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Professorin Hannah Shakti Bühler gibt Tanzunterricht online.

Tanz-Studium

Frankfurt: Tanz-Studium ohne Berührung und Kontakt

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Die Lehrenden der HfMDK in Frankfurt unterrichten schon seit Mitte März digital. Einige Studierende haben nur wenige Quadratmeter zum üben.

Hannah Shakti Bühler lässt ihre Arme kreisen und an die Außenseite ihrer Oberschenkel fallen. Ein Blick auf die Leinwand - „Yes, that’s it“ sagt sie mit ruhiger Stimme zu den Studierenden.

Die Professorin für Zeitgenössischen Tanz an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) in Frankfurt sitzt auf einem Hocker in einem Tanzstudio im Frankfurter Nordend. Die großen Fenster sind weit geöffnet, von draußen ist Vogelgezwitscher zu hören.

Ihre Studierenden sitzen aber nicht vor ihr, sondern in ganz Deutschland und der Welt verstreut. Über eine Leinwand hat sie die Teilnehmer im Blick. Nicht alle haben ihr Video im Zoom-Meeting angeschaltet. Bei denen, die zu sehen sind, sieht man im Hintergrund Bücherregale, Zimmerwände, Balkone.

Die Tanzabteilung der HfMDK bietet schon seit Mitte März – dem Semesterbeginn für die Tänzer – digitalen Unterricht an. Der Gyrokinesis-Kurs – manchmal als „Yoga für Tänzer“ bezeichnet – von Hannah Bühler richtet sich aber an alle Studierenden der HfMDK.

„Wir bekommen das Feedback, dass viele das Bedürfnis haben, etwas Körperliches zu machen“, erzählt Bühler.

Während des Unterrichts weist sie immer wieder darauf hin, dass die Studierenden nicht nur auf den Bildschirm schauen sollten. „Schaut euch die Zimmerdecke an und den Boden, dort wo ihr seid.“ „Was ist mit euren Augen? Was sehen sie?“

Die Lehrenden der Tanzabteilung haben sich Gedanken gemacht, wie der Unterricht nun organisiert werden kann. „Wir fragen uns: Wie lang sollte die Zoom-Zeit sein? Wie kommt man weg vom Bildschirm?“, erzählt Bühler. Gerade für Tänzer sei es wichtig, eine Balance zu finden zwischen dem Bildschirm und der Wahrnehmung des eigenen Körpers. „Wir sind nicht zweidimensional“, sagt Bühler.

Livestream

Die HfMDK bietet jeden Abend einen Livestream mit Konzerten und Einblicken in den künstlerischen Alltag von 18.00 bis 18.30 Uhr auf: https://www.hfmdk-frankfurt.info/play/

Neben dem Unterricht mit Videokonferenz haben sich die Lehrenden deshalb unterschiedliche Formate ausgedacht. So erlernen Studierende Choreographien ähnlich wie bei Hannah Bühler live über Video, andere arbeiten in Kleingruppen zu bestimmten Themen oder drehen Videos von selbst erstellten Choreographien.

„Die Studierenden sind von 09:30 bis 18 Uhr beschäftigt“, sagt Dieter Heitkamp, Ausbildungsdirektor Zeitgenössischer und Klassischer Tanz an der HfMDK. Statt 90 Minuten sind die Unterrichtseinheiten jetzt nur noch 60 Minuten lang, auch die Pausen sind länger. „Wir müssen die Leute da abholen, wo sie sind. Einige haben nur wenige Quadratmeter zum Tanzen“, sagt Heitkamp. Die Lehrenden fragen ihre Klassen auch regelmäßig, wo die Studierenden emotional und physisch stehen.

Mit dem regulären Unterricht würden die Tänzer gerne im Juni wieder anfangen. Die HfMDK will das Semester also möglichst normal durchführen. „Musiker und Künstler sind Hochleistungssportler, sie müssen mental und physisch im Training bleiben und die Studierenden brauchen dabei Begleitung“, sagt Elmar Fulda, Präsident der Hochschule. Die Vorlesungszeit wurde bis Ende September verlängert, dafür gibt es im Sommer eine dreiwöchige Pause.

„Das Semester läuft extrem asynchron ab. Es ist eine großer Kraftakt von allen, Studierenden, Lehrenden und Verwaltung“, sagt Fulda.

Und auch wenn die Tänzer sich gut angepasst haben – alles geht über Videokonferenzen nicht, zum Beispiel in der Musik: „Die Onlinetools sind für Videokonferenzen gemacht“, sagt Fulda. Dafür brauche man aber maximal die Hälfte des Frequenzumfangs, der für die Übertragung von Musik erforderlich sei.

„Allerdings kennen sich Dozenten und Studierende und können hinzudenken, was fehlt“, sagt Fulda.

Auch im Tanz fehlt etwas: „Gerade im Tanz passiert viel über Berührung und Kontakt“, sagt Hannah Bühler. „Die Körper lernen voneinander, allein durch die Präsenz im Raum.“

Über diese Übertragung werde normalerweise nicht viel gesprochen, weil sie einfach da sei. „Jetzt merkt man, dass es fehlt, das Teilen von Körpern im Raum.“

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