Suizidhilfe

Frankfurt: Vom Umgang mit dem Recht zu sterben

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
    schließen

Eine Diskussion im Haus am Dom über das Gerichtsurteil zum Suizidparagrafen 217: „Das Angebot der Suizidhilfe ist ein unmoralisches Angebot.“

Was wird, wenn es zu Ende geht, wenn der Mensch nicht mehr leben will? Dann hat er das Recht, sein Dasein zu beenden und sich dazu auch professionelle Hilfe zu holen. Das hat das Bundesverfassungsgericht im Februar entschieden. Über Konsequenzen aus dem vielbeachteten Urteil gegen den Paragrafen 217 des Strafgesetzbuchs diskutierten Fachleute aus Kirche, Ethik und Medizin am Wochenende auf Einladung des Domkreises Kirche und Wissenschaft im Frankfurter Haus am Dom.

„Letztlich muss jede Person selbst entscheiden, ob sie weiterleben will“, sagte Alfred Simon von der Göttinger Akademie Ethik in der Medizin, das sei dem Urteil zu entnehmen: „Ob der Grund, sterben zu wollen, gut ist oder nicht, kann nur die Person selbst entscheiden.“

In dem Punkt widerspricht Noreen van Elk aus dem Berliner Kommissariat der deutschen Bischöfe. „Wir respektieren das Urteil“, sagte sie. „Aber der Mensch ist keine Insel, sondern er gehört einem Geflecht sozialer Beziehungen an: Ich bin nicht nur mir gegenüber verantwortlich, und ich muss meine Entscheidung auch vor Gott verantworten.“ Da finde die Entscheidungsfreiheit ihre Grenzen.

Gefahr befürchtet

Stephan Sahm vom Frankfurter Institut für Geschichte und Ethik in der Medizin erklärte das Gerichtsurteil für nicht nachvollziebar und „in der Rhetorik völlig überzogen“. Er sieht in der Freigabe gewerblicher Suizidhilfe eine große Gefahr: „Es geht mir darum, dass das Angebot der Suizidhilfe in vielen Fällen tödliche Konsequenzen hat. Das Geschäftsmäßige schafft einen Eindruck von Normalität.“ Er erwarte Tausende zusätzliche Suizide.

Am Anfang müsse stets die Suche nach einem Ausweg stehen, betonen die Kritiker. So sieht es auch der Frankfurter Mediziner Leo Latasch, der dem deutschen Ethikrat angehört. Er sagte aber: „Sie können Schmerzen nicht bei allen Patienten komplett lindern. Aber was biete ich dann an? Ein Beißholz?“ Ärzte könnten Patienten mitunter nur sagen: „Zehn Prozent deiner Schmerzen kann ich lindern, aber mit 90 Prozent musst du leben.“ Das Urteil löse diesen Konflikt auf, sei aber übers Ziel hinausgeschossen. Der Paragraf 217 sei ja entstanden, um zu verhindern, dass Suizid ein kommerzielles Geschäft wird. „Da haben wir jetzt die Tür wieder geöffnet.“

Auch ohne den kommerziellen Aspekt hält es Noreen van Elk für falsch, Menschen zu sagen: „Sie können sich ja auch umbringen.“ Stephan Sahm betonte: „Das Angebot der Suizidhilfe ist ein unmoralisches Angebot.“ Für Leo Latasch ist es jedoch der größere Skandal, dieses Angebot zu unterschlagen, obwohl es bereits 2017 vom Bundesverwaltungsgericht letztinstanzlich für rechtens erklärt wurde. Nachdem das Gericht entschieden hatte, Schwerkranke in einer unerträglichen Leidenssituation müssten ausnahmsweise eine Erlaubnis zum Erwerb tödlich wirkender Betäubungsmittel erhalten dürfen, hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) entsprechende Schritte des Bundesamts für Arzneimittel und Medizinprodukte unterbunden. „Spahn gab die Direktive: Wir halten uns nicht an das Gesetz“, sagte Latasch, „das muss man sich mal vorstellen.“ Ein Drittel der betroffenen Patienten habe die Wartezeit bis zum nun ergangenen Urteil des Verfassungsgerichts nicht überlebt: „Die sind teilweise elend eingegangen.“ Und es gebe schon wieder Ansätze zu sagen: „Na ja, jetzt gucken wir mal, wie wir mit dem Urteil umgehen, jetzt holen wir mal Meinungen ein.“

„Welchen Weg gehen wir, um das Thema zu befrieden?“, fragte schließlich der Moderator des Abends, FR-Redakteur Georg Leppert. „Wir sollten das Recht auf Selbstbestimmung einfach mal akzeptieren“, schlug Alfred Simon vor, „und zugleich verhindern, dass jemand an der Hilfe beim Sterben verdient.“ Das Angebot der Hilfe für Menschen mit Sterbewunsch müsse besser werden, forderte Latasch, besonders in dem Sinne, sie auch zu überzeugen: „Du bist noch nicht so weit.“ Wenn der Mensch aber dennoch nicht zu überzeugen sei? „Dann heißt das nicht, dass wir versagt haben.“

„Wie wirkt sich das auf eine Gesellschaft aus?“, fragte am Ende Noreen van Elk. „Mit dieser Frage müssen wir uns befassen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare