Kneipe „Lebensfreude Pur“. „Einige meiner Kollegen in der Nachtgastro haben ehrenamtlich für Krankenhauspersonal gekocht, andere versuchen ihre Lokalitäten vorübergehend in einen Shirt-Laden umzuwandeln, aber leider ohne Erfolg. Wir können ja auch als reine Bar ohne Küche keine To-Go-Sachen anbieten.“ Eine Darmstädter Studentin, die normalerweise in einer Bar jobbt, erzählt, dass sie jetzt im Krankenhaus als Aushilfe Patientenbetten zum OP-Saal schiebe.

Und dann gibt es noch die, die kreativ geworden sind. Jeden Freitagabend sitzt Barkeeper Dennis Pomplitz in der „Goldenen Krone“ in Darmstadt am Wählscheiben-Telefon der Kneipe. Zur Barkeeper-Sprechstunde. „Zunächst war es eine Idee meiner Chefin, um Präsenz zu zeigen. Wir wollten unseren Gästen ein Stück weit Normalität zurückgeben. Sie können zu Hause Bier trinken und statt am Tresen mit mir am Telefon über ihre Probleme sprechen. Es geht um Beziehungsprobleme, aber viele haben auch wegen der Corona-Krise ihren Job verloren,“ erzählt er.

„Ich habe hier auch die Notfall-Seelsorge-Nummer liegen. Ich bin ja kein Therapeut, aber noch habe ich sie nicht weitergeben müssen. Am Ende sind die Gespräche immer positiv verlaufen.“

Die Sprechstunde kommt so gut an, dass es im Anschluss nun einen Live-Stream gibt, wo er und ein DJ mit den Gästen interagierten. Das alles ist für Pomplitz selbst auch wichtig. „Es gibt mir auch ein Stück weit Normalität in Zeiten von Corona zurück. Zumindest an einem Abend in der Woche. Ich bin in Kurzarbeit, also auch finanziell immens von der Krise betroffen. Das Geld deckt gerade mal meine Miete und Nebenkosten, lange verkrafte ich das nicht.“

Eugen Opielka, der Wirt der Bockenheimer Eckkneipe „Zum Tannenbaum“, hatte diese erst im vergangenen Mai übernommen, weil die Vorgänger aufgehört hatten und er wollte, dass sein Stammlokal weiter existiert. Bis 2017 hatte er einen großen Taxibetrieb in Frankfurt. „Ich hatte den Vertrag unterschrieben, da war Corona noch so irgendwas in China, da war mir noch nicht bewusst, dass dieses Virus die Welt auf den Kopf stellen würde,“ sagt der Wirt. „Von Mai bis Mitte November hatten wir mit weniger Tischen wegen der Abstandsregeln geöffnet. Ich halte die Kneipe am Laufen, aber ich muss an meine Reserven gehen,“ erzählt er weiter. Bislang habe er nur Abschläge der November- und Dezember-Hilfen erhalten. „Also nur etwa 50 Prozent davon.“

Wütend auf die Politik, dass der Lockdown verlängert wurde, sei er nicht: „Ich sehe das bei den aktuellen Corona-Zahlen alles ein. Und was würde es bringen, wenn wir jetzt öffnen dürften und dann zum Hotspot würden?“ Aber sein ursprünglicher Wunsch, die Kneipe als Spaßfaktor weiterzuführen, sei jetzt im Keller.

Zwei Festangestellte habe er, die bekämen Kurzarbeitergeld, aber seine fünf Aushilfen eben nichts. „Das Schlimmste ist, dass das Trinkgeld fehlt. Die Aushilfen hängen völlig in der Luft.“ Das Geld, das durch eine Spendenaktion der Stammgäste eingegangen sei, teile er unter seinen Festangestellten und den Aushilfen auf. „Vor Corona verdienten die Aushilfen an einem guten Abend mehr mit dem Trinkgeld als mit dem Lohn.“ Er sagt: „Vor März, April rechne ich nicht damit, dass wir wieder öffnen dürfen.“

Zoe Müller, die normalerweise als Aushilfe im „Tannenbaum“ arbeitet, hat nun einen 450-Euro-Job an der Supermarktkasse. Die 21-Jährige studiert an der FH Frankfurt Soziale Arbeit. „Ich habe zwar das Glück, dass ich noch zu Hause wohne, aber ich muss weiterhin meine Studiengebühren bezahlen.“ Sie vermisse die Arbeit im „Tannenbaum“ sehr. „Das ist doch eine ganz andere Klientel als im Supermarkt. An der Kasse gibt es keine längeren interessanten Gespräche wie mit den Leuten dort. Sobald es wieder möglich ist, kündige ich im Supermarkt und kehre sofort in die Kneipe zurück“, sagt sie.

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