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Man kann es sehen, aber nicht hören: das Müllauto „Futuricum“ aus der Schweiz.

Elektrische Müllentsorgung

Die Zukunft der Müllabfuhr

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Die FES testet „Futuricum“-Fahrzeuge, die Umweltdezernentin rechnet bei der Gelegenheit mit der deutschen Autoindustrie ab.

Wenn sich durchsetzt, was die Schweizer da am Montagmorgen in Frankfurt vorfahren, dann gute Nacht. Dann können wir nicht mehr sicher sein, dass uns die Müllabfuhr morgens weckt. Was die Schweizer da vorfahren, ist nämlich kaum zu hören. Reporter müssen beinahe von der Straße gerissen werden, damit sie nicht unter die Räder kommen – und wann ließ sich das je über ein Müllauto sagen?

Futuricum Collect 26E heißt das vollelektrische Abfallsammelfahrzeug. „Das Ding macht süchtig“, schwärmt Ludger Beukmann, Logistik-Chef beim Frankfurter Müllentsorger FES. Er fuhr das Ding auf den Riedberg. „Unglaublich, wie groß der Unterschied zu unseren eigenen ist – Sie hören nichts.“ Der Antrieb ist es, der ihn begeistert. „Das ist was grundsätzlich anderes, viel sanfter zu fahren. Wie ein Pkw.“

Und dabei so sparsam. Tobias Wülser, der Futuricum-Erfinder, berichtet von der Anreise nach Frankfurt, 450 Kilometer, das erste Mal so weit raus aus den Alpen. „Weltrekord – und jetzt raten Sie, was die Fahrt gekostet hat.“ Wir lösen auf: 45 Euro. In Winterthur und Pforzheim wurde Strom getankt. Wülser, Geschäftsführer des Herstellers Designwerk, ist ein Pionier. 2010 fuhr er in 80 Tagen mit einem Kabinenmotorrad um die Welt, ebenfalls elektrisch. Das kostete damals 400 Euro.

Aber so günstig der Unterhalt eines E-Müllautos auch sein mag: In der Anschaffung ist es nicht gerade billig: An die 600 000 Euro kostet es, gut doppelt so viel wie der herkömmliche Diesel. Die FES will es jetzt drei Tage lang im Frankfurter Norden testen. „Ganz normal in der Hausmüllsammlung“, sagt FES-Geschäftsführer Benjamin Scheffler. Die derzeitige Kälte sei zwar eine Herausforderung für die Lithium-Batterie; da verkürzt sich die Laufzeit. Aber einen ganzen Arbeitstag mit 800 bis 900 geleerten Mülltonnen hält das Ding durch, da sind alle einig.

700 PS starkes Automatik-Fahrzeug

Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) dreht gleich mal eine Runde als Beifahrerin mit dem etwa 700 PS starken Automatik-Getüm, das weder Stickoxid noch CO2 ausstößt. Und sie hat der Branche etwas mitzuteilen. „Da müssen erst die Schweizer kommen“, wettert sie. „Die deutsche Automobilindustrie hat den Trend verpennt, das muss man ganz deutlich sagen.“ Sie lässt kein gutes Haar an Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) „und seinen 100 Experten“, die das Risiko durch Dieselabgase kleinzureden versuchten: „Wir haben eine echte Krise in Deutschland - der Diesel-Skandal muss dazu führen, dass wir die Luft sauberer kriegen.“

Einen Schritt zur Umsetzung der Frankfurter Klimaschutzziele nennt Siegfried Rehberger den Fahrzeugtest. Der Mann vom Vorstand des größten deutschen Entsorgungsunternehmens und FES-Aufsichtsrat lehnt sich forsch aus dem Fenster: „Innerhalb von zwölf Monaten läuft hier das erste oder zweite dieser Fahrzeuge.“ Den Strom dafür erzeugt die Müllverbrennung: 300 Kilo Kehricht, sagen die Schweizer, genügen für einen Tag Betrieb. Später einmal soll der komplette Kreislauf dann mit Wasserstoff funktionieren.

Ehe Futuricum kommt, will die FES aber ihr Projekt Silent Green mit der Fachhochschule abschließen: ebenfalls leisere und sparsame Gas-Elektro-Müllautos. Einst könnte also die Müllabfuhr sogar nachts heranschleichen. Bliebe nur noch ein Problem: das Piepen beim Rückwärtsfahren.

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