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Frankfurt: Umstrittenes Hilfsangebot der Zeugen Jehovas für ukrainische Geflüchtete

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Von: Yağmur Ekim Çay

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Geflüchtete aus der Ukraine kommen am Hauptbahnhof Frankfurt an. (Archivfoto)
Geflüchtete aus der Ukraine kommen am Hauptbahnhof Frankfurt an. (Archivfoto) © Boris Roessler/dpa

Zeugen Jehovas warten am Hauptbahnhof Frankfurt auf ukrainische Geflüchtete. Nicht alle sind davon begeistert.

Frankfurt – Freitagmorgen um 8 Uhr. Ein Zug aus Berlin kommt im Frankfurter Hauptbahnhof an. Darin befinden sich neben anderen Fahrgästen auch ukrainische Geflüchtete, die in Frankfurt und Umgebung ein neues Leben anfangen wollen. Auf dem Bahnsteig warten auf sie nicht nur Angehörige, Freund:innen oder die Bahnhofsmission, sondern – ausgestattet mit „Willkommen“-Bannern in russischer und ukrainischer Sprache – die umstrittene religiöse Sekte „Zeugen Jehovas“.

Nach eigenen Angaben der Zeugen Jehovas begleiteten sie bereits mehr als 6400 ukrainische Geflüchtete mit „humanitärer Hilfe“ in Deutschland, darunter etwa 500 in Frankfurt, die sie direkt am Frankfurter Hauptbahnhof „unterstützten“. Ein Teil der Menschen, die dort ankamen, hatte sich bereits im Voraus angekündigt, fast die Hälfte jedoch nicht. „Dass sie hier die neu ankommenden Geflüchteten aus der Ukraine abfangen wollen, ist ja klar“, sagt ein Mann, der das Auftreten der Zeugen Jehovas am Hauptbahnhof beobachtet hat. „Ich finde es problematisch. Vor allem, wenn die Flüchtlinge selbst nicht wissen, wer die Zeugen Jehovas sind.“

Geflüchtete aus der Ukraine am Hauptbahnhof Frankfurt: Zeugen Jehovas stehen in der Kritik

Die Religionsgemeinschaft steht immer wieder in der Kritik, denn sie schottet sich von der Außenwelt ab und ein Ausstieg ist oft nicht möglich. Zuletzt berichtete Simone Schmollack in der „taz“ über Erkenntnisse der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs zu Kindesmissbrauchs bei den Zeugen Jehovas. Missbrauchsopfer fänden in der Sekte kein Gehör und keinen Schutz, heißt es in dem Beitrag.

„Die Art der Hilfeleistungen ist sehr vielseitig“, sagt der Pressesprecher der Zeugen Jehovas, Jochen Feßenbecker, zur Unterstützung der Geflüchteten. Es gehe um ganz praktische Dinge wie die Vermittlung kurzfristiger Unterkünfte bei Privatpersonen, Hilfe beim Einkaufen, die Bereitstellung von Lebensmitteln oder die Begleitung bei Behörden- oder Arztbesuchen. „Darüber hinaus gehört dazu auch die seelsorgerische Betreuung der teils traumatisierten Geflüchteten.“

Zeugen Jehovas bieten Geflüchteten aus der Ukraine seelsorgerische Betreuung

„Seelsorgerische Betreuung, die sie anbieten, ist nach unserer Erfahrung keine professionelle Betreuung. Wir gehen davon aus, dass die seelsorgerische Betreuung darauf hinausläuft, dass man Geflüchteten von Gott Jehova erzählt “, heißt es vom Verein JZ Help, der Menschen, welche die Zeugen Jehovas verlassen wollen, psychologische und rechtliche Hilfe anbietet. „Da sie wahrscheinlich keine spezifische (oder professionelle) Ausbildung haben, können wir davon ausgehen, dass es sich eher um theologische Betreuung handelt.“

Nach Angaben der Zeugen Jehovas ist das Management der Deutschen Bahn über ihre Aktivitäten im Innenbereich des Bahnhofs informiert. Das bestätigt auch eine Sprecherin der Deutschen Bahn: „Die DB achtet grundgesetzliche Rechte und duldet so auch an den Bahnhöfen die Religionsausübung der Zeugen Jehovas. Die Personen können sich auf die vom Grundgesetz in besonderer Weise geschützte Freiheit des religiösen Bekenntnisses berufen“, sagt sie.

Angebot der Zeugen Jehovas am Hauptbahnhof Frankfurt im Ministerium nicht bekannt

Die Sprecherin des Frankfurter Sozialdezernats Miriam Bandar bestätigt, dass sich Menschen im Innenbereich des Bahnhofs aufhalten und dort ihre Grundrechte wie Religions- und Meinungsfreiheit ausüben dürfen. „Sobald sie aber Menschen aktiv ansprechen oder in anderer Weise aggressiv auftreten, ist der Fall anders zu bewerten. Dies ist bei den Zeugen Jehovas nach unserer Kenntnis bisher aber nicht geschehen“, sagt Bandar „auch sind Geflüchtete mündige Bürger, die selbst entscheiden, von wem und welche Hilfe sie annehmen möchten. Wir klären als Stadt auf und bieten mit unseren Trägern wie der Bahnhofsmission Hilfen und Unterstützung an.“

Auf eine Anfrage der FR antwortete das Hessische Ministerium für Soziales und Integration, ihm sei bislang nicht bekannt, dass es Angebote der Zeugen Jehovas für neu ankommende Geflüchtete am Frankfurter Hauptbahnhof gebe. Das Ministerium weist auf Beratungsstellen wie das Zentrum Ökumene der Evangelischen Kirche sowie die Katholische Akademie Rabanus Maurus hin, die Bürger:innen über Fragen der Weltanschauung informierten. (Yagmur Ekim Cay)

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