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Das Amtsgericht Frankfurt.
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Das Amtsgericht Frankfurt.

Justiz

Frankfurt: Tod in der Kurve

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Prozess gegen Lastwagenfahrer, der 78-jährigen Radfahrer auf dem Marbachweg überrollte.

Es ist wohl der Alptraum jedes Radfahrers. Am 3. Dezember 2019 stehen Lastwagenfahrer B. und Radfahrer H. in erster Reihe an einer roten Ampel im Marbachweg. Sie stehen nebeneinander: B. auf der Autofahrspur, H. rechts daneben auf dem Radstreifen. Die Ampel wird grün, beide fahren los, B. biegt nach rechts in die Eckenheimer Landstraße ab. Ob H. nach rechts oder geradeaus fahren wollte, wird sich nie klären lassen. Er wird vom Laster touchiert, gerät unter die Räder, wird überrollt. Herr H. stirbt am Unfallort, einen Tag vor seinem 79. Geburtstag.

Der heute 41 Jahre alte Brummifahrer B. hat dafür vom Amtsgericht wegen fahrlässiger Tötung einen Strafbefehl erhalten: 170 Tagessätze à 45 Euro, dazu ein viermonatiges Fahrverbot. Dagegen hat er Einspruch eingelegt. Man kann ihm das nicht übel nehmen. Sowohl Höhe als auch Anzahl der Tagessätze hat das Amtsgericht im Vergleich zu ähnlichen Fällen recht sportlich angesetzt, und 7650 Euro sind für den verheirateten Vater einer minderjährigen Tochter, der monatlich etwa 1500 Euro netto verdient und einen Kredit abstottern muss, ein Vermögen. Derzeit hat B. Probleme, die Stromrechnung zu bezahlen.

Also kommt es am Mittwochmorgen zur Verhandlung. Eine Menge Zeugen sind geladen. Keiner von ihnen hat beobachtet, wie Herr H. unter die Räder kam. Eine Studentin, eine der ersten am Unfallort, erzählt, was sie gesehen hat. Es sind Bilder, an die sie sich nicht erinnern will. Trotz allem zückt sie am Unfallort ihr Handy, wählt den Notruf. Dann wird es voller. Passant:innen eilen herbei, aus den nahen Geschäften und Kneipen strömen Menschen, auf der Gegenfahrbahn halten Autofahrer:innen an. Viele zücken ihr Handy, machen Fotos.

Die Anklage ist der Ansicht, dass B. den Unfall hätte vermeiden können, wenn er langsamer gefahren wäre, genauer in die Rückspiegel geschaut und diese zuvor korrekt eingestellt hätte. Laut Tachometer ist B. mit 18 Kilometern pro Stunde abgebogen. Paragraf 9 Absatz 6 der Straßenverkehrsordnung sagt: „Wer ein Kraftfahrzeug … über 3,5 Tonnen innerorts führt, muss beim Rechtsabbiegen mit Schrittgeschwindigkeit fahren, wenn auf oder neben der Fahrbahn mit geradeaus fahrendem Radverkehr … zu rechnen ist.“ Diese Rechtsordnung gilt aber erst seit Ende April 2020. Der Gesetzgeber hat sie als Reaktion auf die sich häufenden tödlichen Unfälle eingeführt. In diesem Fall kann sie nicht greifen.

Spiegel gegen toten Winkel

Und das mit den Spiegeln ist so eine Sache. An B.s Laster befanden sich ein Haupt-, ein Rampen- und ein Weitwinkelspiegel. Ein zusätzlicher Frontspiegel hätte laut Gutachter den bei solch einer Konstellation durchaus möglichen toten Winkel eliminieren können. Er ist aber für B.s Laster, ein Modell der älteren Bauart, nicht vorgeschrieben. Das Einstellen der Spiegel muss strengen Vorschriften folgen und gleicht einer Wissenschaft, in der wohl nicht alle Brummifahrer bewandert sind. Der Gutachter sagt, an vielen Autobahnraststätten seien Marker angebracht, mit denen Fahrer die korrekte Einstellung der Rückspiegel überprüfen könnten. Tenor des Gutachtens: Vermutlich hätte B. den Unfall vermeiden können. Aber nicht mit Sicherheit.

So einigen sich die Parteien am frühen Abend dann darauf, das Verfahren nach Paragraf 153 a der Strafprozessordnung vorläufig einzustellen. B. zahlt eine eher symbolische Summe von 3000 Euro an H.s Witwe. Während des Prozesses hatte B. von seinem Schweigerecht Gebrauch gemacht. Eine Polizistin erzählt als Zeugin, wie sie sich am Unfallort um den völlig aufgelösten B. gekümmert habe. „Genau davor habe ich immer die größte Angst gehabt“, habe B. gesagt. Es ist wohl auch der Alptraum jedes Lastwagenfahrers.

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