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Wer in der Firma einen Parkplatz gestellt bekommt, ist kaum zum Umsteigen zu bewegen.

Verkehr

Frankfurt: Umdenken setzt ein

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Beim Verkehr hat die Politik jahrzehntelang falsche Prioritäten gesetzt. Eine Analyse.

Jeder zweite der 2,2 Millionen Beschäftigten, die in den 25 Kreisen oder kreisfreien Städten der Metropolregion Frankfurt/Rhein-Main wohnen, pendelt über Kreisgrenzen hinweg zum Arbeitsort. So steht es in der Stau- und Pendlerstudie 2018 der Industrie- und Handelskammer Frankfurt. Sie bildet die Region als das ab, was sie ist: als stark wachsendes Gesamtgebilde mit Frankfurt als Kern, mit dem sogenannten Speckgürtel drum herum und außen den weiter entfernten Orten.

Frankfurt ist zwar das häufigste Ziel der Pendler. Knapp zwei Drittel aller Beschäftigten wohnen nicht in der Stadt. Doch die Verkehrsströme in und durch die City sind vielfältig, was deren Steuerung so schwierig macht. Das S-Bahn-Netz ist ein Konstrukt aus den alten Zeiten, als sich noch alles auf Frankfurt zentrierte. Inzwischen sitzen jedoch in vielen Orten der Region attraktive Arbeitgeber. Und nicht jeder, der dort arbeitet, kann oder will umziehen. Zumal überall in Rhein-Main die Mieten steigen, Wohnraum knapp ist. Und der Partner oder die Partnerin arbeitet ja oft auch woanders.

Frankfurt wächst. Die Region wächst.

Eine Lösung: ein Schienen-Ring rund um Frankfurt. Die jahrzehntelang diskutierte Regionaltangente West hat an Fahrt aufgenommen. In sieben Jahren soll sie in Betrieb gehen. Sieben Jahre sind eine lange Zeit. Und es gibt viele andere Projekte, die schon lange hätten in Angriff genommen werden können, wenn die Politik nicht die falschen Prioritäten gesetzt hätte. Und nun damit kämpft, dass in den Innenstädten die Luft zu dick ist. Mehr als 15 Jahre ist es her, dass eine neue S-Bahn-Strecke eröffnet wurde. Und zwar die in den Rodgau. Jetzt endlich setzt ein Umdenken ein.

Frankfurt wächst. Die Region wächst. Angesichts des Angebots ist öffentlicher Nahverkehr für viele keine Alternative. Die Fahrt von Karben im Wetteraukreis nach Wiesbaden etwa dauert mit dem Umsteigen am Frankfurter Hauptbahnhof locker zwei Stunden. Die Alternative: sich einreihen in den zähflüssigen Verkehr auf der Autobahn A5. Und die ist, wie aufmerksame Radiohörer wissen, eine sehr beliebte. Zumal es Zeitgenossen gibt, die lieber zeitweise im Stau im eigenen Auto sitzen, als gequetscht im Zug stehen zu müssen.

Die mangelhafte Infrastruktur ist aber nur ein Grund dafür, dass trotz Freigabe des Standstreifens auf den Autobahnen regelmäßig Stillstand eintritt. Die Wahl des Verkehrsmittels hat viel mit Emotionen zu tun, aber auch mit Kosten und Gewohnheit. Wer in der Firma einen Parkplatz gestellt bekommt, ist kaum zum Umsteigen zu bewegen. Ein Jobticket macht es leichter. Gute Abstellmöglichkeiten fürs Rad an den Stationen sind ein Muss für bewegungsfreudige und ökologisch bewusste Pendler aus Orten mit einem Busangebot, das sich an den Schulzeiten orientiert.

Finanzielle Anreize, ein attraktives Angebot, Bewusstsein schaffen, auch sein eigenes Mobilitätsverhalten überdenken. So könnte es klappen mit der Verkehrswende, von der letztendlich alle etwas haben: Jene, die aus welchen Gründen auch immer nicht aufs Auto verzichten können, stehen seltener im Stau. Die anderen haben mehr Zeit und Muße zum Lesen, Handy-Daddeln oder Aus-dem-Fenster-Schauen. Und alle profitieren von besserer Luft, weniger parkendem Blech in den Straßen und einem lebenswerteren Umfeld.

Von Jutta Rippgather

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