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Astrid Sahm spricht über Tschernobyl und europäische Solidarität.
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Astrid Sahm spricht über Tschernobyl und europäische Solidarität.

PORTRÄT DER WOCHE

Frankfurt: Tschernobyl nie vergessen

  • Steven Micksch
    VonSteven Micksch
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Astrid Sahm engagiert sich für Kinder, die von der Atomkatastrophe betroffen sind. Und hält die Erinnerung wach an den GAU vor 35 Jahren.

Wenn man Astrid Sahm nach ihren Erinnerungen an jene Tage rund um die Atomkatastrophe von Tschernobyl fragt, denkt sie an die Unklarheit, die damals herrschte. Sahm war 18 Jahre alt, ging noch in Offenbach zur Schule. Sie erinnert sich an das schöne Wetter und die Fahrradtour, die sie damals unternahm – und an das Unbehagen, das sie dabei hatte.

„Hessen hatte damals bundesweit den ersten grünen Umweltminister. Da galten andere Grenzwerte als in anderen Bundesländern“, sagt Sahm. Der damalige Minister – Joschka Fischer – setzte beispielsweise von allen Ländern den niedrigsten Grenzwert für Milch fest. Die konfuse Grenzwertdebatte machte deutlich, wie planlos die Bundesrepublik angesichts eines GAUs war und wie schwierig es war, dessen Folgen abzuschätzen.

Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl jährt sich am heutigen 26. April zum 35. Mal. Auch wenn das Thema angesichts vieler anderer Katastrophen nicht mehr so dominant ist, glaubt Astrid Sahm, dass es eines der wenigen Themen ist, die überhaupt über solch einen langen Zeitraum präsent geblieben sind und für die sich zivilgesellschaftliche Initiativen so lange engagieren, auch außerhalb Deutschlands. Die 53 Jahre alte Sahm ist stellvertretende Vorsitzende des Frankfurter Vereins „Leben nach Tschernobyl“ (LnT). Zudem ist sie Vorsitzende des Vereins „Freunde von Nadeshda“. Nadeshda ist ein Rehabilitations- und Erholungszentrum in der Nähe der belarussischen Hauptstadt Minsk. Doch dazu später mehr.

Die gebürtige Offenbacherin setzt sich mit dem Verein LnT dafür ein, dass die Katastrophe von 1986 nicht in Vergessenheit gerät. „Es ist wichtig sich zu erinnern, damit sich Fehler nicht wiederholen.“ Dass die Atomenergie in Deutschland keine Zukunft hat, davon ist Sahm überzeugt und setzt sich auch dafür ein. Nachhaltigere Lösungen müssten her.

Wenn in der Klimaschutzdebatte Atomkraftwerke wieder als CO2-arme Lösung präsentiert werden, moniert die Politikwissenschaftlerin, dass die Idee zu kurz gedacht sei. Die Stilllegung von AKWs sei teuer, die ungeklärte Frage der Endlagerung ein großes Problem und so klein das Risiko bei Kernenergie auch sein möge – trete der Ernstfall ein, seien die Auswirkungen verheerend.

Zur Person

Astrid Sahm ist Politikwissenschaftlerin und Geschäftsführerin der gemeinnützigen Gesellschaft Internationales Bildungs- und Begegnungswerk in Dortmund.

Die 53-Jährige ist zudem Vorsitzende des Vereins „Freunde von Nadeshda“, der in Belarus ein Rehabilitations- und Erholungszentrum für Kinder betreibt. mic

www.freunde-nadeshda.de

Bereits als Jugendliche hatte sich Sahm in den Kopf gesetzt, Russisch sprechen zu wollen. In ihrer Schulzeit lernt sie es an der Volkshochschule. „Mich hat die Sprachmelodie angezogen, aber ich wollte auch das Leben hinter dem Eisernen Vorhang kennenlernen und mir ein eigenes Bild machen.“ Eine Möglichkeit dazu bietet sich 1989. Sie begleitete ihre Mutter, die damals bei der Evangelischen Kirche arbeitete, auf eine politische Pilgerfahrt nach Belarus. Anlass war der 50. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion. Die Fahrt war eine prägende Erfahrung und die Geburtsstunde des Vereins „Leben nach Tschernobyl“.

Vor Ort zeigen sich die Menschen überrascht, als sie hören, dass nach dem Unglück Kinder in Deutschland nicht mehr im Sandkasten spielen dürften und Lebensmittel vernichtet worden seien. „Die Behörden bei ihnen hatten gesagt, dass alles normal sei.“ Eine Lüge, da gut ein Viertel des Landes langfristig verstrahlt war. Im Gespräch mit den Gastgebern wird deutlich: Wenn die deutschen Gäste wirklich Versöhnung wollten, sollten sie etwas machen, damit die belarussischen Kinder eine Zukunft nach Tschernobyl hätten.

Zurück in der Heimat suchen die Vereinsmitglieder nach einer Möglichkeit zu helfen. Am Ende kristallisiert sich die Gründung eines Zentrums mit dem Namen Nadeshda – Hoffnung – heraus. Mit finanzieller Unterstützung, unter anderem des Landes Hessen wird das Projekt realisiert. 1994 kommen die ersten Kinder zur Erholung nach Nadeshda.

Die Kinder bleiben in der Regel 24 Tage im Zentrum, ein Großteil von ihnen hat eine Erkrankung oder Behinderung. Nicht immer haben die Krankheiten heute direkt etwas mit den Auswirkungen von Tschernobyl zu tun. Die kleinen Gäste bekommen in der Zeit medizinische, pädagogische und psychologische Unterstützung.

Astrid Sahm studiert Anfang der 90er Jahre in Frankfurt. Während des Studiums geht sie auch ein halbes Jahr nach Moskau. Ihre Magisterarbeit und ihre Dissertation schreibt sie zu tschernobylbezogenen Themen. Von 2006 bis 2011 arbeitet sie in der Bildungs- und Begegnungsstätte in Minsk. In dieser Zeit ist sie häufig auch im nahe gelegenen Zentrum, entwickelt vor Ort die Strategie weiter und arbeitet an der Gesamtkonzeption mit. Heute wohnt die 53-Jährige in Berlin, ihre Eltern leben immer noch in Offenbach.

Mit dem Projekt des Erholungszentrums will der Verein auch zeigen, dass eine vollständige Versorgung beziehungsweise Umstellung auf erneuerbare Energien möglich ist. Das Projekt nimmt eine Vorreiterrolle ein, da Wärme- und Stromversorgung zu hundert Prozent aus erneuerbaren Energien erfolgen. In der 16 Hektar großen Einrichtung profitieren davon 200 Mitarbeiter:innen und jährlich etwa 7000 Gäste.

In Nadeshda wird es am heutigen Jahrestag der Katastrophe eine Gedenkveranstaltung geben. Die Kinder treffen dann Menschen, die umgesiedelt worden sind oder Rettungskräfte waren. In Deutschland planen Vereinsmitglieder dezentrale Maßnahmen. Sahm wird am Nachmittag bei einer digitalen SPD-Veranstaltung über Tschernobyl und europäische Solidarität sprechen.

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