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Bürgermeisterin Nargess-Eskandari-Grünberg beim Treffpunkt für Shoa-Überlebende. peter jülich
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Bürgermeisterin Nargess-Eskandari-Grünberg beim Treffpunkt für Shoa-Überlebende. peter jülich

Frankfurt

Fall Gil Ofarim: Shoah-Überlebende in Frankfurt sind schockiert

  • Kathrin Rosendorff
    VonKathrin Rosendorff
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Frankfurts neue Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg besucht den Treffpunkt für Überlebende der Shoah und ihre Angehörige.

Frankfurt am Main - Jedes Mal, wenn sie hier sei, sei sie emotional berührt, sagt Bürgermeisterin Nargess-Eskandari-Grünberg (Grüne). Sie steht am Mittwochnachmittag unweit des Klaviers, vor ihr sitzen im Treffpunkt für Überlebende der Shoah und ihre Angehörigen die Besucher:innen bei Kaffee und Kuchen und hören ihr ebenfalls berührt zu, nicken bei ihren Worten. „Das, was Gil Ofarim passiert ist, kann man nicht fassen“, sagt Eskandari-Grünberg.

Den Davidstern in Deutschland nicht tragen zu dürfen, sei unerträglich. Dieser Platz, den Antisemitismus in Deutschland einnehme, dürfe nicht größer werden. Der Sänger Gil Ofarim hatte in einem Video, das er am Dienstag auf Instagram veröffentlicht hatte, erzählt, dass er am Abend zuvor an der Rezeption des Leipziger „Westin“-Hotels in einer Schlange abgewiesen worden sei, weil er eine Kette mit Davidstern trug. Die Staatsanwaltschaft Leipzig hat die Ermittlungen aufgenommen.

„Das, was Ofarim passiert ist, macht es jetzt schwer, hier zu leben.“

Eine ältere Dame am Tisch sagt: „Das, was Ofarim passiert ist, macht es jetzt schwer, hier zu leben.“ Eskandari-Grünberg sagt, dass sie nicht nur geschockt wegen des Verhaltens des Hotel-Mitarbeiters sei, sondern auch darüber, dass niemand der anderen Menschen in der Schlange reagiert habe. „Niemand hat was gesagt.“

Seit einem Monat ist Eskandari-Grünberg Bürgermeisterin in Frankfurt. Als Auftakt für eine Reihe von Antrittsbesuchen hat sie sich den Treffpunkt für Überlebende der Shoah und ihre Angehörigen ausgesucht. Sie war schon oft hier. Seit 2002 gibt es dort ein wöchentliches Kaffeetrinken, zudem Hilfe im Umgang mit Behörden, Austausch mit anderen Betroffenen, psychologische Hilfe. Finanziert wird das Projekt teils über Spenden, getragen wird es von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland.

200 Überlebende im Rhein-Main-Gebiet gibt es noch. 40 bis 50 kommen regelmäßig zum Café, die wenigsten sind in Deutschland geboren. Über 30 Nationen sind hier vertreten. Ivette Lendvai (85) hat als kleines Kind Auschwitz überlebt. Sie sagt: „Hier treffe ich Menschen, die das Gleiche erlebt haben wie ich. Das ist wichtig.“ Auch die zweite Generation, deren Eltern oft nicht über das Erlebte redeten, fände hier Austausch, sagt die Leiterin des Treffpunkts, Esther Petri-Adiel.

Die Sache nicht unter den Tisch kehren

Der Treffpunkt ist als Pilotprojekt gestartet; mittlerweile gibt es mehr als 30 Treffpunkte deutschlandweit. Dieser Ort sei ein „zweites Zuhause“ für die Menschen, wie Eskandari-Grünberg betont. Sie teilten nicht nur Schmerz, sondern auch Freude miteinander. „Es ist auch ein Ort zum Lachen und Singen“, sagt Eskandari-Grünberg. Ein Ort des Überlebens und extrem wichtig für die Erinnerungskultur, die eben auch für junge Menschen wichtig sei. Sie selbst ist als Flüchtling aus dem Iran vor mehr als 35 Jahren in Frankfurt angekommen. In ihrer Antrittsrede erzählt sie über ihren Schwiegervater, der als einziger von 40 jüdischen Familien in sein Dorf in Norddeutschland zurückgekehrt sei.

Die 81-jährige Liliana Narell erzählt, dass sie nur überlebte, weil ihre Eltern sie als Baby bei einer Frau in Polen versteckten. „Als meine Mutter mich mit fünf Jahren abholte, war sie ein Fremde für mich. Das hat mich traumatisiert.“ Seit 1953 lebt sie in Frankfurt. Sie sagt: „Ich wollte seitdem nie wieder ein Land verlassen.“ Sie betont: „Dass, was mit Ofarim passiert ist, darf nicht unter den Tisch gekehrt werden. Wäre er nicht prominent, hätte nicht mal jemand berichtet.“ (Kathrin Rosendorff)

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